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Nelly Kostadinova – eine Frau mit Vision
Foto: ND/Wolfgang Frotscher
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Nur wenige Meter vom belebten Kudamm entfernt betrete ich ein stilles Bürogebäude. In der Luft liegt ein schwacher Latex-Geruch. Der architektonische Charme der 1980er Jahre ist vor kurzem aufgefrischt worden, einige der Büros sind noch ohne Schilder. Am Ende des Korridors betrete ich ein helles Zimmer. Gerade schildert eine junge Französin ihren Umzug nach Berlin und ihren bisherigen Werdegang als Übersetzerin. Anschließend ist es ein Palästinenser, der sein Studium in Deutschland abgeschlossen hat und sich nun den anderen vorstellt. Etwa 30 Übersetzer und Dolmetscher aus allen Teilen der Welt haben sich eingefunden – zur Eröffnung der Berliner Filiale von Lingua-World – einer der größten deutschen Übersetzungsfirmen. Es ist der fünfzehnte Standort der im Jahr 1997 gegründeten Firma. Zehntausend Dolmetscher und Übersetzer auf der ganzen Welt unterstützen heute die Arbeit des Unternehmens.
Mit breitem Lächeln begrüßt mich eine sportliche Dame in knallroter Bluse und elegantem Anzug. Nach einem Rundgang durch die Büroräume sprechen wir im Besucherzimmer über erfolgreiche Businessmodelle, Globalisierung und die Medien. Nelly Kostadinova ist die Erfinderin der Marke und des Franchise-Konzepts von »Lingua-World«. Die Bulgarin wurde 1955 in Pernik, 30 Kilometer südwestlich von Sofia, geboren. Die Stadt im Struma-Tal ist bis heute industrielles und kulturelles Zentrum der Region. Durch den Kohleabbau hat sich Pernik zu einer Bergbau- und Industriestadt entwickelt, mit Schwerpunkten wie Kohle- und Energiegewinnung, Metallurgie und Maschinenbau. Die Einwohner nennen Sofia humorvoll »Vorort von Pernik«.
In der bulgarischen Hauptstadt studiert Kostadinova zunächst slawische Philologie, dann Journalistik. Nach dem Abschluss findet sie Arbeit als Chefredakteurin einer Lokalzeitung im Balkangebirge. In dem Dorf Ruen unweit der Schwarzmeerküste berichtet die junge Journalistin über die Geschehnisse in 43 kleineren und größeren Ortschaften. »Im Winter gab es so viel Schnee, dass wir kaum aus den Häusern rausgehen konnten. Mit Panzern wurde geräumt, und meine Arbeit bestand darin, von Dorf zu Dorf zu gehen und für meine Zeitung über das Leben dort zu schreiben. Das war eine harte Schule.« In der Region lebten damals überwiegend türkische Einwanderer, die Tabak anbauten – ein wichtiger Teil der bulgarischen Wirtschaft in den 1980er Jahren. Das Interesse an diesem Thema ist deshalb auch in Sofia groß und so beginnt Kostadinova für verschiedene Zeitungen der Hauptstadt zu berichten. Drei Jahre später ist sie bei der Zeitung »Septemvriitsche« in Sofia angestellt.
Doch dann ändert sich ihr Leben drastisch: »1989 kam die Wende. Ich habe mir eine Fahrkarte nach Deutschland gekauft und bin nach Köln gekommen.« Nelly Kostadinova beginnt in Deutschland noch einmal neu – ohne Deutsch zu sprechen und ohne Kontakte, aber mit dem Wunsch, eine Zukunft zu finden. Sie ruft in der bulgarischen Redaktion der Deutschen Welle in Köln an und Asen Ignatov lädt sie zu einem Treffen ein. »Plötzlich hörte ich live diese charmante Stimme, die mich so lange schon beeindruckt hatte. Asen Ignatov las, was ich mitgebracht hatte, und entschloss sich, mir zu helfen.« Bald bekommt die Journalistin ein Stipendium. Mit dieser Unterstützung kann sie die bulgarischen Medien über die politischen und wirtschaftlichen Geschehnisse in Deutschland informieren. Die ersten Interviews, unter anderem mit Lothar Späth, Angela Merkel und der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, führt sie auf Englisch. Das Geld des Stipendiums investiert sie in intensive Deutschkurse.
Zwei Jahre später beginnt Nelly Kostadinova für verschiedene Stiftungen und anlässlich von Besuchen bulgarischer Delegationen zu dolmetschen. Anfang der 1990er Jahre sind Dolmetscher und Übersetzer der bulgarischen Sprache in Deutschland eher selten. Weil sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, wird Kostadinova schnell sehr gefragt, vor allem von den Behörden, der Polizei, den Staatsanwaltschaften und den Gerichten. Die Arbeit für bulgarische Medien wird dadurch zwangsläufig weniger. Ihr Einkommen erzielt sie nun durch das Dolmetschen und Übersetzungen. Die Bulgarin bildet sich weiter und frischt ihre Kenntnisse der russischen und serbischen Sprache auf, besonders hinsichtlich juristischer Fachbegriffe.
