Bei der Ankunft der rund 800 Union-Anhänger auf dem Paderborner Hauptbahnhof schien die Situation entspannt. »Doch plötzlich gab es vorne Gedrängel, und die ersten kamen mit Reizgas in den Augen zurück«, berichtet der Vorsitzende der Fan- und Mitglieder-Abteilung des Drittliga-Spitzenreiters 1. FC Union Berlin, Joachim Müller, gegenüber ND. Völlig willkürlich hätten die Beamten Pfefferspray und Schlagstöcke eingesetzt – sogar gegen Leute, die einfach nur reden wollten. »Mit den Beamten vor Ort war keine Kommunikation möglich«, meint Müller, der sich auch zwei Tage nach dem brachialen Einsatz schockiert zeigt. So sei auch weit und breit kein Einsatzleiter zu sehen gewesen, um die Situation zu entschärfen. Dass die Paderborner Einsatzkräfte in einer Mitteilung behaupten, die Union-Fans hätten als Auslöser der Ausschreitungen Steine und Flaschen geworfen, weisen Müller und der Verein als dreiste Lüge zurück.
Union Berlin, das derzeit unangefochten die Dritte Liga anführt, will sich nun juristisch gegen den massiven Polizei-Einsatz zur Wehr setzen. »Wir fordern alle, die vor Ort waren, auf, uns Gedächtnisprotokolle und Video-Aufnahmen zuzusenden«, sagt Joachim Müller, den sie bei Union »Ajax« nennen. Nach der Sichtung dieses Materials, so der ehemalige Richter, wolle man dann entscheiden, wie weiter vorzugehen ist. Dass der Einsatz ein juristisches Nachspiel hat, stehe jedoch in jedem Fall fest.
Neben dem massiven Einsatz von Pfefferspray setzten die Polizisten nach Augenzeugenberichten vielfach Schlagstöcke in Kopfhöhe ein. Bildmaterial, das dem ND vorliegt, belegt diese Schilderungen. Verletzt wurde dabei neben anderen Anhängern auch der Fanbeauftragte des Vereins, Lars Schnell. Genauso wie – pikanterweise – auch der Berliner Polizeibeamte Michael Kühl von der Einsatzgruppe Hooligans des Landeskriminalamtes, der ebenfalls durch Knüppelschläge der Polizei verletzt wurde und im Krankenhaus behandelt werden musste. Beide haben inzwischen Anzeige erstattet. Kühl und seine Kollegen begleiten als sogenannte szenekundige Beamte Auswärtsspiele von Union. Ihre Einschätzungen haben die Berliner Begleit-Polizisten auch ihren Kollegen aus Nordrhein-Westfalen mitgeteilt, erklärte der Fanbeauftragte Lars Schnell gestern gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Auch habe man im Vorfeld des Spitzenspiels mit dem SC Paderborn hervorragend zusammengearbeitet. Die Paderborner Polizei sei durch die szenekundigen Beamten im Sonderzug exakt darauf vorbereitet worden, dass nicht mit besonders aggressiven Fans zu rechnen sei.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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