16.05.2009

»Israel hat kein Interesse am Ende des Konfliktes«

Friedensaktivist Jeff Halper hält die Besatzung für »Apartheid«

ND: Warum engagiert sich Ihre Organisation gerade gegen die Hauszerstörung?
Halper: In den letzten Jahren hat Israel etwa 24 000 Häuser in der Westbank und in Gaza zerstört. Beispielsweise in militärischen Operationen – allein beim Einmarsch in Gaza wurden 4000 Häuser niedergerissen. Oder es gibt einfach keine Baugenehmigung, dann wird sofort abgerissen. Das ist eine ausgesprochen gewaltsame und furchtbare Politik, die mit Sicherheit nichts zu tun hat. Zusammen mit der Siedlungspolitik wird ein palästinensischer Staat verhindert. Weil es so unmenschlich ist, dient uns das Hauszerstörungs-Problem als gutes Beispiel, zu zeigen, wie die Besatzungspolitik funktioniert.

Wie gehen Sie vor?
Wir versuchen, die Zerstörung zu verhindern, indem wir uns zum Beispiel vor die Bulldozer stellen. Oder wir bauen die zerstörten Häuser so schnell wie möglich wieder auf. Das führt dann zu Fällen, in dem ein Gebäude vier Mal von der israelischen Regierung zerstört wurde. Aber wir versuchen auch anders, Öffentlichkeit zu gewinnen – beispielsweise indem wir die Seeblockade Gazas mit einem Fischerboot durchbrochen haben.

Wie sehen Sie die Zwei-Staaten-Lösung?
Die Zwei-Staaten-Lösung wird von jedem unterstützt. Von der israelisch-jüdischen Öffentlichkeit, von den Palästinensern, von der Arabischen Liga, von der internationalen Gemeinschaft. Der einzige Akteur, der da nicht mitspielt, ist die israelische Regierung. Diese möchte immer noch das ganze Land kontrollieren und immer mehr jüdische Straßen und Siedlungen baut; und die Entstehung einer zweiten Staates verhindert sie, wo sie kann. Mehr und mehr Menschen sind sich sicher, dass die Zwei-Staaten-Lösung gar nicht mehr möglich ist. Einerseits weil die israelischen Siedlungen zu stark, zu groß und zu gut geschützt sind und weil die internationale Gemeinschaft Israel nicht zwingt, die Besatzungspolitik aufzugeben.

Sie wurden kritisiert, für die israelischen Maßnahmen den Begriff »Apartheid« zu benutzen. Warum halten Sie an der Bezeichnung fest?
Weil es genau das ist, was in Israel stattfindet. Es gibt nicht nur Parallelen, sondern es beschreibt hervorragend, was zur Zeit vorgeht. Die Mauer, welche die Regierung durch die besetzten Gebiete gezogen hat, wird wortwörtlich als »Trennungswall« bezeichnet. Die jüdische trennt sich von der palästinensischen Volksgruppe. Es gibt inzwischen Schnellstraßen mit einer acht Meter hohen Mauer auf dem Mittelstreifen. Auf der einen Seite für israelischen, auf der anderen Seite für palästinensischen Verkehr.

Was bezweckt Israel mit dem Vorgehen?
Anhand des Verlaufes der Mauer, um die jüdischen Siedlungen in der Westbank herum, kann man sehen, dass die Palästinenser eingemauert werden sollen. Wir sprechen hier von Kontrolle, kaum von Sicherheit, und in Zukunft wahrscheinlich von einer Zwei-Staaten-Lösung auf nicht einmal drei Vierteln der jetzigen Gebiete der Westbank und Gaza.

Sie zeichnen ein sehr düsteres Bild von der israelischen Regierung. Wie stehen Sie zum palästinensischen Bombenterror und den Raketenangriffen der Hamas?
Gewalt ist keine Lösung. Das Töten von Zivilisten – egal ob israelischen oder palästinensischen – ist ein Verbrechen ohnegleichen. Doch Israel ist ein Staat, dem andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen, die manche auch als Staatsterrorismus bezeichnen. Da die Opfer unter der Bevölkerung der besetzten Gebiete eine deutliche Sprache sprechen, finde ich es nicht richtig, dass sich Israel aufgrund der verurteilenswerten Terrorangriffe zum Opfer stilisiert.

Was müsste als Erstes passieren, um den Friedensprozess wieder in Gang zu bringen?
Im Moment scheint von keiner Seite eine Lösung möglich, es sei denn, Israel ändert seine Politik – wovon ich im Moment nicht ausgehen kann. Israel hat kein Interesse an einem Ende des Konfliktes. So lange sich der Staat Israel als Opfer darstellen kann und an der Ruhighaltung der Palästinensergebiete politisch wie militärisch und finanziell profitiert, sehe ich kaum Möglichkeiten.

Professor Jeff Halper ist Anthropologe und Friedensaktivist. Der in den USA geborene Israeli setzt sich für ein Ende der israelischen Besatzung der Palästinensergebiete ein und durchbrach mit einem Fischerboot die israelische Seeblockade vor Gaza. Für sein Engagement im Israelischen Komitee gegen Hauszerstörungen wurde er im Jahr 2006 für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen und erhielt dieses Jahr den Immanuel-Kant-Weltbürgerpreis. Mit dem 63-Jährigen sprach in Berlin Patrick von Krienke.

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