Der Wahlsieg Horst Köhlers sei ein Zeichen für die kommende Bundestagswahl, hieß es gestern bei FDP und Union. Doch auch nach Köhlers erstem Sieg im Jahre 2004 schien es bereits als ausgemacht, dass Schwarz-Gelb auf Bundesebene das Rennen machen würde. Es kam bekanntlich anders.
Zumal sich die Frage aufdrängt, ob Köhler wirklich noch als Kandidat des schwarz-gelben Lagers wahrgenommen wird? Sehen die Wähler in ihm das CDU-Mitglied oder den Präsidenten, der mittlerweile auch schon mal der eigenen Partei die Unterschrift unter schlampig ausgearbeitete Gesetze verweigert? Horst Köhler scheint sich in der Rolle des parteifernen Staatsoberhauptes zu gefallen. Der Volkswirt aus einfachen Verhältnissen scheint nicht mehr gewillt, den Steigbügelhalter einer schwarz-gelben Koalition zu spielen. Egal, ob rein taktisches Manöver oder ernstgemeinter Sinneswandel: Die Wähler nehmen Köhler seine demonstrative Unabhängigkeit ab. Beinahe 70 Prozent würden ihn laut einer aktuellen Umfrage wählen, wenn man sie denn lassen würde. Darunter also auch viele aus dem rot-rot-grünen Lager. Horst Köhler wird offensichtlich nicht mehr als CDU-Präsident wahrgenommen. Somit bleibt die Signalwirkung für kommende Urnengänge wohl äußerst begrenzt. Es sei denn, man wertet die enge Kooperation der schwarz-gelben Wahlmänner als klare Koalitionsaussage. Bislang blieben beide Seiten eine solche Aussage noch schuldig.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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