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Von Harald Kretzschmar 16.04.2009 /

Ein Kunsthaus – menschennah?

Zwei Mal zwanzig Jahre Kunsthalle Rostock

Die Kunsthalle – einst in der prosperierenden Hafenstadt Rostock eigenständiger Neubau eines Kunsthauses für den Ostseeraum – feiert ein besonderes Jubiläum, eins das nach zwei Mal zwanzig Jahren rechnet. 20 Jahre modern angelegter Ausstellungsplatz für einheimische wie für skandinavische und baltische Künstler. Realsozialistisches Vorzeigeprojekt mit Verankerung in solider Sammeltätigkeit. Dann 20 Jahre frei schwebend in einer für Hafen wie Stadt prekären Marktsituation. Mit den Höhen einzelner Highlights und den Tiefen kommunalen Desinteresses. Revoluzzerhafte Belehrungsrituale im Zeichen der Öffnung zur Weltkunst des Westens mussten die Bürgerschaft befremden. Die Kunsthalle drohte an finanzieller Auszehrung einzugehen. Erst das Alarmsignal einer Übernahme des Hauses durch einen Supermarktkonzern schockierte eine bundesweite Öffentlichkeit.

Diesen attraktiven Platz der Begegnung künstlerischer Aktivitäten im Norden Europas zu erweitern und auszubauen – die fantastische Chance wurde zur Halbzeit des jetzigen Jubiläums vertan. Was einmal der von der Berliner Zentralgewalt gestützte gesamte Ostseeküstenbezirk Rostock trug, sollte nun die schrumpfende Stadtkommune allein stemmen. Was eine außenpolitisch motivierte Bundeskulturpolitik leisten könnte, wird im Namen des Föderalismus verhindert. Und das von Schwerin dominierte Mecklenburg-Vorpommern stellt kulturell gern die konkurrierende Großstadt Rostock ins Abseits. Den modernen Museumsbau der Kunsthalle Rostock zur Dependance der Kunstsammlungen des Bundeslandes für die Moderne zu machen – darauf kam offenbar niemand. Die schnell aus dem Altbundesgebiet importierten Museumschefinnen in Schwerin und Rostock wetteiferten stattdessen im Zeichensetzen, was nunmehr als Kunst zu gelten habe. Die Qualität des vor Ort Gewachsenen zählte da zur Verwunderung der Bürger kaum mehr.

Falsche Konzepte. Hausgemachte Misere. Inzwischen ist schon die zweite Direktorin daran gescheitert. Das Schlimmste ist zunächst abgewendet, die vorläufige Rettung des Hauses ist dem heroischen Engagement des Bürgervereins »pro Kunsthalle« mit dem zahlungskräftigen Zahnarzt Dr. Jörg-Uwe Neumann an der Spitze anheimgegeben. Die Rückgewinnung des verloren gegangenen Publikumsinteresses steht obenan. Mit freiem Eintritt und zahlreichen Sonderveranstaltungen wird geworben. Und zum Jubiläum breitet man zum Glück nicht nur die Unterlagen zur Baugeschichte der Kunsthalle sowie Plakate und Drucksachen aus und füllt einen ganzen Raum mit Kinder- und Schülerzeichnungen zu Haus und Sammlung. Nein, wir dürfen einen Einblick in die Fülle an Kunstwerken aus dem Sammeldepot gewinnen, die jetzt für kurze Zeit ans Tageslicht kommen.

Als Kurator wurde der Gründungsdirektor von 1969 gerufen: Dr. Horst Zimmermann. Nach zwanzig Rostocker Jahren lebt er seit 1984 in Dresden, wo er bis 1994 die gewichtige Gemäldegalerie Neue Meister leitete und immer noch im Kunstleben engagiert ist. Aus seiner Kenntnis der Erwerbungsgeschichte wählte er wesentliche Werke für die jetzige Ausstellung aus. Bewusst platziert er da Otto Möhwalds bittere Tristesse neben Willi Sittes Aufbau-Elan und Manfred Kastners frostkalten »Grenzbahnhof« zu Michael Morgners warmtoniges »Familienporträt mit Freunden«. Die Älteren Niemeyer-Holstein, Robbel, Hegenbarth und Rosenhauer wetteifern in Expressivität und Farbkultur mit Jüngeren wie Seidel, Zille, Libuda oder Giebe. Daneben gleichberechtigt die Grafik, etwa von Koch-Gotha, H.Th. Richter, Ranft-Schinke oder Quevedo. Aus reichem Skulpturenbestand gibt es Proben an Figürlichem von Cremer und Arnold, Midell und Mucchi-Wiegmann.

