ND: Sie haben auf Einladung des DGB Hessen-Thüringen der Aufführung Ihres Spielfilms »It's a free world« beigewohnt. Worum geht es in diesem Film?
Loach: Es geht um aktuelle Veränderungen in der Arbeitswelt. Früher hatte ein Schulabgänger in aller Regel eine sichere berufliche Laufbahn und über Jahrzehnte einen festen Arbeitsplatz. Heute sind eine Berufsausbildung oder ein Hochschulabschluss keine Garantie mehr für einen Arbeitsplatz. Sichere Arbeitsverhältnisse wurden durch Leiharbeit, befristete Jobs und Gelegenheitsarbeit ersetzt. Diese Instabilität wurde noch verstärkt durch die große Zahl von Zuwanderern und Arbeitssuchenden aus Osteuropa und anderen Ländern, die besonders leicht auszubeuten sind. Als billige Arbeitskräfte wurden sie von den Arbeitgebern mit offenen Armen empfangen. Dieses Thema wollten wir im Film darstellen.
Und wie schlägt sich diese Erkenntnis im Film nieder?
Natürlich kann man keinen Spielfilm über Verallgemeinerungen drehen. Um das Thema in Szene zu setzen, ersann unser Drehbuchschreiber Paul Laverty die Hauptdarstellerin Angie, eine Frau aus der Arbeiterklasse, die schon viele Jobs hinter sich hat. Sie war im Personalwesen tätig, ist sehr klug und weiß, was sie will. So gründet sie ihre eigene Personalvermittlungsfirma. Dabei entdeckt sie, dass sie mit illegalen Praktiken mehr Geld machen kann. Angie hat das Zeug zur »Unternehmerin des Jahres« und wird zur Ausbeuterin. Der Film zeigt die Logik ihrer Situation und die Logik aller Ausbeuter. Wenn die Zuschauer ablehnen, was Angie im Film tut, dann müssen sie die komplette Logik des Systems ablehnen.
»It's a free world« ist nur einer von vielen Filmen, in denen Sie solche Konflikte darstellen. Woher bekommen Sie die Anregungen?
Eigentlich ist es in der heutigen Situation eher schwierig, nicht in Berührung mit diesen Realitäten zu stehen. Der alltägliche Kampf der meisten Menschen spielt sich hauptsächlich in Familie und Arbeitswelt ab. Die Arbeitswelt bleibt allerdings in Film und Theater völlig unterbelichtet. Meine Drehbuchschreiber sind nach Kräften bemüht, die Konflikte zu verstehen. Natürlich bezieht man sich dabei in sehr starkem Maße auch auf linke Literatur, denn wir haben schnell erkannt, dass das meiste, was offiziell über die Arbeitswelt berichtet wird, nicht stimmt. Die größte Propaganda ist die Behauptung »Wir sitzen alle in einem Boot«. Ausgangspunkt unserer Filme ist der Interessengegensatz zwischen Arbeit und Kapital. Arbeitgeber wollen billige Arbeit und Rohstoffe und hohe Profite. Arbeitende Menschen sind demgegenüber an sicheren Arbeitsverhältnissen, guten Löhnen und gutem Gesundheitswesen, Bildung und Altersversorgung interessiert. In den Filmen machen wir Klassenkonflikte sichtbar und widersprechen damit der Behauptung, dass es in der modernen Gesellschaft keine Klassen mehr gebe und wir alle die selben Interessen hätten.
Damit finden Sie sicherlich ein starkes Echo bei den Gewerkschaften.
Es ist für mich besonders interessant, dass ich vom DGB Hessen-Thüringen nach Deutschland eingeladen wurde. Ich könnte mir derzeit aber nicht vorstellen, dass die führenden britischen Gewerkschaftsbürokraten überhaupt ins Kino gehen, geschweige denn einen Filmemacher wie mich zu ihrer Veranstaltung einladen.
Warum?
Die meisten britischen Gewerkschaftsführer sind eng verbandelt mit New Labour. Ich und meine Mitarbeiter und Freunde waren aber immer eher Feinde als Freunde des Blair-Brown-Clans.
Aber gibt es nicht auch linke Gewerkschaften wie die Journalistengewerkschaft NUJ? Und Ihr Film »Navigators« über Gleisbauarbeiter und Bahnprivatisierung müsste doch auch bei der Bahngewerkschaft RMT Anklang finden.
Es gibt in der Tat auch Gewerkschaften mit eindeutig fortschrittlicher Führung wie die NUJ oder die RMT, und es gibt viele Gewerkschaftssekretäre und Untergliederungen, mit denen wir in Kontakt stehen. Wir haben auch gute Kontakte zu Gewerkschaften in Frankreich, Italien und Spanien und werden dorthin auch eingeladen. In Frankreich haben wir »Navigators« mit hunderten Eisenbahnern in großen Veranstaltungen diskutiert. Ich sehe aber auch kulturelle Unterschiede, denn anders als in Großbritannien hat man in Frankreich und Deutschland erkannt, dass Filme auch für die Gewerkschaftsarbeit eingesetzt werden können.
