Wer bei Arif Ünal Rat sucht, braucht viel Geduld. Für die nächsten Monate ist der Terminkalender des Leiters des Gesundheitszentrums für MigrantInnen in Köln ausgebucht. »Die Anfragen haben enorm zugenommen«, sagt der Sozialarbeiter und Therapeut, an den sich hauptsächlich Türkischstämmige wenden. Die steigende Nachfrage zeigt: Die bislang starke Zurückhaltung von Migranten, bei psychischen Krisen professionelle Hilfe zu suchen, lässt nach.
Dass Flüchtlinge aus Krisenregionen und Migranten, die in Deutschland ohne Aufenthaltsgenehmigung leben, starker psychischer Belastung ausgesetzt sind, bezweifelt niemand. Unklar ist jedoch, wie verbreitet seelische Probleme bei anderen Zuwandern sind. Studien liefern widersprüchliche Ergebnisse, wie Heide Glaesmer von der Universität Leipzig betont. »Früher ging man davon aus, dass die Migration und die Integration in eine andere Gesellschaft die Gesundheit belasten«, sagt die Psychologin. »Daraus folgerte man, dass psychische Störungen bei Zuwanderern weiter verbreitet sind als bei der übrigen Bevölkerung.«
Glaesmer prüfte das in einer Stichprobe. 2500 Menschen, darunter 270 Migranten aus EU-Ländern, Osteuropa und der Türkei, wurden nach ihrer psychischen Verfassung gefragt. Entgegen der vorherrschenden Meinung litten sie nicht häufiger an Depressionen, Angststörungen oder Posttraumatischen Belastungsstörungen als deutsche Teilnehmer. Aber wie repräsentativ ist die Studie? An ihr nahmen nur Migranten teil, die gut Deutsch sprechen und zur Teilnahme bereit waren. »Diese Zuwanderer waren relativ gut integriert«, sagt Glaesmer. »Hätte man Flüchtlinge aus Krisengebieten untersucht, wäre das Ergebnis sicher anders ausgefallen.«
Menschen, die freiwillig den Sprung in ein anderes Land wagen, verfügten tendenziell eher über ein stabiles psychisches Grundgerüst, glaubt Caren Weilandt vom Wissenschaftlichen Institut der Ärzte Deutschlands (WIAD) in Bonn. »Aber die Belastung steigt mit dem Alter«, sagt sie. Dazu tragen viele Faktoren bei, etwa die dauerhafte Trennung von anderen Familienmitgliedern, kulturelle Differenzen oder Zukunftsängste. Dass psychische Erkrankungen bei gut integrierten Migranten eher gravierend verlaufen, deuten Zahlen des Robert-Koch-Instituts an. Demnach sind berufstätige Männer und Frauen mit Migrationshintergrund öfter wegen psychiatrischer Erkrankungen arbeitsunfähig als deutsche Versicherte. Glaesmer sieht darin keinen Widerspruch zu ihrem Resultat. »Migranten haben einen wesentlich schlechteren Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung«, sagt sie. »Zum einen werden psychische Probleme von vielen Zuwanderern stigmatisiert, zum anderen ist das Angebot für diese Menschen sehr schlecht.«
»Sich auf eine Psychotherapie einzulassen, ist für türkische Migranten eine riesige Hürde«, so Ünal. »Bis sich jemand dafür entscheidet, Hilfe zu suchen, sind die Probleme meist schon chronifiziert.« Dass seine Klienten inzwischen mit Begriffen wie Depression oder Panikstörung vertraut sind, erklärt er so: »Türkische Fernsehsender klären seit einigen Jahren verstärkt über Gesundheitsthemen auf«. Ünal tritt in solchen Sendungen auf und erreicht so türkische Zuwanderer, besonders Frauen.
Damit steigt die Nachfrage, aber nicht das therapeutische Angebot. Dessen Qualität ist oft mangelhaft. »Manche Probleme können viele deutsche Psychotherapeuten nicht verstehen«, sagt Ünal und meint damit nicht nur die Sprachbarriere. »Dennoch haben viele weder Zeit noch Interesse daran, sich interkulturell fortzubilden.« Dabei sei es für den Erfolg der Behandlung eindeutig nützlich, wenn der Therapeut Hintergrundwissen über die Kultur eines Patienten habe. »Dann haben die Patienten auch mehr Vertrauen«, betont Ünal, »und das ist sehr wichtig.«
Kulturelle Kenntnisse sind für Weilandt nicht nur im Rahmen von Psychotherapien wünschenswert, sondern generell im Gesundheitswesen. »Der Migrantenanteil sollte sich auch im Personalschlüssel der Krankenhäuser widerspiegeln«, sagt sie. »Das würde die Versorgung verbessern.«
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