Von Sabine Neubert
17.04.2009

Wieder der Krieg

Norbert Gstrein:

Der Autor hat dem Buch den englischen Satz vorangestellt: »It's war, Baby, it's war«. Es lässt ihn nicht los. Er lässt uns nicht los. Auch dieser Roman ist ein Buch über Krieg, Gewalt, Hass und die Liebe, ein Buch über das Handwerk des Tötens voller grausiger Realitäten und irrwitziger Absurditäten. Auch dieser Roman führt wieder ins Kriegsgeschehen auf dem Balkan und lotet noch einmal »das Dilemma« aus, zwischen »vorheriger Hetze« und »nachträglichem Kitsch« schreiben und damit das Grauen bewältigen zu wollen.

Dass es dafür »von vornherein zu spät« ist, hat Norbert Gstrein selbst einmal gesagt, aber er schreibt trotzdem, um schreibend hinter die Abgründe ewigen Tötens und Tötenwollens zu kommen. Dieses Mal ist es eine Frau, die er in den Kriegswinter schickt. Sie kommt nur mit knapper Mühe heraus, beschädigt sowieso. »Söhne sterben im Krieg ..., Töchter müssen nach dem Krieg weiterleben«, heißt es am Ende. Auch dieses Buch ist in seiner Mischung aus »vorherigem« Wissen und banalem »Gegenwartskitsch« (etwa in den Liebes-szenen) ein großes Buch und spannend sowieso.

In Wien beschließt die gerade fünfzigjährige Marija, angesichts ihrer scheiternden Ehe für einige Zeit in ihre Geburtsstadt Zagreb zu gehen – obwohl dort bald alles in Flammen stehen kann. Ein junger Soldat, mit dem sie für kurze Zeit ein Verhältnis eingeht, ist schon ein Kriegsverwundeter und geht auch wieder ins Kampfgebiet. Diese Liebe ist nur Zwischenstation, Insel, eine Liebe unter dem »Geflatter der Hubschrauber«. Die zweite Hauptperson des Romans (und die gelungenste, weil an Klischee nicht zu übertreffen) ist ein Kriegsverbrecher, der seit fünfundvierzig Jahren unter falscher Identität in Buenos Aires lebt. Seine Flucht hat er genutzt, Frau und Tochter loszuwerden. In Lateinamerika hat er es zu Reichtum gebracht und lebt nun, ein alter Mann, mit einer jungen Frau, zwei Töchtern, Polizeibewachung und Kampfhunden in einem Haus mit Schießkeller. Lebenslang hat er auf seine Rückkehr nach Kroatien hingearbeitet, nun ist es soweit. »Kroatischer Antikommunist kehrt ... in die Heimat zurück« steht in der Zeitung in Zagreb, und wenig später liest seine Tochter in derselben Zeitung eine Annonce: »Marija, dein Vater sucht dich«.

Marija, die das Warten auf ihrem Vater nie ganz aufgab, gerät jetzt in die abenteuerlichsten Geschehnisse. Sie flieht rechtzeitig. Immerhin: So viel Gerechtigkeit, dass der Alte erschossen wird, gibt's am Ende. Vieles bleibt jedoch ungelöst. Das soll es auch.

Norbert Gstrein: Die Winter im Süden. Roman. Carl Hanser Verlag. 284 S., geb., 19,90 EUR.