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Von Sybille Walter 11.05.2009 /

Einmischung als Bürgerpflicht

Die lange Nacht der Akademie in Berlin

Auf ihrer Mitgliederversammlung in Berlin gaben die Mitglieder der Akademie der Künste am Wochenende ein deutliches Votum ab: Die bisherigen Amtsinhaber, Präsident Klaus Staeck und Vizepräsidentin Nele Hertling, wurden für eine zweite Amtszeit von drei Jahren wiedergewählt. Neu gewählt wurde auch der Senat der Akademie der Künste und 20 neue Mitglieder wurden aufgenommen.

Am Sonnabend lud die Akademie dann ihre vielen Freunde zur Langen Nacht in das Gebäude am Hanseatenweg, diesmal zur Nacht der Autoren. Im Gespräch und in Lesungen waren zu erleben: Volker Braun, geboren 1939, Günter Grass, geboren 1927, Yasar Kemal (Türkei), geboren 1923, Ingo Schulze, geboren 1962, und Stefano Zangrando (Italien), geboren 1973. Allerdings standen während dieses Treffens nur selten gelungene Sprachbilder im Mittelpunkt des Interesses, es dominierten des Dichters Beziehung zur Realität, sein Anspruch auf Einmischung.

Am deutlichsten formulierte das Günter Grass, als er im Gespräch mit Yasar Kemal sagte: »Der Schriftsteller ist auch Bürger und deshalb nicht nur seinem Text verpflichtet.« Er nennt es seinen Auftrag, die Demokratie zu verteidigen und bei Bedarf Politikern in die Suppe zu spucken. Wütend macht ihn, wenn diese leugnen, wie viel seit 1989 mit der deutschen Einheit schief gegangen ist. Ein typisches Beispiel hierfür sei die derzeit im Gropiusbau gezeigte Ausstellung »Sechzig Jahre. Sechzig Werke«, in der die bildende Kunst der DDR ausgeklammert wird, ohne dass die in der DDR aufgewachsene Bundeskanzlerin Angela Merkel dies überhaupt zur Kenntnis nimmt.

Günter Grass hat in den Werken von Yasar Kemal die Schönheit Anatoliens und Istanbuls kennen gelernt, er ist beeindruckt vom Eintreten Kemals für Minderheiten. Seit Kemal 1997 in der Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde, sind beide Schriftsteller befreundet. Beide haben den Krieg gegen die Kurden öffentlich verurteilt. Kemal war in der Türkei zu 20 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt worden, weil er gesagt hatte: »Dieser sinnlose Krieg muss ein Ende finden. Er frisst die Menschen auf beiden Seiten.« Günter Grass hatte öffentlich gemacht, dass die BRD Restbestände der Nationalen Volksarmee an die Türkei verkauft hatte, die dort gegen die Kurden eingesetzt wurden.

Schon in den Titeln neuer Texte von Volker Braun geht es um Wirkliches: Da wird von »Scheinehe« gesprochen, von »Bedarfsgemeinschaft« und »Geizigen Löbauern« ebenso wie vom »Beben der Banken«. Als Moderator erinnerte Ingo Schulze an die Kontinuität des Dichters Braun, dessen 1972 veröffentlichtes »Das ungezwungene Leben Kasts« er im DDR-Alltag als Offenbarung gelesen hatte.

Einmischung als Bürgerpflicht bestimmte auch die Treppenrede des Akademiepräsidenten Klaus Staeck zu Beginn seiner zweiten Amtszeit: Die Akademie als Institution ist nach wie vor der Aufklärung verpflichtet. Sie streitet für den öffentlichen Raum und wird darin »von außen inzwischen durchweg positiv wahrgenommen«, auch wenn noch zu selten auf sie gehört wird. Im Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit stehen die vom Präsidenten ins Leben gerufenen Akademiegespräche, zum Urheberrecht beispielsweise oder zum System Mafia oder zur internationalen Ächtung der Todesstrafe. Auch Staeck fürchtet das langsame Verschwinden der Demokratie als eine Folge der ökonomischen Krise und nennt die wachsende Armut in der Welt und die bedrohliche Gefährdung des Klimas die zwei großen globalen Probleme.

Kunstgenuss pur hatte die Lange Nacht eröffnet: Der Jazzmusiker Conny Bauer nutzte seine Posaune als musikalisch einfallsreiche Begrüßungsfanfare.

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