Karikatur: Christiane Pfohlmann
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Der Quantensprung fand in Berlin vor gut fünf Jahren statt: An der Alice-Salomon-Hochschule entstand 2004 der deutschlandweit erste grundständige Studiengang für Erzieherinnen und Erzieher. Seitdem können angehende Erzieherinnen im Fach »Erziehung und Bildung im Kindesalter« lernen, wie man Kinder von der Geburt bis zum Ende des Grundschulalters optimal und ganzheitlich fördert.
Dafür beschäftigen sich die Studierenden neben Pädagogik auch mit Neurobiologie, mit Gender-Theorie (Geschlechtsspezifk) und Fragen der Interkulturalität. Sie eignen sich Lehrfähigkeit in den wichtigsten Bildungsbereichen von Mathematik bis Kunst an, lernen, wie man Krankheiten erkennt und Gesundheit fördert, wie man pädagogische Einrichtungen organisiert und mit Beteiligten kommuniziert – und damit ist der Lehrplan längst nicht erschöpft. Kinder als kreative und kompetente Wesen wahr- und ernst zu nehmen, das gehört laut einer Broschüre zum Bildungsverständnis des Studiengangs.
Mit dem »Bachelor of Arts« als Erzieher, den die Absolventen erwerben, ist auch die staatliche Anerkennung verbunden. Je 40 Studierende werden pro Semester zugelassen, mittlerweile bewerben sich Studiengangsleiterin Iris Nentwig-Gesemann zufolge pro Semester mehr als 200 Interessenten. Denn die Arbeitgeber wissen die Kita-Akademiker inzwischen zu schätzen. Absolventen finden laut Information der Studiengangsleiterin schnell Arbeit. Außerdem eröffnen sich ihnen zusätzliche Perspektiven: Sie können die Leitung einer Kita oder andere verantwortliche Positionen übernehmen. Wer ambitioniert ist, absolviert nach dem Bachelor noch einen Master-Studiengang und geht danach, zum Beispiel, in die Forschung. Auch Jakob Held hat sich wegen dieser Perspektiven nach Ausbildung und Arbeit als Erzieher noch einmal für ein Studium entschieden. Der 27-Jährige ist zur Zeit im dritten Semester und hofft auf bessere Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten. Er studiert im Vollzeitstudium. Für alle diejenigen, die weiter arbeiten und trotzdem studieren wollen, bietet die Hochschule einen berufsbegleitenden Studienzweig mit noch einmal 40 Studienplätzen pro Semester an.
Dass man den Erzieherberuf an der Hochschule studieren kann, bedeutet einen weiteren Schritt im Rahmen der Professionalisierung des Fachs. Die setzte recht spät ein: Bis in die 1970er Jahre brauchte es in der alten Bundesrepublik gar keine spezielle Ausbildung, um mit Kindern zu arbeiten, noch bis Ende der 1980er arbeiteten zahlreiche ungelernte Kräfte in den Kitas.
Das neue Fach zeugt von der gestiegenen Wertschätzung dessen, was in Kitas geleistet wird und werden soll. Dass Bildungsprozesse nicht erst in der Grundschule einsetzen, ist mittlerweile auch auf politischer Ebene angekommen. Berlin zum Beispiel hat seinen Anspruch an vorschulische Einrichtungen im Bildungsprogramm bereits 2004 detailliert festgelegt. Es erklärt die frühkindliche Förderung zum wichtigen Anliegen und legt fest, mit welchen Methoden Kinder schon in Kitas gefördert werden sollen.
Ein ähnlich hohes Bildungsideal verfolgt auch der Studiengang der Alice-Salomon-Hochschule. Doch das, was hier gelehrt wird, mutet gemessen an den derzeitigen Realitäten in den Kitas fast schon utopisch an. Wenn die Studierenden den Elfenbeinturm für ein Praktikum verlassen, sind viele von ihnen ernüchtert: »Hier in der Uni lernen wir, was alles möglich ist«, sagt die Drittsemesterin Nadja Lorenz, »aber in den Kitas lässt sich das nicht umsetzen«.
