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Von Hans-Dieter Schütt 02.05.2009 /

Wer bis drei zählt, ist Fantast?

Am Sonntag ist der internationale Tag der Pressefreiheit

Wer aus dem Journalismus der DDR kommt, sollte beim Reden über Pressefreiheit mit langem Aufatmen beginnen, immer wieder und ausgiebig. Unser Selbstbewusstsein ist nicht mehr geschützt durch Phrasen, die oben abgesegnet wurden und uns einwuchsen wie eine Panzerschicht. So nicht mehr »geschützt« zu sein: wahre Freiheit.

Freilich, der Zustand der Profession spiegelt die Zeit, und die Zeit bedrückt – Kommunikationsforscher sprechen seit längerem von der Spannung zwischen »Agenda Cutting« und »Agenda Surfing«. Es ist jene Spannung zwischen dem Aufmerksamkeitsverlust für ein Thema und dem geschickten Ausnutzen bestimmter Wellen, um darauf mitzureiten.

Das Zerstreuungsfieber schafft in den Medien – gegen Wissen und Überzeugung vieler schreibend oder lesend Beteiligter – eine Spirale unablässiger Steigerungsformen. Ein Beruf im Erregungskoma? »Eingebettete« Kriegsreporter und talkende Seelenparasiten, weltzerstückelnde Schalter und Walter in Redaktionen und auf Moderatorenstühlen treibt’s doch permanent den Schweiß auf die Seele: Bin ich dran, bin ich drauf, bin ich topp, bin ich cool?

Journalismus ist der Erbe des enzyklopädischen Gedankens und seiner unerschöpflichen Ordnungsvielfalt – und er ist gleichzeitig zu einem Verderber dieses Prinzips geworden, denn es wächst die Hysterie der fortwährend wechselnden Anlässe. Mediale Reihung verwandelt – schleichend! – Gleichzeitigkeit der Information in Gleichwertigkeit. Die kann uns gleichgültig machen. Muss es sogar. Denn ohne intensive Elastizitätsübung verdaut inzwischen kein Bewusstsein mehr das pausenlose Auf und Ab von Nachrichten, die in diesem Moment eine Höchstaufmerksamkeit abfordern, um im nächsten Moment von neuen Reizwerten in die Unaktualität gestoßen zu werden. Wo Wichtiges und Unwichtiges gleichermaßen aufgebauscht werden, wird das Unwesentliche ebenso zur Lüge wie das Wesentliche – weil die Unterschiede zwischen beidem nichts mehr gelten.

Im entfesselten Informationsrausch werden wir zu Hochtrainierten besagter Gleichgültigkeit. Jeden Morgen, wenn die ersten Schlagzeilen uns bedrängen, haben wir doch nur wieder die gestrige Gleichzeitigkeit von Amüsantem, Erschreckendem, Pikantem, Weltbestimmendem, Anekdotischem und Traurigem, Geprüftem und Ungeprüftem vor uns. Unser Mitgefühl, unser Zorn, unsere Nachdenklichkeit verfügen jedoch nur über eine bestimmte Kapazität – im Vergleich zu dem, was sich uns anbietet oder an uns appelliert. Ermüden kann uns selbst das wichtigste Thema und der immer gleiche Klage- und Anklageton, sei er noch so dringlich, sei er noch so ernst gemeint.

Wer will, dass die Leute nur Wichtiges lesen, der vergisst leicht, was jede Zeitung auch sein muss: Lesestoff statt Lehrstoff. Wo aber ist die Grenze? Ist sie überhaupt festmachbar? Die medialen Kombinationen aus Entertainment und jener Selbsttäuschung, es werde Öffentlichkeit hergestellt, wo doch bloß auf Oberflächen langgebohnert wird – sie jedenfalls schaffen generell eine Bewegtheit, die alles zur Sprache bringt, ohne etwas zu sagen; die alles umfassen kann, weil sie nichts wirklich erfassen muss. Dritte Welt und Formel eins. Sektenmord und Sektreklame. Amstetten und Amoklauf. Die Schönen und die Reichen und all die Leichen.

Und, und, und. Dieses »Und«, so schreibt der Philosoph Peter Sloterdijk, sei inzwischen die Moral der Journalisten. Die gleichsam einen Berufseid darauf ablegen, damit einverstanden zu sein, dass ihr jeweiliger Beitrag ein Stein im bunten Mosaik sei, nicht mehr. Eine Sache sei eine Sache, und mehr lasse das Medium nicht zu. Zusammenhänge zwischen Sachen herzustellen, das bedeutete ja, verhasste Ideologie zu betreiben. »Darum: Wer bis drei zählt, ist ein Fantast. Ein Journalist ist mittlerweile jemand, der von Berufs wegen gezwungen wird zu vergessen, wie die Zahl heißt, die nach eins und zwei kommt. Wer es noch weiß, der ist wahrscheinlich kein Demokrat. Oder will es, nach Maßregeln des derzeit Gültigen, nicht mehr sein.« Der Philosoph schon 1983, in seiner »Kritik der zynischen Vernunft«. Häppchen Hour ist Happy Hour.

Als Ausweg bleibt, was Christoph Albrecht in der FAZ in gelungene Worte fasste: Maßstab sei, »wie pfeilgenau die Medien zwischen der Scylla des Trivialen und der Charybdis des Abseitigen den Gesang der Sirenen empfangen«. Dass Medien heute vorwiegend von schlechter Nachricht lebten, sei deprimierend. Aber »im unkontrollierten Fließen aller Informationen« liege »zumindest auch die gute Nachricht von der ungebremsten Vitalität der westlichen Welt«. Vitalität, die zugleich schweres Leiden ist – auch wenn natürlich jede Fülle ein nützlicher Akt ist gegen die traditionelle Enge unseres Bewusstseins.

Gegen die grellen Vergnügungsarten, die Welt mit Bildern, Tönen, Zeichen gleichsam auszulöschen, hilft letztlich nur noch eine einzig lohnende intellektuelle Anstrengung: das Vergnügen, sich selber nichts mehr vorzumachen.


Fotodialoge

»Es gibt Bilder, die geschlossen sind, vollendet. Mich interessiert Fotografie, die unvollendet, suggestiv ist, die einen Austausch oder Dialog entfachen kann«, beschreibt der italienische Fotograf Paolo Pellegrin die Intention seiner Arbeit. Auf dem obenstehenden Foto (»Libanon, Tyros, 2006« aus der Serie »As I was Dying«, Magnum) zeigt Pellegrin Zivilisten zwischen den Trümmern eines Hauses im Stadtzentrum von Tyros, der südlichsten Stadt des Libanon, nach einem israelischen Luftangriff. Entnommen ist das Bild dem von der Journalisten-Vereinigung »Reporter ohne Grenzen« herausgegebenen Bildband »Tatorte«, der am 3. Mai, dem internationalen Tag der Pressefreiheit, erscheint.

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