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Das Ensemble Dimenti aus Bahia mit dem Stück »Tombé«
Foto: Mariana David
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Zwei Rollstühle fahren, gezogen an Fäden, wie von Geisterhand über die Szene, ein Dicker geht gemächlich, jemand wandert im Handstand, ein Junge rennt, zwei robben am Boden als Regenwurm oder Amöbe. Wie ein Zufallstableau aus nebeneinander gelegten Bahnen wirkt, womit DI cia. de danca aus Macaé ihr Stück »Das Vorgehen des Pseudopodiums« einleitet.
Dass Pseudopodien »Plasmaausstülpungen zur Kriechbewegung von Einzellern« sind, klärt das Programmheft und lässt eine staubtrockene Performance befürchten. Das Gegenteil ist der Fall. Kaum liegt einer der Rollstühle gekippt und demontiert, setzt mit seinen Teilen – den großen und kleinen Rädern und Lehnen – ein ungemein fantasievolles Objektspiel ein. Ein Hip-Hopper, tänzerisch das Zentrum des 50-minütigen Programms, erobert den Stuhl, zitiert typische Bodenposen. Farbiges Licht hebt die einzelnen Szenen heraus: den rasanten Geschicklichkeitstanz in einem Quadrat aus den Stuhllehnen, ein Liegesolo mit den kleinen Rädern, Rollen auf dem großen Rad. Als der Stuhl wieder gefügt ist und kopfsteht, gibt einer den Rädern Schwung, schiebt sich zwischen Lehne und Sitz durch, breitet balancierend die Arme aus, als wolle er abheben.
Auch den Menschen bezieht die Objektrecherche ein. Ein Mann schleudert eine Partnerin, die andere springt so über sie, wie sich einst Roms Gladiatoren an drehenden Messerkonstruktionen ertüchtigten; eine Liegende auf dem Skateboard fährt unter der Figur »Schubkarre« durch. Der Dicke verwickelt eine Frau ins Sitzspiel mit seinem Ball. Das übernimmt der Hip-Hopper und baut es mit einem Behinderten zum schönsten Duett eines Stückes aus, das wiederholt Amöbenkriechen zitiert, gänzlich unangestrengt und unaufgedonnert Beziehungen spinnt und Mensch und Gegenstand in Bezug setzt.
Zu wunderbar friedvoller Musik wie aus Wasserwelten choreografierte Paulo Azevedo mit viel Witz einen Kosmos aus Frieden, Harmonie und solidarischem Miteinander. Der Mensch flitzt wie im Tempowettstreit um ein drehendes Rad, eifert im Dauerpurzelbaum einem kreisenden Autoreifen nach. Unterm Bauch des liegenden Dicken verschwindet ein Ballon, den eine aufsitzende Frau zum Platzen bringt. Am Ende verblüfft jener Beleibte unter fröhlichem Beifall mit einer Sitzbalance auf dem Reifen.
Begonnen hatte das 4. Festival »brasil move berlim« im Hebbel am Ufer weniger verheißungsvoll. Marcelo Evelins »Bull Dancing« als schwacher Mix aus Theater, Tanz und Musik untersucht einen in Nordbrasilien wurzelnden folkloristischen Straßenumzug um Tod und Wiedergeburt eines Stiers auf den sozialen Gehalt – mit Gewalt gegen eine Frau als bitterem Festfinale inmitten einer sprachlosen Männerwelt. Unter paillettenbesticktem Hänger läuft symbolhaft mit Gehörn und Transgender-Spiel so rätselvoll wie bedeutungsgeladen jenes Stierritual.
Präsentiert sich die junge Theaterbewegung um Evelin aus der Stadt Teresina mit weiteren Beispielen, steuert Denise Stutz aus Rio, Mitbegründerin von Grupo Corpo, Brasiliens führender Compagnie, drei Soli bei; ein Doppelprogramm stellt Arbeiten aus Belo Horizonte vor. Zum krönenden Abschluss zeigt die studentische Companhia de Danca da Cidade ebenfalls aus Rio in zwei Programmen Rekonstruktionen von Schlüsselwerken aus drei Jahrzehnten brasilianischer Tanzentwicklung. Vortrag, Gespräch, Workshop suchen den Kontakt zum neugierigen Zuschauer.
Bis 26.4., Hebbel am Ufer, Kreuzberg, Kartentelefon 25 90 04 27, weitere Infos unter www.hebbel-am-ufer.de
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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