In vielen Kitas gibt es erst mal eine ganze Menge anderer Baustellen. Wie desaströs die Lage ist, haben die jüngsten Berliner Kita-Proteste und Brandbriefe verdeutlicht: Die Mitarbeiter klagen, dass die Kitas notorisch unterbesetzt sind und das Soll kaum erfüllbar ist – bei einer deutlich geringeren Bezahlung als etwa von Grundschullehrern. Dabei müssen sie laut Bildungsprogramm auch sogenannte »mittelbare pädagogische Arbeit« leisten, bei der sie das Verhalten der Kinder beobachten und dokumentieren. Nach einer vom Berliner Kita-Bündnis in Auftrag gegebenen Studie fehlen allein für diese Aufgaben jährlich etwa zehn Stunden Arbeitskraft pro Kind.
Nadja Lorenz kann diese Zustände nur bestätigen. Die Arbeit in den Kitas habe sie »sehr frustriert«, erzählt die 22-Jährige. Es habe zu wenige Erzieher für zu viele Kinder gegeben, außerdem Schwierigkeiten bei der Organisation und der Kommunikation mit Eltern. Weil viele Kinder einen Migrationshintergrund hatten, seien auch sprachliche Probleme hinzugekommen. Den Kontrast zwischen Ideal und Wirklichkeit beschreibt sie als frappant. »Vielleicht hatte ich auch Pech«, sagt sie, »aber wenn solche Verhältnisse die Norm sind, wäre das entsetzlich«.
Ihr Kommilitone Marcus Schmidt musste feststellen, dass die soziale Schere auch im Kita-Bereich aufgeht: »Problemkieze haben Problemkitas, Top-Bezirke Top-Einrichtungen«, sagt der 25-Jährige. In seinem ersten Semester arbeitete er in einer Kita in Köpenick, wo sich die Kinder in der Natur austoben konnten – für ihn eine gute Erfahrung in einer vorbildlichen Einrichtung. Das genaue Gegenteil war dann seine zweite Praxiserfahrung im Wedding. »Kinder, die eh schon aufgewühlt waren, kamen da in einer Kita mit zu wenig Raum, Ruhe und Natur zusammen«, erzählt der Student. »Manche Kinder waren mit der Playstation sozialisiert, denen musste ich erst mal sagen: Du hast keine drei Leben und kannst nicht überall runter springen wie Spider Man«. Auch von kulturellen Problemen berichtet der Student, der zu den wenigen Männern im Studiengang gehört: So verboten ihm die Eltern türkischer Mädchen, ihre Kinder zu wickeln.
Heikle Problemfelder wie diese versucht die Alice-Salomon-Hochschule in ihrem Studiengang anzugehen. Erfahrungen wie die von Nadja Lorenz und Marcus Schmidt werden im Rahmen von Praxisseminaren vor- und nachbereitet. Die Themenbereiche Geschlecht (»Gender«) und Vielfalt (»Diversity«) spielen in der Lehre als Querschnittsthemen eine wichtige Rolle. Das Schlüsselwort lautet »Reflexion«. Mit ihm entgegnet Professorin Susanne Viernickel auch der skeptischen Frage, was an einer akademischen Ausbildung für Erzieher nun besser sein soll als an einer gewöhnlichen.
Gegen schlechte Betreuungsschlüssel und soziale Polarisierung kann Reflexion allerdings wenig helfen. Nadja Lorenz beschäftigt sich neben den offiziellen Studieninhalten deshalb vorsorglich schon mit der Frage, wie sie im Arbeitsalltag dem drohenden Burnout entgehen kann: »Man muss irgendwie die Balance finden zwischen Resignation und Distanz«.
Die Ausbildung zur Erzieherin (der Männeranteil beträgt in Deutschland lediglich rund drei Prozent) ist langwierig. Verlangt wird ein Berufsabschluss im erzieherisch-pflegerischen Bereich oder ein entsprechendes Vorpraktikum, das je nach Bundesland zwischen einem und zwei Jahre dauert. Danach folgt eine zweijährige Schulphase, an die sich ein einjähriges Berufspraktikum anschließt.
Im Vergleich zur Ausbildungszeit ist die Entlohnung gering. Eine Berufseinsteigerin verdient auf einer Vollzeitstelle 1922 Euro brutto im Monat. Zum Vergleich: Das Anfangsgehalt von Lehrern beträgt bis zu 1000 Euro im Monat mehr. ND
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