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Von Wolfgang Kötter 26.05.2009 / Ausland

»Künstliches Erdbeben« mit Ansage

Nordkoreas neuer Atomtest sorgt weltweit für empörtes politisches Echo

Wie die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA berichtete, sei am Montag ein unterirdischer Atomtest »erfolgreich« verlaufen. Der Versuch hat weltweit Empörung und Sorge um die Sicherheit ausgelöst.

Es geschah gestern um 9.54 Uhr Ortszeit. Südkoreanische Seismologen registrierten im Norden des Nachbarlandes etwa 80 Kilometer nordwestlich der Stadt Kilchu ein »künstliches Erdbeben«, das auf einen Nukleartest hindeutete. Laut der südkoreanischen Agentur Yonhap hatte es eine Stärke von 4,5. US-amerikanische Wissenschaftler maßen sogar ein Beben der Stärke 5,3 in einer Tiefe von zehn Kilometern. Die Erschütterung kam aus derselben Provinz Nord-Hamkyong wie die Detonation eines Kernsprengsatzes am 6. Oktober 2006.

Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums in Moskau setzte die unterirdische Explosion eine Energie von zehn bis 20 Kilotonnen frei. Die von den USA 1945 über Hiroshima abgeworfene Atombombe hatte eine Sprengkraft von rund 15 Kilotonnen. Der erfolgreiche Test sei Teil der »Maßnahmen zur Stärkung der atomaren Kräfte zur Selbstverteidigung« gewesen, berichtete stolz die staatliche Nachrichtenagentur KCNA. Das Land habe damit die Sprengkraft und Präzision seiner Atombombe gesteigert. Medienberichten zufolge hat Nordkorea gestern zugleich drei Boden-Luft-Raketen mit einer Reichweite von 130 Kilometern getestet. Die Flugkörper seien aus der unweit des Japanischen Meers gelegenen Stadt Musudan Ri abgefeuert worden.

Auch dieser Nukleartest erfolgte mit Ansage. Erst Ende April hatte die Führung in Pjöngjang mit einem weiteren Atomwaffenversuch und Raketentests gedroht. Grund sei, dass der UN-Sicherheitsrat den Test einer Rakete mit größerer Reichweite verurteilt hatte. Die KDVR verlangte eine Entschuldigung sowie die Rücknahme von Sanktionen und kündigte den Ausstieg aus den Sechs-Staaten-Atomverhandlungen mit Südkorea, Japan, China, Russland und den USA an. Über das Motiv des neuen Tests sind sich die meisten Beobachter einig: Nordkorea wolle so Stärke demonstrieren, um weitere Zugeständnisse zu erreichen und die USA möglicherweise zu bilateralen Direktverhandlungen zu veranlassen. »Der Zweck ist, den Druck auf die Weltgemeinschaft zu erhöhen, damit Nordkorea erreicht, was es will und braucht«, sagte die Nordkorea-Expertin des Shanghaier Instituts für internationale Beziehungen Yu Yingli.

Der Rest der Welt reagiert besorgt. USA-Präsident Barack Obama bezeichnet den Atomtest als »Bedrohung für den internationalen Frieden« und kündigt eine Reaktion der internationalen Gemeinschaft an. Das Vorgehen Pjöngjangs sei zwar keine Überraschung, aber »Grund zu tiefer Besorgnis für alle Nationen«. Frankreich fordert härtere UN-Sanktionen gegen Nordkorea. Die Europäische Union hat den Atomtest ebenfalls scharf verurteilt. »Diese unverantwortlichen Handlungen rechtfertigen eine harte Antwort der internationalen Gemeinschaft«, heißt es in einer Erklärung des EU-Außenbeauftragten Javier Solana in Brüssel.

Auch die Ärzteorganisation IPPNW kritisiert die nordkoreanische Regierung für ihren Atomtest. Er gefährde nicht nur Umwelt und Gesundheit, sondern auch die Abrüstungsinitiativen von Barack Obama, erklärte die IPPNW-Abrüstungsreferentin Xanthe Hall. »Obwohl dieser Test nicht ganz überraschend erfolgte, ist er eine große Enttäuschung für die Befürworter einer atomwaffenfreien Welt, zumal gerade eine Konferenz zum Atomwaffensperrvertrag in New York mit neuer Zuversicht der Abrüstungsexperten zu Ende gegangen ist. Nordkorea torpediert nun diese Hoffnungen. Der Test sollte uns eine Lehre sein, die Atomkonflikte mit Nordkorea und Iran friedlich und schnell zu lösen, um die Abrüstung weiter voranzutreiben. Eine weitere Eskalation wäre fatal.«

Japan forderte gestern unverzüglich eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats. Sie sollte noch am Abend im New Yorker UNO-Hauptsitz unter russischem Vorsitz beginnen.


Hintergrund

Nordkoreas Atomzentrum in Yongbyon wurde in den 1960er Jahren errichtet. Etwa 20 Jahre später begann man mit der Entwicklung von Nuklearwaffen und erklärte 1994 den Austritt aus der Internationalen Atomenergiebehörde. 2003 trat die KDVR auch aus dem Atomwaffensperrvertrag aus. Die ersten Sechser-Gespräche mit den USA, China, Südkorea, Japan und Russland endeten ohne Ergebnis. Im Februar 2005 bekannte sich die KDVR zum Besitz von Atomwaffen. Sie verpflichtete sich im September zur Aufgabe des Atomprogramms. Doch im Oktober 2006 folgt der erste Atomtest. 2007 sagt Nordkorea die Schließung Yongbyons zu – im Gegenzug zu massiver Energie- und Wirtschaftshilfe. Weil die USA die KDVR zunächst nicht von der Liste der »Schurkenstaaten« streichen wollten, droht man 2008 mit der Wiederinbetriebnahme des Reaktors. Der Start einer Rakete mit größerer Reichweite im April 2009 wurde vom UN-Sicherheitsrat verurteilt. Aus Protest stieg Nordkorea aus den Sechser-Gespräche aus. ND

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