Wie wirkt sich die aktuelle Wirtschaftskrise auf die Zustände in der Arbeitswelt aus, die Sie in »It's a free world« schildern?
Wir produzierten den Film 2007, also noch vor der großen Krise. Damals gab es in Landwirtschaft, Industrie, Gastronomie und auf Baustellen im ganzen Land eine große Nachfrage nach billiger Arbeit. Jetzt sinkt die Nachfrage nach Arbeit. Gerade jetzt verkaufen Immigranten ihre Arbeitskraft allerdings noch billiger als Einheimische. Leider haben die Gewerkschaften in den letzten Jahren nicht massiv Immigranten rekrutiert und sie haben keine Strategie.
Vor 25 Jahren streikten die britischen Bergarbeiter zwölf Monate lang. Die Regierung Thatcher holte damals zu einem Schlag gegen die Gewerkschaften aus, der bis heute nachwirkt. Jetzt stecken wir in der größten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren. Welche Folgen hat das?
In den 80er Jahren hieß es: Die Gewerkschaften sind schuld an der Krise. Jetzt kann niemand mehr den Gewerkschaften die Schuld in die Schuhe schieben. Es ist eine Krise des Systems, mit Angriffen auf Arbeitsplätze und Druck auf Löhne und den gesetzlichen Mindestlohn. Von den Gewerkschaften wird dabei verlangt, sie sollten »verantwortungsvoll« handeln, also niedrige Löhne, Arbeitsplatzabbau und Prekarisierung akzeptieren. Wenn aber mein Feind schwach ist, dann muss ich stark sein. Daher müssen die Gewerkschaften jetzt ihre Forderungen gegen eine Verschlechterung der Löhne und Arbeitsbedingungen aufrecht erhalten. Wenn die Arbeitgeber behaupten, »das können wir nicht zahlen«, dann müssen wir fordern: Legt uns eure Geschäftsbücher und Konten offen und zeigt uns, wo das ganze Geld hingeflossen ist. Wenn die Industrie zusammenbricht, dann gehört sie in Gemeineigentum überführt. Wenn wir auf solche Forderungen verzichten, dann lassen wir zu, dass die Angriffe einfach ungebremst so weitergehen.
Wollen Sie die Zuschauer mit Ihren Filmen betroffen machen? Oder aufrütteln, etwa nach dem Motto »Aufstehen und organisieren«?
Ich halte mich an das alte Motto »Ausbildung – Agitation – Organisation«. Wir sind gut in der Agitation, wir sind nicht sehr gut in der Ausbildung, und wir sind hoffnungslos in der Organisation. Aber es kommt letztlich auf die Organisation an. Wir müssen uns auf der Grundlage bestimmter spezifischer Forderungen organisieren – etwa gegen Lohnsenkungen, für Sozialwohnungen, Renten, Gesundheitswesen – und daraus die Forderung nach einer sozialistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ableiten. Die ökologische Frage kommt heute noch mit aller Gewalt hinzu. Der Stalinismus war ein Irrweg der Geschichte, aber das ist nicht das Ende des Sozialismus. Der Kapitalismus ist gescheitert. Er ist nicht in der Lage, uns einen angemessenen Lebensstandard zu bieten
Rosa Luxemburg sprach von »Sozialismus oder Barbarei«. Heute lautet die Wahl: Sozialismus oder Vernichtung der Menschheit und des Planeten, weil die ökologische Frage mit aller Gewalt durchschlägt und die kapitalistische Produktionsweise den ganzen Planeten zerstört . Wir brauchen eine vernünftige Produktionsplanung.
Sie sind 72 Jahre alt und denken offensichtlich noch nicht an den Ruhestand.
Filmemacher gehen nie in Rente. Aber von sechs Uhr früh bis 22 Uhr durcharbeiten ist nicht nur ein Verstoß gegen die europäische Arbeitszeitrichtlinie, sondern auch ganz schön anstrengend für einen alten Mann.
Worum geht es in Ihrem neuesten Film?
Der neue Film ist halb Komödie, halb das Gegenteil. Es geht um einen Briefträger, dessen Leben aus den Fugen gerät. Er ist ein Fußballfan von Manchester United, kann sich aber den Besuch im Stadion nicht mehr leisten. In seinem Schlafzimmer hat er ein Poster von Fußballstar Eric Cantona. Er fängt an, mit ihm Gespräche zu führen. Am besten sehen Sie sich den Film im Kino selbst an.
Wie beleuchten die Hintergründe und geben Einblicke in die Ursachen der Weltwirtschafts- und Finanzkrise. Mehr
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