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Gentechnik in schlechten Händen

Robin: Monsanto leugnet Gefahren aus wirtschaftlichen Interessen

ND: Frau Robin, ist Monsanto kriminell?
Robin: Monsanto hat eine sehr aktive Rechtsabteilung, also muss ich etwas vorsichtig sein. Aber doch, Leute die ich interviewt habe, sagen ohne Weiteres, dass Monsanto kriminell sei, weil es nicht nur gefährliche Produkte herstellt und dabei immer wieder gegen Gesetze verstößt, sondern diese Gefahr aus wirtschaftlichen Interessen systematisch leugnet.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Monsanto ist der Hersteller von PCBs, die sich heute in jedem Organismus auf der Erde nachweisen lassen. Sie gelten als stark krebserregend und erbgutschädigend und reichern sich in der Nahrungskette an. Ihretwegen darf noch immer kein Fisch aus der Rhône gegessen werden und jede Mutter, die stillt, gibt dabei PCBs aus ihrem Fettgewebe an ihr Kind weiter. Monsanto wusste um die Gefährlichkeit der PCBs seit 1937. Deswegen wurde das Unternehmen 2002 verurteilt, an die verseuchte Bevölkerung der amerikanischen Stadt Anniston Schadensersatz zu bezahlen, wo Monsanto weitgehend ohne Schutzmaßnahmen PCBs produziert hat. Weitere Klagen zu PCBs laufen. Als ich 2007 in Brasilien war, hat Monsanto dort auf seiner Webseite immer noch behauptet, PCBs seien ungefährlich!

Welche kriminellen Handlungen hat Monsanto noch begangen?
Immer wieder wurde die Firma verurteilt wegen Fälschung und Unterdrückung von Daten. Wegen Bestechung von 140 Beamten in Indonesien, um Zulassungen für gentechnisch verändertes Saatgut zu bekommen und die Regulierung des Anbaus zu verhindern. Wegen irreführender Werbung.

Dennoch schafft es Monsanto immer wieder, seine Interessen in überraschend effektiver Weise durchzusetzen.
Die Kontakte des Unternehmens zur amerikanischen Regierung sind von jeher sehr gut. Top-Manager und Top-Berater von Monsanto wechseln in Regierungsposten und in die kontrollierenden Behörden und umgekehrt. Ronald Reagan und Bill Clinton haben Monsanto unterstützt und auch im Team von Obama finden sich Monsanto-Leute.

Dient Monsanto denn tatsächlich den Interessen der USA?
Das Unternehmen richtet in den USA teilweise erheblichen Schaden an. Es gibt massenweise Gesundheitsschäden durch RoundUp und PCBs. Amerikanischer Mais ist auf dem Weltmarkt kaum noch verkäuflich wegen der durchgehenden Kontamination mit gentechnisch veränderten Pflanzen. Viele Landwirte geraten in ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten, weil die versprochenen Erträge ausbleiben. Bauern werden angehalten, sich gegenseitig zu bespitzeln, um illegalen Anbau von gentechnischen Pflanzen aufzudecken, was die soziale Struktur auf dem Land sehr belastet. Dabei werden auch Bauern verklagt, deren Felder ohne ihr Zutun kontaminiert wurden.

Dies geschieht auf Grundlage der Patentrechte, die Monsanto auf seine Genpflanzen hält. Welche Rolle spielen die Patentrechte?
Sie sind der Kern der Firmenstrategie seit den 90er Jahren. Monsanto schleust seine patentierten Gene in die wichtigsten Nahrungspflanzen ein und erwirbt damit das Recht, Lizenzgebühren auf diese Pflanzen zu erheben. Dieses Recht klagt das Unternehmen unerbittlich ein, überall auf der Welt. Andere Anbieter von Saatgut werden aufgekauft, in vielen Fällen können Bauern nur noch bei Monsanto kaufen. Das Ziel ist, die Menschen weltweit über die ganze Kette der Nahrungsmittelerzeugung zu beherrschen und auszubeuten. Monsanto hat geschickt dafür gesorgt, dass entsprechende Gesetze in immer mehr Ländern gelten – mit Hilfe der amerikanischen Regierung und ihrer Dominanz in der Welthandelsorganisation WTO.

Wird Monsanto von der amerikanischen Regierung gestützt weil das auch amerikanischen Hegemonieinteressen dient?
Schwer zu sagen, aber nicht ausgeschlossen. Das Patent auf das sogenannte Terminator-Saatgut, welches nach der Ernte keinen keimfähigen Samen mehr bildet und Bauern gezwungen hätte, Saatgut immer neu zu kaufen, wurde auch vom US-Landwirtschaftsministerium gehalten, nicht nur von einem Gentechnik-Unternehmen, das Monsanto deswegen aufgekauft hat. Und in Brasilien, Argentinien und Uruguay, dem »Hinterhof« der USA, ist Monsanto innerhalb von zehn Jahren mächtiger geworden als die nationalen Regierungen. Gentechnik-Soja als Viehfutter für die USA und Europa und das damit einhergehende Pestizid RoundUp haben dort den traditionellen Anbau weitgehend verdrängt und richten unermesslichen ökologischen, gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Schaden an.