Im Gedenkjahr zum Hundertsten von HAP Grieshaber triumphiert der vitale Schwabe wie eh und je mit den wundervoll lapidar gestalteten zwölf Tafeln der »Sintflut«, daneben mit seiner Caspar-David-Friedrich-Hommage. Der Hamburger Hanno Edelmann mit »Die Rose« und der Norweger Leif Risager mit »Im Fjord« bringen den Norden ins Spiel, den von finnischer Seite Simo Hanula, Eila-Maria Saho und Kimo Jylhä auf vollendete Weise abrunden. Seinerzeit, jenseits von Marktzwängen, konnte es vorkommen, dass sich zum Beispiel dänische und finnische Künstler in Rostock zur Ostseebiennale kennenlernten. Ein vollgültiges Teilnehmen bedeutender Künstler aus den baltischen Republiken allerdings wurde von der offiziellen Sowjetunion damals verhindert. Traurig genug, dass diese trotz jetzt unvergleichlich günstigerer Bedingungen bis heute nicht in Rostock präsent sind.

Denkwürdige Beispiele für eine Weiterentwicklung einer unvergessenen klassischen Moderne bilden zahlreiche Kunstwerke ostdeutscher Provenienz. Was sich in dieser Schau an enormer künstlerischer Dichte zeigt, ist derzeit ebenso in Cottbus in der vergleichbaren Präsentation »Voller Leben« zu beobachten. Hier etwa hängt Horst Leifer mit einer vital vibrierenden »Bildnisstudie Niemeyer-Holstein«, dort mit einem ähnlich beeindruckenden »Akt im Atelier«. Während also ein vordergründiger Sozialismus proklamiert wurde, hat unversehens deutscher Expressionismus späte Wunderblüten getrieben. Sie zu zeigen könnte doch eine Grundlage gesamtdeutscher Annäherung sein. Aber welches dieser Kunstwerke wurde jemals in Kiel, Bremerhaven oder anderswo in dortigen Breiten zur Kenntnis genommen?

Die zur Ausstellung, aber auch für den Vertrieb im Buchhandel vom Rostocker Ingo Koch Verlag verlegte Publikation »Kunsthalle Rostock 1969-2009« dokumentiert dankenswert vieles. Lückenlos die Ausstellungschronik der Kunsthalle: Welche Fülle der Angebote von Anfang an! Der Bildteil wirkt im Vergleich mit dem Ausgestellten eher konventionell und in der Gestaltung unprofessionell. Fragen nach der Farbqualität der Reproduktionen bleiben offen. Wieso sind die Bildformate nicht angegeben, stattdessen durcheinandergebracht? Das Beste an den acht Textbeiträgen ist ihre Ausgewogenheit. Nach allen Querelen ist man jetzt harmoniebedürftig.

Etwas mehr kritische Konsequenz wäre heilsamer. Blamabel immerhin das Interview mit der von 1996 bis 2008 amtierenden Finanzministerin Sigrid Keler. Sie betont, wie viel mehr Geldmittel im Land für Kultur bereitliegen als anderswo. Nicht nachgefragt wurde, weshalb dennoch die Kunsthalle Rostock finanziell faktisch ausgehungert wurde. Und wenn der Künstler Udo Rathke in einem anderen Gespräch heute noch die Kompromisslosigkeit der Installationen »Auf die Reihe gebracht« und »Neue Entartete Kunst« preist, mit denen die Ostseebiennalen 1992 und 1996 zu Grabe getragen wurden, ist an einem nützlichen Lernprozess zu zweifeln. Raffael Rheinsbergs 92er rostige Container geißelten den Niedergang des alten Staates. Die Bürger dagegen, die gegen dieses Kunstwerk Sturm liefen, erlebten halt gerade, dass der neue Markt mit dem Containerhafen Rostock nichts anzufangen wusste. Das darf man spätestens heute wissen, da der Containerstandort Rostock reumütig wiederbelebt wird.

Kunsthalle Rostock, Hamburger Straße 40, Rostock: Zeitgenössische Kunst, Tradition und Neubeginn. 40 Jahre Kunsthalle Rostock. Bis 26. 4., Di-So 10-18 Uhr.

»KUNSTHALLE ROSTOCK 1969- 2009«, Ingo Koch Verlag, 96 S., 15 EUR im Museum, 25 EUR im Buchhandel

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