Björn Kern: Ross und Reiter in Einheit und Freiheit – des Konsums
Foto: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung
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Ein Pranger sei die Ausstellung, schimpfen manche. Nein, ist sie nicht. Ungewöhnlich schon. Auch in dem, was ihr vorausging, und die meisten Kommentare im Besucherbuch sind empört bis sarkastisch: »Selten so gelacht.« »Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wiederhaben.« »Das Schloss ist genug.« »Es stellt sich die Frage, in welcher Kontinuitätslinie die Bundesrepublik steht.«
Corpora delicti sind die über 500 Wettbewerbsentwürfe für das Nationaldenkmal in Berlin. Im Kronprinzenpalais, das sich derzeit unter Bauplanen versteckt, wohl frei nach Gottsched: »Die Vorsicht deckt mit dunklen Tüchern die Spuren ihrer Fügung zu«, lässt sich angesichts der Skizzen und deren Beschreibungen erahnen, was noch lange nicht in trockenen Tüchern ist. Ungewöhnlich ist die Ausstellung, weil das Jury-Votum ziemlich einhellig gegen die (anonymen) Einreichungen ausfiel und hier nun quasi das Scheitern ausgestellt wird. Die Blätter, ohne gestalterischen Ehrgeiz auf dichtgedrängten Stellwänden angebracht, sind jetzt Pausenfüller, bis zum neuen Verfahren. Die Ausstellung soll, so die (Not-)Lösung, Anstoß zur Diskussion sein.
Das Besondere also: Es geht um nichts Geringeres als ums Nationalgefühl, um deutsche Identität, was immer das auch sei bzw. was der Einzelne damit anzufangen weiß. Ein aggressiver Patriot ist – laut wissenschaftlicher Umfragen – kein Deutscher mehr, wie sollte er, nach Jahren der Aufarbeitung historischer Schuld. Aber ein bisschen Stolz soll schon sein, alles andere wäre auf die Dauer auch ungesund.
Die Wettbewerbsausschreibung war denn auch entsprechend, also gründlich deutsch, mit dem Pfiff bayerischer oder Bonner Stammtischler: »An einem herausragenden Ort in der historischen Mitte der deutschen Hauptstadt mit einem hohen politischen, künstlerischen und architektonischen Anspruch« soll das Denkmal entstehen, nämlich auf dem Sockel des ehemaligen Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I. auf der Schlossfreiheit, d.h. auf 3000 Quadratmetern gegenüber dem Schloss in spe. Weiter im ausschreibungspoetischen Text: »Zugleich sollen die freiheitlichen Bewegungen und Einheitsbestrebungen der vergangenen Jahrhunderte in Erinnerung gerufen und gewürdigt werden, Umfeld und Tradition der revolutionären Ereignisse von 1989 und deren gesamtdeutsche und europäische Dimension einbezogen werden«, ein »Ort der Information« und: ein Schwenk nach Leipzig inbegriffen.
Uff. Die Vorgabe erfüllte keiner. Den gordischen Knoten in dieser Angelegenheit figurierte Entwurf Nr. 109: Hochaufragende Metallstreifen, schwarz, rot, gold lackiert, so verknotet, dass sie nie mehr geteilt werden können. Warum griff die Jury nicht zu?
Der Wende-Held, der am meisten verehrt wird, ist die Banane. Das Einheitssymbol schlechthin. Auf Kaisers Sockel, gerichtet aufs Schloss, sieht sie aus wie ein – Traumschiff, bei Hanns Malte Meyer. Für das Preisgericht, wie alle Objekte, eine Nummer. Die 1183. In der Ausstellung nun werden die Schöpfer der meisten Werke namentlich genannt. Meyer zählt zu den kecksten Entwerfern.
