Am 8. Juni wird es zum ersten Mal seit über zehn Jahren wieder eine Massenabschiebung von Vietnamesen aus Berlin geben. Die Bundespolizei hat eine Sondermaschine der Air Berlin von Schönefeld nach Hanoi gechartert.
Das bestätigt Jörg Kunzendorf von der Bundespolizei. »Es handelt sich um Ausreisepflichtige aus mehreren Bundesländern, darunter aus Berlin«, sagt er. Dem Vernehmen nach hat die Sondermaschine für ca. 100 Personen Platz. Bisher wurden Vietnamesen in normalen Linienmaschinen oder ab Frankfurt oder München abgeschoben. In Berlin sitzen derzeit rund 40 Vietnamesen im Abschiebegewahrsam, in Brandenburg sind es 14. Die LINKE, der Flüchtlingsrat und der Landesmigrationsrat lehnen die Massenabschiebung ab, weil Einzelfälle in Massenverfahren nicht genügend geprüft werden könnten.
Betroffen von Abschiebung sind Flüchtlinge, die in den letzten fünf Jahren als Asylbewerber nach Deutschland kamen. 1042 Vietnamesen beantragten 2008 Asyl in Deutschland – die drittgrößte Gruppe nach Menschen aus dem Irak und der Türkei. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie in der Regel durch den Verkauf unversteuerter Zigaretten oder aber als Hilfskräfte in Läden ihrer Landsleute.
Eine Arbeitsgruppe des Flüchtlingsrates beschäftigt sich mit der Situation minderjähriger vietnamesischer Flüchtlinge, die ohne Eltern nach Deutschland geschickt werden. Unter den minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen in der Stadt sind Vietnamesen mit Abstand die größte Gruppe, aber Maßnahmen der Jugendhilfe greifen für sie nicht. Das liegt daran, dass sie ihre Schleuserschulden in Höhe von 7000 bis 25 000 Euro abarbeiten müssen und deshalb keine Zeit haben zum Schulbesuch. »Damit haben sie in Deutschland keine Perspektive«, meint Dennis Oelze, Sozialarbeiter in einem Wohnheim der Paul-Gerhard-Werke. Die Überlegungen der Arbeitsgruppe, in der Oelze mitarbeitet, gehen in zwei Richtungen: Erstens soll ein Vorzeigewohnheim entstehen, in dem lernwillige Jugendliche von den Schlepperbanden abgeschirmt zur Schule gehen, intensiv pädagogisch betreut werden und bei Schulerfolg eine Bleibeperspektive erhalten sollen. »So ein Heim gehört weit weg von Berlin, damit die Jugendlichen von den kriminellen Strukturen abgeschirmt werden können«, sagt Traudl Vorbrodt vom Flüchtlingsrat.
Zudem soll in einer bestimmten mittelvietnamesischen Region aus deutschen Entwicklungshilfegeldern ein SOS-Kinderdorf entstehen, damit die Jugendlichen im Land selbst eine Perspektive haben und sich gar nicht erst auf den gefahrvollen Weg nach Europa zu begeben brauchen.
Tamara Hentschel vom vietnamesischen Verein Reistrommel unterstützt das: »In der betroffenen Region wachsen weder Bäume noch Sträucher. Das Grundwasser ist versalzt. Fast jeden Herbst gibt es eine verheerende Überschwemmungskatastrophe, durch die viele Familien ihr Hab und Gut verlieren.« Weil das eine Folge des Klimawandels sei, hätten Industriestaaten wie Deutschland eine Mitverantwortung, dort Projekte zu finanzieren, findet Hentschel. Gleichzeitig mahnt sie mehr Augenmaß bei Abschiebungen an: Familien mit hier geborenen oder aufgewachsenen Kindern sollten in Deutschland bleiben dürfen.
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