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Von Gunnar Decker 23.05.2009 / Essay

Vereintes Land, aber getrennte Erinnerungen?

Kein Ende der Ausgrenzung oder Die DDR als Gespenst – Gedanken anlässlich der Berliner Ausstellung »60 Jahre – 60 Werke«

Es habe eben keine »freie Kunst« gegeben, wird zur Begründung für die Ausgrenzung der Bilder ostdeutscher Maler bis 1989 in einer Kunst-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau über 60 Jahre Bundesrepublik angeführt. Frei kann ein Kunstmarkt sein, aber für die Kunst selbst ist das kein Kriterium.

Die eigentliche Frage dieses Mauerfall-Jubiläumsjahres wird in den Medien des Landes auffallend viel beschwiegen: Das Leben führt zum Tode, aber wohin führt die Geschichte? Wir kommen nicht darum herum, das Gestorbene am Gestern zu trennen von dem, was weiterlebt. Um diesen Prozess der Scheidung geht es. Im Wiedererinnern wird beides sichtbar: Das, was lebt und das, was tot ist.

Kein Sonderfall, sondern die Regel in der deutsch-deutschen Nichtachtungsgeschichte (die seltsamerweise in dieser Form erst 1990 mit der staatlichen Wiedervereinigung begann) ist die Gleichsetzung der Herrschaftsabsichten des Staates DDR mit der Lebensrealität seiner Bewohner. So, als hätte die Diktatur nicht im Herbst 1989, nach einer Revolution seiner Bürger (!), abtreten müssen. Im heutigen Medienbild scheint der Herbst '89 vom Himmel gefallen zu sein, das ihn vorbereitende Bewusstsein wird beharrlich ignoriert.

Da geht die Rede von »staatsnaher« Kunst, und darunter wird absurderweise auch die gerechnet, bei der dem Staat ganz schlecht wurde, wenn sie ihm zu nahe kam.

Das Argument, in einer Diktatur könne es keine »freie Kunst« geben (also eine, die sich heute noch auszustellen lohne), ist nicht nur falsch, auch inhuman. Kunst erwächst nicht zuletzt aus einem Leiden an den Verhältnissen, ist oft Notwehr der schöpferischen Geister gegen geistverlassene Zustände. Welcher blindwütige moralische Rigorismus will dieses Leiden, diese Notwehr, denen absprechen, die in der DDR lebten? Themen wie Wandlung und Scheitern entzögen sich so jeder Form von Wahrnehmung.

Ein Beispiel für den Riss, der durch viele Ost-Biografien verläuft, für die Katharsis also, die lange vor 1989 begann, ist der Filmregisseur Kurt Maetzig, heute fast hundert Jahre alt und sehr nüchtern auf seine Lebensirrtümer blickend. Er spricht von dem »authentischen Bildgedächtnis der DDR«, das der Bestand der DEFA-Filme bilde. Dazu gehören seine 50er Jahre Propagandafilme im Stile des Stalinismus über Ernst Thälmann, aber auch »Das Kaninchen bin ich«, ein unübersehbar antistalinistischer Film, der im Dezember 1965 am Vorabend des 11. ZK-Plenums der SED zur Einstimmung aufs fröhliche Jagen gezeigt wurde. Zwischenruf von Margot Honecker am nächsten Morgen: »Das, was wir da gestern gesehen haben, war doch der letzte Dreck!« Dies war fortan der vorherrschende Ton der Macht gegenüber Künstlern, die weiterhin die Wahrheit über das Leben im realen Sozialismus suchten.

Unsere gegenwärtige Existenz wurzelt im Vergangenen. Das Vergangene ist vorbei, es entzieht sich unserem umstandslosen Zugriff. Es ist für uns nur ein Bild, nichts, woran man sich halten kann. Wir selbst sind Teil dieses Bildes. Damit entscheiden wir auch, wie dieses Vergangene heute erscheint.

Wie aber erinnert man sich so, dass Vergangenes weder verklärt noch zur bloßen Legitimationsideologie des Bestehenden wird? Was (noch) existiert, hat immer Recht gegenüber dem, das nicht mehr existiert? Jede neue Gegenwart neigt zu solcher Art triumphierenden Geschichtsauffassung, darum ist sie auch so schnell von gestern.

Kultur beginnt damit, dass die Menschen ihre Toten beerdigen. Wir sorgen für ihr Andenken, weil sie unsere Vorgänger sind und auch wir bereits unsere Nachfolger vor Augen haben. Achtung ist dabei eine zentrale Kategorie – und nur, wer bereit ist, sie jedem Einzelnen zuteil werden zu lassen, der ahnt auch, was es bedeuten kann, wenn jemand diese Achtung verliert, sich durch schuldhaftes Handeln sogar der Verachtung aussetzt. Ohne das Widersprüchliche darin zu bemerken, ohne die eigene Infragestellung, erscheint eine solche Trennung von Gestern und Heute, von Schuld und Unschuld, von Täter und Opfer jedoch auf fatale Weise billig. Erlittenes Unrecht wird, wo man es wie eine betonfeste Metaphysik handhabt (dämonisiert!) bereits wieder ideologisch – und damit zeugt es sich auch schon fort.