Jetzt ist sie in drei Sprachen fit und Tag und Nacht von den Institutionen gefragt. »Im Gericht dolmetschte ich bis Mittag, am Nachmittag traf ich Anwälte zur Anhörung ihrer Mandanten im Gefängnis, am Abend übersetzte ich schriftliche Unterlagen, und in der Nacht rief mich die Polizei an. Ich arbeitete ohne Pause.«
Bald folgt der Wunsch, eine eigene Firma zu gründen. Im Jahr 1997 ist es soweit – Kostadinova hebt in Köln das Unternehmen Lingua-World aus der Taufe und vergibt nun Kundenaufträge an Dolmetscher und Übersetzer. Bald werden sieben Filialen eröffnet, die Unternehmerin absolviert eine Managerausbildung und hat eine neue Idee – das Franchising.
Nelly Kostadinova konzipiert 2006 das Franchise-Konzept, das erste und bisher einzige in Deutschland für den Dolmetscher- und Übersetzermarkt. Sie bietet den selbstständigen Unternehmern das Know-how von »Lingua-World«, Infrastruktur- und Marketingunterstützung sowie die Möglichkeit, die Datenbanken des Unternehmens zu nutzen. »Um für ihre Firma genug Aufträge zu finden, müssen sie global agieren. Das Franchising ist ein wirtschaftliches Phänomen, welches es uns erlaubt, zu wachsen und unsere Position auf dem Markt zu stabilisieren. Die Menschen, die die Lizenz kaufen, bringen unternehmerische Energie ins Geschäft. Das sind keine Angestellten, sondern Eigentümer. Sie investieren Leidenschaft; Leidenschaft, die stärker ist als die eines Mitarbeiters«, erklärt Kostadinova. In Wien ist der erste ausländische Franchise-Standort eröffnet. Derzeit laufen die Verhandlungen mit einem Unternehmer in der Schweiz.
Deutschland ist ein Exportland. Das bedeutet, dass jedes elektrische Gerät, jede Maschine oder jedes Auto eine Bedienungsanweisung in verschiedenen Sprachen braucht. Das ist der Grund, warum die Übersetzungsbranche in Deutschland einen jährlichen Umsatz von rund einer Milliarde Euro erreicht. Bis Februar 2009 spürte man deshalb die Krise wenig. Seit März sinken aber auch hier die Aufträge. »Wir bekommen weiterhin Nachfragen, aber für viel kleinere Summen als im letzten Jahr.« Kostadinova fürchtet um die Verträge ihrer Mitarbeiter. Den meisten bleibe wohl nur der Weg in die Freiberuflichkeit mit kurzfristigen Engagements bei Lingua-World, so die Unternehmerin.
Trotz der derzeitigen Krise zweifelt Kostadinova aber daran, dass in Zukunft Computer die Übersetzerzunft gänzlich überflüssig machen werden. »So eine Qualität kann in unserer Branche durch Maschinen nicht erreicht werden. Wir verwenden Software, um die Übersetzung zu unterstützen, aber die Beteiligung der Menschen ist unbedingt notwendig, denn Sprachen sind menschlich.«
Die Unternehmerin ist gerne Geschäftsfrau. »Ich fühle mich gut in dieser immer noch von Männern geprägten Welt.« Ihre Erfahrung: »Die Männer möchten generell mit Frauen auf einer Ebene arbeiten.« Trotz Karriere hat sie nicht auf eine Familie verzichtet. Während eines Dolmetschereinsatzes beim Zollkriminalamt Köln hatte Kostadinova ihren heutigen Ehemann, einen Ermittlungsbeamten, kennengelernt. 1996 heiraten sie. Ihre Eltern kommen jedes Jahr aus Bulgarien zu Besuch. Kostadinovas Kinder sind in drei Kulturen groß geworden: der bulgarischen, der schwedischen und der deutschen. In Schweden wohnten sie bei ihrem Vater, bis ihre Mutter in Deutschland Fuß gefasst hatte. Heute macht ihr Sohn Dimitar (30) eine Ausbildung in einem Radio- und Fernsehstudio bei Köln. Vesselina, ihre 28-jährige Tochter, schloss vor kurzem ein Studium der Anglistik, Romanistik und Skandinavistik ab.
Neben der Arbeit nimmt sich die Unternehmerin immer wieder Zeit für sich: »In Köln sagt man ›Von Nix kütt Nix‹. Die Zeit zwischen wichtigen Terminen nutze ich gern fürs Training. Der Sport gibt mir die Energie, die ich für meine persönliche Balance brauche.« Mit 53 Jahren ist Nelly Kostadinova glücklich, ihr Leben der Etablierung und Entwicklung ihrer Marke »Lingua-World« widmen zu können. In Deutschland ist sie nicht nur ein Beispiel für erfolgreiche Integration, sondern auch für einen außergewöhnlichen Durchbruch einer Frau in einer von Männern dominierten Wirtschafts- und Geschäftswelt.
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