Von Dieter Hanisch
17.04.2009

Von der Schweiz lernen?

Eidgenössischer Bildungsexperte kritisiert deutsches Bildungssystem

Andreas Müller gilt als renommierter Bildungsexperte. Mit harten Worten ist der Schweizer jetzt auf einer Veranstaltung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Schleswig-Holstein mit dem deutschen Bildungssystem ins Gericht gegangen.

Die Kritik ist apodiktisch: Fast nirgendwo in Europa werde so intensiv auf Zensuren und Abschlüsse Wert gelegt wie in Deutschland, meinte Andreas Müller, Direktor des Instituts Beatenberg in Waldegg vor Lehrern des nördlichsten GEW-Landesverbandes. Müller plädierte dafür, erworbene Kompetenzen in den Mittelpunkt zu stellen. Der Bildungsexperte scheut zur Vermittlung seiner Philosophie dabei auch nicht vor provokativen Statements zurück wie »Der Aussagewert von Zeugnissen ist geringer als ihr Heizwert.«

Beim Bildungsforum der hessischen Unternehmensverbände im vergangenen Jahr stießen Müllers Gedanken, die das tradierte Schulsystem in Frage stellen und eine neue Lernkultur einfordern, durchaus auf Gegenliebe. Eine große Frankfurter Zeitung titelte in ihrer Berichterstattung anschließend gar »Von der Schweiz lernen«. Das Beatenberger Institut am Thuner See hat sich in den letzten Jahren den Ruf erworben, zu den modernsten und innovativsten Modellschulen Europas zu zählen.

Damit sich bei jedem einzelnen Schüler Lernerfolge einstellen, müsse sich Schule intensiver der Individualförderung widmen. Wichtig dafür sind laut Müller strukturelle Fragen der Unterrichtsform und -einheit, aber auch Atmosphäre und Lernumgebung seien von großer Bedeutung. Bei Müller drückt sich das dann zum Beispiel so aus: Altersübergreifende Lerngruppen mit ca. 50 Schülern in einer Ganztagsschule statt gleichaltrige Klassenverbände sowie persönliche Lerntrainer statt Lehrer.

Vergleiche mit dem Sport sind gern gewählt, weil anschaulich und nachvollziehbar, aber auch durchaus in der inhaltlichen Natur verwandt, weil der Leistungsgedanke und die Leistungsbewertung eine gravierende Rolle spielen. Ein Trainer benötigt demnach neben Fachwissen und rhetorischen Fähigkeiten auch psychische Kenntnisse, Kompetenz in der sozialen Frage und muss Motivator sein. Gerne bringt Müller daher sein Beispiel vom Basketball aus Sicht der Mitspieler: »Hängt der Korb in zehn Metern Höhe wird es ebenso ein Scheiß-Spiel wie wenn er sich auf ein Meter Höhe befindet.« Die Kunst der individuellen Anforderung liegt laut Müller also in der machbaren Herausforderung zwischen Überforderung und Unterforderung.

Müller hält fest: Schüler benötigen zum Lernerfolg Freude (Spaßfaktor) und ein Wohlgefühl statt Frust und ein Klima der Angst. Das bedeutet für ihn keine Kuschelpädagogik, sondern das Gefühl, etwas verstanden zu haben. Daher stellt sich für den zu vermittelnden Lehrstoff immer wieder die Sinnfrage, genauso wie für jeden Schüler die Reflexion: Wo stehe ich, wo will ich hin? Zwischen diesen beiden Polen liegt der jeweils individuelle Lernbedarf. Frontalunterricht ist da genau fehl am Platz, wo eine maßgeschneiderte Methodik von Nöten ist. So benötigt jeder einzelne Schüler quasi seinen eigenen Lehrplan. Individualität ist, so Müller, keine negative Eigenschaft. Rollenkonformität dagegen würde in der Regel Unselbstständigkeit bedeuten.

Fazit: Der Schweizer propagierte intelligente und interessante Denkansätze, die mit viel Beifall bedacht wurden. Dennoch blieb das Gefühl, dass für einen von ihm so vehement eingeforderten Veränderungsprozess die bessere Zielgruppe Bildungspolitiker, Fachleute aus Bildungsministerien und Verantwortliche aus der Lehrerfortbildung wären.

www.institut-beatenberg.ch

www.impact-lernkultur.ch

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