Es ist zur Zeit das Standardgeschenk bei Geburtstagen von Leuten, die sich gerne im subkulturellen Milieu Berlins tummeln – und das, so sei vorweggenommen, absolut zu Recht: ein kleines, grell rosa leuchtendes Bändchen des Spiegel-Popredakteurs Tobias Rapp mit dem Titel »Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset«, das jüngst im Suhrkamp-Verlag erschienen ist.
Hinter dem Titel verbirgt sich der Versuch, die Geschichte der Berliner Ausgeh- und Clublandschaft, wo in der Hauptsache House- und Techno-Musik gespielt wird, zu Papier zu bringen. In gewisser Weise begeht der Autor damit einen Tabubruch: Die Erfolgsgeschichte des Berliner Nachtlebens der letzten zwei Jahrzehnte, die der Stadt weltweit einen legendären Ruf einbrachte und jedes Wochenende – allen Wirtschaftskrisen zum Trotz – Zehntausende in die Stadt lockt, lebte immer von seinem Mythos. Der wurde, wie beim Spiel stille Post, heimlich kolportiert und meistens mündlich weiter getragen. Darüber öffentlich zu schreiben, war verpönt. Aus ganz rationalen Motiven, denn mit der Öffentlichkeit waren verschiedene konkrete Gefahren verbunden: die der Entdeckung etwa, denn viele Clubs waren nicht legal. Oder es bedeutete den Verlust der Exklusivität, der den Mythos so vieler elektronischer Musikveranstaltungen in der Stadt begründet.
Dass Rapp mit diesem Prinzip bricht, vom Verlag offenbar sogar aufgefordert wurde, dieses Buch zu schreiben, ist dennoch ein Glücksfall. Er kann sich den Tabubruch nämlich leisten, weil er selber Teil und langjähriger Beobachter der Szene ist. Und zudem die nötige Sensibilität und Reflexion besitzt, die das Thema, sei es wegen des Drogenkonsums oder der sexuellen Präferenzen in den Parallelwelten der Clubs, erfordert. All dies verleiht dem Buch seine Authentizität, die es zu einer absolut lesenswerten Hommage an Techno und Berlin macht.
Überdies gibt »Lost and Sound« Menschen, die vielleicht mal von dem legendären Nachtleben der Hauptstadt gehört haben, einen wunderbaren Ein- und Überblick über die Musik, die wichtigsten Clubs, die in den vergangenen Jahren Trends gesetzt haben und vor allem über all die Hedonisten aus der ganzen Welt, die den Charme und den Ruf dieses Nachtlebens ausmachen. Das Buch im Taschenbuchformat ist also für all jene geschrieben, die sich mal näher mit dem Phänomen des »Feierns« vertraut machen wollen, das Berlin für Techno zu dem gemacht hat, was das jamaikanische Kingston Town für Reggae ist: Welthauptstadt.
Zudem gelingt es dem Autor, die Phänomene zu beleuchten, die mehr oder weniger im Zusammenhang mit dem boomenden Ausgehleben stehen. Er arbeitet etwa die wirtschaftliche Relevanz heraus: Wem sind nicht schon mal die Holzhütten an der Spree zwischen Michaelkirchbrücke und Schillingbrücke aufgefallen, in denen zur Zeit die »Bar25« residiert. Wo einige lediglich Bretterbuden erkennen können, befindet sich der Arbeitsplatz von inzwischen 60 Menschen. Außerdem ein Wellnessbereich, ein Edelrestaurant, eine Bar sowie ein Hostel. Am Wochenende mutiert das Gelände zum »After-Hour-Club«: Hier legen DJ's Nonstop von Freitag bis Montag Platten auf. Vor der Tür bilden sich am Sonntag regelmäßig lange Schlangen: Man hat schon Jugendliche aus Litauen gesehen, die auf Knien um Einlass gefleht haben.
Auf die ganze Stadt hochgerechnet dürfte die Clubbranche mehr als 8000 Leute beschäftigen – mehr als die Deutsche Telekom. Auch der erfolgreiche Widerstand gegen Mediaspree wäre ohne die Symbiose von Nachtleben und Anwohnerinitiative undenkbar. Wer sich dafür interessiert, dem ist die Lektüre von »Lost and Sound« vorbehaltlos zu empfehlen. Ansonsten kann man es ja verschenken – auch damit ist man auf der sicheren Seite.
Tobias Rapp: »Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset«, Suhrkamp-Verlag (brosch.), 268 Seiten, 8,50 Euro. ND-Buchbestellservice: 29 78-17 77
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