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Von Anouk Meyer
06.04.2009

Es gibt ein Leben danach!

Aber es ist ein Musical – die Neuköllner Oper inszeniert »Leben ohne Chris«

»Ich hab’s total verkackt!« Kurz und knapp fasst der 18jährige Chris sein bisheriges Leben zusammen – nur, ändern kann er nichts mehr. Denn da war plötzlich dieser Baum, der sich ihm und seinem Moped in den Weg stellte, und als Chris wieder aufwacht und nach Hause humpelt, scheint ihn niemand mehr wahrzunehmen. Dafür taucht ein komischer Typ mit Flügeln auf und behauptet, er, Chris, sei tot und müsse mitkommen.

Das Leben ein Musical? Nur das Leben nach dem Tod, beruhigen Wolfgang Böhmer (Musik) und Peter Lund (Text und Regie), das Kreativ-Traumpaar der Neuköllner Oper, ihre Zuschauer. »Leben ohne Chris« heißt ihr neues Werk, wieder einmal eine Koproduktion mit der UdK Berlin, und trotz des tiefsinnigen Themas und der schwierigen Fragen, die es aufwirft, ist eine im besten Sinne typische Lund/Böhmer-Arbeit entstanden: mit leichter Hand inszeniert, schwungvoll und locker, mit herrlich bösen Dialogen, toller Musik und mitreißenden Tanzszenen. Und wie immer sind einige Ohrwürmer dabei, die man noch am nächsten Morgen summt – der wunderbar kitschige Auftaktsong »Siehst Du das Licht« etwa oder das rockige »Kluge Menschen sterben früh«, zu dem sich fast das ganze Ensemble auf der schiefen weißen Ebene versammelt.

Umrahmt von Küchenzeile rechts und Bett links, dient dieser Podest als Tanzboden ebenso wie als Projektionsfläche, auf der Chris die Schlüsselszenen seines Lebens noch einmal im Zeitraffer durchlebt. Die Story ist so simpel wie effektiv: Nachdem Chris endlich kapiert hat, dass sein 18. Geburtstag sein letzter Tag auf Erden war, fragt er sich nicht nur, wie es weitergeht, sondern vor allem, wie es vorher war. Hilfestellung leistet ihm dabei ein blond gelockter Erzengel mit nacktem Oberkörper, der Chris’ gesamtes Leben in seinem weißen Notebook gespeichert hat. In Rückblenden haut er seinem arroganten jungen Schützling dessen gesammelte Verfehlungen um die Ohren: sein Unfähigkeit, Pläne für die Zukunft zu entwickeln, seine Gleichgültigkeit den Gefühlen anderer gegenüber, seine Rücksichtslosigkeit und seinen Egoismus. Ob seinen Kumpels, der Freundin oder den Geschwistern gegenüber – Chris hat es sich mit allen verscherzt, weil er sich verhalten hat wie ein klassisches Arschloch. Und er sieht dies allmählich selber ein, weil er zwar nicht mehr mitreden kann, aber alles hört, was so über ihn geredet wird.

»Leben ohne Chris« hat insofern wenig mit dem Tod zu tun, umso mehr aber mit dem Leben. Der Zuschauer verfolgt den Reifeprozess eines jungen Menschen, der genau die gleichen Probleme hat wie Millionen anderer: Alles scheint möglich, doch nichts wirklich wichtig.

Als Musical macht sich die Geschichte erstaunlich gut: Sarkastische Dialoge und romantische Liebesszenen, Jugendslang und nostalgische Schwärmerei, Realismus und Kitsch – alles liegt so dicht beieinander wie das schnulzige Duett und der rockige Massentanz. Die Darsteller, allesamt Studierende des Studiengangs Musical/Show an der UdK Berlin, spielen, singen und tanzen durchweg gut, allen voran Christopher Brose als Chris und Tobias Bieri als Erzengel. Ein von Anfang bis Ende gelungenes Stück, aktuell, intelligent und unterhaltsam bis zum Happy-End!

Im Programm bis zum 15.Mai; Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131-133, Tel. 68 89 07 77. Spielplan im Internet auf www.neukoellneroper.de/programm_set.htm

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