Ist Gentechnik für Sie grundsätzlich schlecht oder liegt sie nur in schlechten Händen?
Ich bin durchaus dafür, auf diesem Gebiet weiter zu forschen, aber bitte nicht im Freiland, sondern unter strengen Sicherheitsauflagen. Vielleicht gelingt es wirklich eines Tages, lebenswichtige Medikamente mit gentechnisch veränderten Pflanzen zu produzieren. In der Landwirtschaft halte ich die Gentechnik einfach für überflüssig. Im Heimatland des Mais', in Mexiko, gibt es für jeden Boden und jedes Klima geeignete Sorten, mit denen man züchten kann. Die meisten Versprechen hat die Gentechnikindustrie bisher sowieso nicht eingelöst, vielmehr ist das Gendesign darauf beschränkt, Pflanzen gegen Pestizide resistent zu machen, damit man mehr von denen verkaufen kann. Die versprochenen Vorteile werden mittelfristig nicht einmal erzielt und gleichzeitig große Gefahren heraufbeschworen. Derzeit sind 80 Prozent des Marktes für Agrartechnik in den Händen des nur an Profit orientierten Unternehmens Monsanto, also ganz bestimmt in schlechten Händen.

Was sind die größten Gefahren?
Der größte Schaden tritt kurzfristig auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet ein, sowie durch den Gebrauch von Pestiziden, auf die das Gendesign abgestimmt ist. Entgegen den Versprechen verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage der Bauern nach einigen Anfangserfolgen regelmäßig, weil die Produktqualität schlechter ist, wegen Resistenzen mehr Pestizide eingesetzt werden müssen und die Lizenzgebühren für das Saatgut erheblich höher sind, welches die Bauern außerdem nicht selbst vermehren dürfen. Der Saatgutmarkt wird systematisch monopolisiert, Monsanto kauft überall die Saatgutanbieter auf, so dass Erzeuger in vielen Ländern keine Alternative haben und bei Monsanto kaufen müssen. In Südamerika und Indien brechen ganze Agrarkulturen zusammen und es kommt zu Massenverarmung und Hunger.

Sind genmanipulierte Pflanzen auch gesundheitlich gefährlich?
Ja. Am besten belegt ist das beim transgenen Futtermais Starlink. Er war als Lebensmittel nicht zugelassen, geriet aber in die Nahrungskette und löste Allergien aus. Einige tausend Amerikaner wurden teilweise schwer krank. Die Rückholaktion hat den Anbieter Aventis schon über eine Milliarde Dollar gekostet, dennoch wird Starlink nach Einschätzung des Unternehmens nie wieder ganz aus der Nahrungsproduktion zu entfernen sein. Die wenigen Studien, die es gibt, zeigen regelmäßig, dass transgene Pflanzen Veränderungen an verschiedenen Organen und Stoffwechselvorgängen hervorrufen. Oder es kommt zu Reaktionen des Immunsystems, wie bei Giften oder Allergenen. Außerdem ist die Produktion transgener Pflanzen kein berechenbarer Prozess. Die veränderten Gene tauchen an unterschiedlichsten Stellen der DNS auf und infolgedessen weisen die Pflanzen auch eine große Schwankungsbreite an Eigenschaften auf. Man kann nicht ausschließen, dass eines Tages unbeabsichtigt Pflanzen auftauchen, die weit gefährlicher sind als der Starlink-Mais.

Monsanto ist ein börsennotierter US-Konzern. Er stellt unter anderem Süßstoffe, Pestizide, Herbizide und gentechnisch verändertes Saatgut her. Monsanto verkaufte auch das Entlaubungsmittel Agent Orange, das im Vietnamkrieg eingesetzt wurde.

PCBs (Polychlorierte Biphenyle) sind giftige und Krebs auslösende chemische Chlorverbindungen, die bis in die 1980er in Transformatoren, Hydraulikanlagen, sowie Lacken und Kunststoffen verwendet wurden. PCBs wurden 2001 weltweit verboten. Monsanto war einer der größten Hersteller für diese organischen Giftstoffe.

RoundUp ist ein Totalherbizid – es vernichtet alle Pflanzen. Schon kleinste Mengen sind schädlich für menschliche Zellen. In von Monsanto hergestelltem, gentechnisch verändertem und gegen RoundUp resistentem Saatgut sind Spuren des – ebenfalls von Monsanto produzierten – Herbizids nachweisbar. grg


Vier Jahre hat die französische Journalistin Marie-Monique Robin die Aktivitäten des Chemie- und Gentechnik-Konzerns Monsanto untersucht, dessen Produkte weltweit Schäden bei Gesundheit, Umwelt und Sozialstrukturen erzeugen. Ihr Dokumentarfilm »Monsanto – mit Gift und Genen« wird derzeit im Rahmen der Festivalreihe »Über-Macht« in verschiedenen deutschen Städten gezeigt. Martin Fütterer sprach mit Robin über die Macht des Unternehmens, Patentrechte und kriminelle Handlungen.

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