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Von Reimar Paul 23.04.2009 / Inland

Widerstand gegen Ausgründungen

Beschäftigte der Göttinger Uni-Klinik wehren sich: »Wir wollen nicht als Kostenfaktor behandelt werden«

Heute bekommt der Göttinger Hochschulpräsident Kurt von Figura reichlich Besuch. Hunderte Beschäftigte der Universitäts-Klinik und ihre Unterstützer wollen am Nachmittag zu seinem Büro demonstrieren. Die Küchenhilfen, Reinigungs- und Versorgungskräfte wehren sich gegen die Ausgründungen ihrer Abteilungen.
Bereits im Dezember gab es eine Aktion gegen Ausgründungen
Bereits im Dezember gab es eine Aktion gegen Ausgründungen am Klinikum Göttingen. Heute wird wieder demonstriert.

Die Beschäftigten protestieren dagegen, »nur noch als Kostenfaktor behandelt zu werden«, wie es in der am Mittwoch von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di verbreiteten Petition heißt: »Wir fordern, dass unser Vorstand alle Ausgründungen stoppt. Früher wurden wir und unsere Arbeit von unseren Vorgesetzten respektiert.« Eine Angestellte aus der Krankenhausküche sagte gestern: »Erst kommen die Ausgründungen, dann kommt die Leiharbeit. Wir sind ein Betrieb und wollen es auch bleiben.« Sie und ihre Kolleginnen müssten »jeden Tag damit rechnen, ausgegründet zu werden«.

Der Vorstand des Universitätsklinikums hatte im vergangenen Jahr beschlossen, dass die mehr als 100 Beschäftigten der Gastronomie in eine Tochtergesellschaft übergehen sollen. Damit würden sie aus dem Tarifgefüge des Öffentlichen Dienstes gedrängt, so die Gewerkschaft ver.di. »Wir rechnen mit einer Lohnabsenkung bis zu 35 Prozent«, sagt ver.di-Sekretär Gunter Grimm.

Zudem hat der Vorstand die Ausgründungen weiterer Bereiche des Krankenhauses wie Reinigung, Wäscherei, Betriebstechnik und Lager ausdrücklich nicht ausgeschlossen. »Wir gehen davon aus, dass die Ausgründung der Gastronomie nur der erste Schritt ist und weitere Ausgründungen am Klinikum die Beschäftigten bedrohen«, so Grimm weiter. Dies werde aber nicht ohne Auswirkungen auf die Qualität der Gesundheitsversorgung im Krankenhaus bleiben.

Eine Strategie, die auch an anderen Standorten wie Berlin und Marburg durchgesetzt wurde. Um Lohnkosten zu sparen, werden Tätigkeiten, die nicht unmittelbar medizinisch oder pflegerisch sind, an externe Unternehmen vergeben, in der Regel zu einem niedrigeren Lohn.

Das »Organizing«-Projekt in Göttingen will mit seinem Ansatz auf diese Strategie reagieren. »Organizing« bedeutet ein Bündel von vielfältigen Aktivitäten. Dabei sollen potenzielle Mitglieder gleichzeitig als mobilisierungsfähige Aktivisten organisiert werden, die selber den Kern der Gewerkschaftsarbeit bilden. Dem traditionellen Stellvertretermodell wird ein basisnahes Selbstvertretungsmodell entgegengesetzt. Entstanden ist diese Methode der Mobilisierung und Mitgliedergewinnung in den 90er Jahren in den USA – zu einer Zeit also, als die Gewerkschaften einen historischen Tiefpunkt ihres Organisationsgrads erreicht und mit den Folgen von Globalisierung, Prekarisierung, dramatischen Mitgliederverlusten und immer mehr tariffreien Zonen zu kämpfen hatten. Herkömmliche gewerkschaftliche Mittel schienen nicht mehr ausreichend, um gerade in den Dienstleistungsbranchen die Beschäftigten zu erreichen – auch weil immer mehr Gruppen dezentralisiert und ausgelagert wurden.

Bereits vor zwei Jahren war von der Klinikleitung ein weitreichendes Konsolidierungsprogramm beschlossen worden, dem nach ver.di-Berechnungen bis Ende 2009 rund 800 Stellen zum Opfer fallen könnten. Als größtes Krankenhaus Südniedersachsens beschäftigt die Göttinger Klinik derzeit rund 6500 Mitarbeiter.

An der heutigen Demonstration wollen auch Kollegen aus anderen Bereichen des Klinikums sowie Medizinstudenten teilnehmen. SPD, Grüne und LINKE haben ebenfalls Unterstützung zugesagt. Auch die IG Metall hat schon mit einer Resolution gegen die Ausgründungen protestiert.

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