Ohne Neugier auf tatsächliche Geschichten, auf die zahllosen Versuche, Alternativen zu dem, was herrschte, nicht nur zu denken, sondern auch – und vor allem – zu leben, reduziert man die DDR auf das dumpfe Propaganda-Bild ihrer eigenen Politkaste. Geglaubt hat es niemand, wohl nicht einmal diejenigen, die es der Masse verordneten. Was also anfangen mit dieser Gemengelage aus Wahrheit und Lüge? – Heiner Müller konterte den Wechsel der Sprechchöre der Leipziger Montagsdemonstrationen von »Wir sind das Volk!« zu »Wir sind ein Volk!« mit dem Satz: »Wir sind ein blödes Volk!«

Das war der Beginn der Betrachtung der Geschichte unter dem Aspekt der Gespensterkunde. Denn offensichtlich besitzt die Geschichte eine Neigung zur Wiedergängerei. Manches, was vorbei schien, kommt zurück. Die nächtliche Seite unserer Existenz ist nicht verschwunden, sie wird meist nur nicht mehr bemerkt.

Gespenst ist, was nicht zur Ruhe kommt. Es bleibt auf ungute Weise untot, weil es falsch beerdigt wurde. So wie die DDR durch eine Bundesrepublik, die meinte, sie im Magen der Marktwirtschaft verdauen zu können, ohne dass etwas von ihr übrigbliebe. Nun beginnt der Magen sich selbst zu verdauen. Auch das bescherte der Zusammenbruch des Staatssozialismus dem Kapitalismus: die Illusion, nun Sieger der Geschichte zu sein.

Das vereinigte Deutschland gab sich keine gemeinsame neue Verfassung, wie im Grundgesetz vorgesehen. Diese unverhohlene Machtgeste des politischen Establishments hat bis heute Folgen. Sie trennt nicht nur die Deutschen der Bundesrepublik West vom »Beitrittsgebiet Ost«, sondern auch beide von ihrer Vergangenheit. Etwas ging zu Ende, weil es irgendwann zu Ende gehen musste, in Ost und in West gleichermaßen: die Nachkriegsgeschichte! Doch die Art und Weise wie sie zu Ende ging, programmierte eben auch das Weiterleben des längst Toten: als Gespenst.

So also spukt die Vergangenheit – und das nicht nur im Osten, auch im Westen. Getrennte Erinnerungen, getrennte Ängste. Gespenster der Vergangenheit, die keine Ruhe geben. Wir werden die Toten nicht los, indem wir sie schnell vergessen wollen. Denn sie sind es, die uns den Platz anweisen.

Heiner Müller, Seismograf des deutsch-deutschen Schismas, sah die Welt doppelt: die eine Hälfte Lebende, die andere Tote. Obwohl die Lebenden stark in der Minderheit sind. Wer die Kunst des Erbens der ganzen Vergangenheit nicht lernt, zu dem kommen immer wieder die Gespenster. Und manch einer verliert bei der Begegnung mit ihnen tatsächlich das, was er für seinen Verstand hielt. Dieses erst geteilte und dann wieder vereinigte Land bleibt auch in seinen kruden Selbstverhinderungen ein Resultat der Geschichte: ihrer zivilisatorischen Aufschwünge ebenso wie ihrer barbarischen Abstürze.

Woher kommen die Gespenster, jene Ungeheuer, die nach Goya der Schlaf der Vernunft hervorbringt? Nicht nur aus der Vergangenheit, auch aus der Zukunft.

Wer in die Schatten der täglichen Erfolgs- und Katastrophenmeldungen blickt, tiefer als die Nachricht es vorgibt, bis auf den mythischen Grund, dorthin, wo es gleichnishaft wird, der findet plötzlich Verbindendes in allem Trennenden. Weiterleben kann immer nur, wer sich frei macht von der gefangennehmenden Macht der Geschichte, frei genug, sich ihr so zu nähern, als gelte es eine terra incognita zu betreten. Nicht als Eroberer, sondern als Entdecker. Er sieht das, was zum Absterben beitrug und das, was dieses – vergeblich – zu verhindern suchte. Er anerkennt die Vorzüge am Vergangenen, wohlwissend, dass auch diese ihren Preis hatten.

Ein allzu harmonisierender Schluss, gar ein »verharmlosender«, wie ein sehr gegenwärtiges Ideologem mutmaßt? Nein, es sollte die zwanzig Jahre nach dem Staatsuntergang der DDR längst überfällige Versöhnungsleistung der gesamten ostwest-bundesrepublikanischen Gesellschaft mit der DDR-Geschichte sein. Denn zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist das veröffentlichte bundesrepublikanische Bild vom anderen deutschen Staat anscheinend wieder das von vor fünfzig Jahren, als man DDR – wenn man die »Zone« überhaupt so nannte – nur in Anführungsstriche setzte. Hysterie und moralischer Rigorismus geben der Geschichtsschreibung ihren schrillen Ton vor.

Da berate ich mich lieber mit so integeren Vordenkern eines demokratischen Sozialismus wie Adolf Dresen, der 1992 in seinem Text »Schlammschlacht« schrieb: »Ich war lange genug in der DDR-Opposition, um zu wissen, dass der innere Widerstand ... immer in einer spezifischen Vermischung, heute sagt man wohl Verstrickung, mit dem System war – und zwar bis zuletzt. Die Demonstranten zu der Zeit, als die Demonstrationen noch riskant waren und Mut erforderten, waren durchaus keine absoluten Gegner der DDR, sie waren früher oft Kommunisten oder Marxisten gewesen, waren es manchmal immer noch. Es ist sehr bezeichnend, dass diese Nicht-Gegner die Avantgarde der Revolution von 1989 waren, und es ist ein typisch deutscher Unverstand zu glauben, Puritanismus der Fronten oder Radikalität der Macher seien Basis einer Revolution – das Gegenteil ist der Fall, sie dürften eine Revolution verhindert haben.«

Eine überfällige Korrektur der Perspektive. Sie wäre ein Anfang, die geschichtlichen Horizonte zu öffnen und nicht – im restriktiven Blick zurück, mit absurden Formen der Ausgrenzung von DDR-Geschichte – immer nur zu verschließen.

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