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Foto: ND/Wolfgang Frotscher
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Judith Hermann ist älter geworden. Natürlich, wir alle werden älter, jeden Tag. Aber wir merken es nicht. Erst in den raren Momenten, in denen wir die Fotoalben hervorkramen – Alben, keine USB-Sticks! – und mit Freunden in Erinnerungen schwelgen, wird uns schreckhaft bewusst, dass die Zeit durch die Finger rinnt wie Ostseesand. Auch wenn wir alte Bekannte wiedertreffen, die unserer schier immerwährenden Gegenwart für längere Zeit abhanden gekommen waren, zucken wir vielleicht zusammen: Die glatten Gesichter unserer Erinnerung werfen Furchen und Falten; wo wir volles Haar kannten – Kahlfraß.
Die »junge Schriftstellerin« Judith Hermann wird im nächsten Jahr vierzig. Ihr erstes Buch, »Sommerhaus, später«, erschien 1998 und riss den Literaturkritiker Reich-Ranicki zu der Bemerkung hin: »Wir haben eine neue Autorin bekommen, eine hervorragende Autorin. Ihr Erfolg wird groß sein.« Ihr Erfolg war groß, noch größer waren die Erwartungen. »Auf kein Buch wird so lautstark gewartet wie auf ihr nächstes«, schrieb Jörg Magenau in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. Aber Judith Hermann ist eine leise Autorin, bis zur Veröffentlichung ihres zweiten Erzählbandes »Nichts als Gespenster« ließ sie fünf Jahre verstreichen. Nun, weitere sechs Jahre später, liegt »Alice« vor, das heute erscheint.
Es ist ein Buch über das Sterben. Viel mehr noch ist es ein Buch über das Leben mit dem Tod. Die Überschriften der fünf erzählten Episoden tragen die Namen der Sterbenden und Verstorbenen: »Micha«, »Conrad«, »Richard«, »Malte«, »Raymond«. Über allem aber, auch im Titel des Buches, steht der Name, steht die Traurigkeit, steht das Leben der Bleibenden: »Alice«. Fünf Männer, eine Frau. Es ist auch ein Buch über die Liebe.
Micha und Raymond sind, waren Alices Männer. Sie sterben, wie man so sagt, viel zu früh. Conrad und Richard sind älter als Alice, viel älter, väterliche Freunde. Alices schwuler Onkel Malte aber ist schon seit fast vierzig Jahren tot. Er nahm sich 23-jährig das Leben, einen Monat vor Alices Geburt. »Du bist das Licht in unserer Dunkelheit, hatte Alices Großmutter, Maltes Mutter, in ihren Kalender geschrieben, mit deutlicher, bewußter Schrift.« Licht in jemandes Dunkelheit sein zu sollen, von dem man nichts kennt als die Erinnerung Anderer, dies treibt Alice dazu, sich mit Maltes Geliebtem Friedrich zu treffen, der ihr, in einer blauen Mappe gebündelt, die Liebesbriefe überreichen wird, die Malte einst an ihn schrieb.
Als Friedrich die Treppe ins Hotelfoyer herunterkommt, wo Alice den Unbekannten erwartet, heißt es bei Judith Hermann: »Ein alter Mann. Sehr feine Haare, weiß, fast leuchtend, und Alice dachte staunend, daß sie doch eigentlich angenommen hatte, er wäre jung. So jung wie er damals gewesen war, vor fast vierzig Jahren, sie hatte angenommen, Friedrich habe zu altern aufgehört, als Malte starb. Seine Geschichte habe dort aufgehört. Ihre habe angefangen.«
Der Augenblick, in dem Alice den alten Friedrich sieht, ist so ein Moment, der plötzlich die Vergänglichkeit ins Bewusstsein rückt – und gleichzeitig die Ewigkeit. Zwei Geschichten kreuzen sich und bleiben doch zwei Geschichten. Ein Punkt nur verbindet sie. Ein Punkt, ein Mensch. »Zusammenhänge erkennen«, schreibt Hermann, »oder erkennen, daß es gar keine Zusammenhänge gab. Nur vermeintliche Beziehungen. Täuschungen, wie Spiegelungen, nichts anderes als der Wechsel von Temperatur, Licht, Jahreszeiten.« Nichts als Gespenster.
Judith Hermanns große Kunst besteht im Erzeugen von Stimmungen, die tief an die Seele rühren. In zumeist kurzen, sehr präzisen Sätzen beschreibt diese Autorin die Beschaffenheit von Oberflächen, unter denen vieles verborgen liegt, was mit Worten nicht glaubhaft zu fassen ist. Farbnuancen, feinste Brechungen des Lichts, die Zusammensetzung von Geräuschen, Gerüchen, winzigste Regungen in einem Gesicht, Sinneseindrücke also, die dem flüchtig durchs Leben Eilenden verschlossen bleiben, öffnen bei Hermann das Tor zum Verstehen.
So überaus sensibel diese Autorin für das ist, was sie beobachtet und beschreibend ergründet, so unsentimental waltet sie über ihr Werkzeug, die Sprache. Nüchtern, mit scheinbarer Kälte zoomt sie das Auge des Lesers an kleinste Details, in jedem steckt Bedeutung. Sollte man Judith Hermanns unverwechselbarem Stil eine Farbe zuordnen, ohne zu zögern, sagte man: blau. Ihr Element ist das Wasser, das sich mit Händen nicht festhalten lässt. So wenig wie die Jugend, das Leben.
Judith Hermann: Alice. S. Fischer Verlag. 192 S., geb., 18,95 Euro. Buchpremiere am 12. Mai, 20 Uhr, im Radialsystem V, Berlin-Friedrichshain.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
Preis: 7,95 €
Preis: 60,00 €
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