Deutsche Apotheken verkauften 2007 allein 2,7 Millionen Fläschchen Wick Medinait. Insgesamt machten sie 2008 laut IMS Health 164 Millionen Euro Umsatz mit rezeptfreien Erkältungsmitteln, 17 Prozent mehr als 2006.
Die Beliebtheit kommt nicht von ungefähr: Der Hersteller von Wick Medinait etwa verspricht auf der Webseite die risikofreie Befreiung von allerlei Beschwerden – und zwar im Schlaf: Vorm Zubettgehen eingenommen, sei Medinait »ein beruhigender Nachtsirup, der Ihr Fieber senkt, Schmerzen bekämpft und Nasenlaufen mindert. Er lindert Halsschmerzen und nimmt den quälenden Hustenreiz ohne das notwendige Abhusten zu unterdrücken.« Möglich machen diese Wirkung vier Wirkstoffe, die allesamt im Präparat enthalten sind.
Kritiker warnen indes vor diesen Schrotschusskombinationen.
»Hier scheint das Prinzip Hoffnung zu herrschen, dass einer der Bestandteile die jeweils dominierenden Symptome trifft«, sagt Wolfgang Becker-Brüser, Arzt, Apotheker und Herausgeber des Arznei-Telegramms. Kaum ein Erkälteter leide gleichzeitig an allen Beschwerden. Warum sollte jemand, den eine Triefnase quält, ein Kopfschmerzmittel einnehmen? Warum jemand mit Fieber etwas gegen Hustenreiz? »Mit der Zahl der Bestandteile steigt die Wahrscheinlichkeit unerwünschter Wirkungen und von Wechselwirkungen mit eventuell sonst erforderlichen Arzneimitteln«, sagt Becker-Brüser.
So enthält Wick Medinait das schmerzlindernde und fiebersenkende Paracetamol. Bei diesem Wirkstoff kommt es öfter zu Überdosierungen, da Patienten unwissentlich weitere paracetamolhaltige Mittel nehmen. Mögliche Folgen: Übelkeit, Gelbsucht bis hin zu Leberversagen. Das ebenfalls in Medinait enthaltene Ephedrin lässt die Nasenschleimhaut abschwellen, indem es die Blutgefäße verengt, was zu erhöhtem Blutdruck führen kann. Dextrometorphan soll den Hustenreiz unterdrücken, kann aber auch Magen-Darm-Störungen, Übelkeit und Brechreiz auslösen. Doxylamin soll Nasenlaufen und Niesreiz mindern. Er macht müde und kann »Grüner- Star«-Anfälle und bei Männern Probleme beim Wasserlassen verursachen.
Für Becker-Brüser ist klar: Wer bei einer Erkältung seine Beschwerden dämpfen will, sollte zu einem Präparat mit nur einem Wirkstoff greifen. Gegen eine verstopfte Nase helfen abschwellende Nasentropfen, bei Fieber Schmerztabletten, die einzig Paracetamol oder Acetylsalicylsäure enthalten.
Auch die Aufsichtsämter schauen nun genauer hin. Nach britischen und amerikanischen Arzneimittelbehörden überprüft derzeit das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte diesen Präparatetyp. Der Chef der Arzneimittelsicherheit, Ulrich Hagemann, kritisiert derlei Kombinationsmittel als »therapeutischen Unfug«. Es fehlten weitgehend systematische Studien zu Wirksamkeit und Risiken. Andererseits gebe es »immer wieder Berichte über Nebenwirkungen.« Laut Hagemann sind »bei einem belegten ungünstigen Verhältnis von Nutzen und Risiken auch Einschränkungen der Zulassung möglich«. Hersteller Procter & Gamble verteidigt Wick Medinait als in der »empfohlenen Dosis ausgezeichnet verträglich«. Eine neuere Studie belege den lindernden Effekt bei Erkältungssymptomen.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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