Übertroffen wird er von Björn Kern, Nr. 1277, der den Einkaufswagen vom Supermarkt mit schwarz-rot-goldenen Kugeln samt Wortspiel Frei-heit, Frei-kauf, Ein-heit, Ein-kauf als Zeichen der Zeit anbietet. Sehr böse. Sehr unpathetisch. Sehr genau. Wie sagt doch der Geschäftsführer der das Archiv der DDR-Opposition betreuenden Robert-Havemann-Gesellschaft? »Heute versteht sich der Bürger als Konsument, und die Friedliche Revolution hat auch dies ermöglicht.«
Dass die Übernahme des Ostens durch den Westen für viele DDR-Bürger nicht bloß eine »Aufforderung zum Tanz« um das Goldene Kalb gewesen ist, sondern eine, der Definition von Tanz entsprechend, Annäherung mit Takt sein sollte, impliziert der Vorschlag Nr. 1071 – mit großen, lustigen Silhouettenfiguren, die über den Platz tanzen bis zum Schlossportal. Noch viel doller tanzt das beleuchtete Konfetti in einer gläsernen Mauer von Entwurf Nr. 1029.
Überhaupt, die Mauer. Da ist sie bei Nr. 1152 eine schmelzende Eiswand oder der Mauerdurchbruch per »Trabant« bei Nr. 1097. Und für die Zweifler, ob man zwischen Ost und West nicht doch lieber wieder eine neue Mauer bauen sollte, kommt vielleicht der Entwurf »Zweifel«, die Nr. 1081, gerade recht. »Zweifel ist ein kulturelles Kapital für Deutschland geworden«, heißt es in der Entwurfsbeschreibung für die haushohen, von oben zu lesenden Buchstaben aus Aluminium und Edelstahl. Die so schön mit Nr. 1115 korrespondieren, »Die große Illusion«, dass die Entscheidungsnot der Jury nachfühlbar wird.
Es bricht einem schier das Herz, dass all die Bemühungen um ein Nationaldenkmal, ob seriös, ob ironisch, ganz umsonst gewesen sein sollen. Das »Herz aus Glas«, Nr. 1487, die Macht der Liebe beschwörend, hätte es nicht auch an Erich Mielkes »Ich liebe euch doch alle« erinnert? Welch vielfältiges Angebot, das die Jury ausschlug, sodass am 9. November, 20 Jahre nach dem Mauerfall, nun doch nicht, wie geplant, ein Wettbewerbssieger präsentiert werden wird. Im Orkus nun erst einmal auch die Variationen auf deutsche Eichen nebst Wurzeln oder Apfelbäumchen, auf Adler oder die unvermeidlichen Kerzen sowie Kugeln, Eier (!), Ringe, Bänder, Schleifen, Spiegel, Treppen, Parks.
Von bildenden Künstlern und Architekten aus aller Welt kamen die Entwürfe, die Ideen galoppierten nur so. Entwurf Nr. 1054 bot 48 Pferdeskulpturen, auf Hügellandschaft statt auf Sockel, und Nr. 1423 einen müden Reiter auf lahmhufigem Tier, der dem ollen Willem den Schneid abzukaufen hätte. Wo einige Entwürfe natürlich mit dem Wort und mit dem »Wir sind das Volk«-Spruch hantierten, nahmen andere ganz konkret die so Sprechenden ins Bild: »Wir sind das Denkmal«. Tja, vorbei. Ein »Thron für jeden« – Nr. 1101 – wird uns nun nicht gegönnt. Desgleichen nicht der Hocker statt des Sockels für die Speaker's Corner von Nr. 1040, dem »Redmal«.
Alles in allem: Ob ernst gemeint oder nicht, der Entwurf Nr. 1014 ist mir, wenn es denn wirklich ein Denkmal geben muss, der sympathischste: das Modell einer Dauerbaustelle. Oder vielleicht Vorschlag Nr. 1355, wonach die Denkmalkosten gar nicht erst entstehen, sondern die vorgesehenen zehn Millionen Euro eingesetzt würden in Staatsanleihen für jedermann.
www.wettbewerb-denkmal.de
Bis 31. Mai, tägl. 10-20 Uhr, Kronprinzenpalais, Unter den Linden.
Preis: 26,00 €
Preis: 120,00 €
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