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Von Mario Lichtenheldt 02.06.2009 / Inland

Anonymität schafft Vertrauen

Hilfen für schwangere Frauen in Not gibt es – sie sind nur wenig bekannt

Wieder wurde ein Kind tot in einem Gefrierfach aufgefunden. Der Fall entfacht die Diskussion über die Qualität bestehender Hilfsangebote neu. Hauptproblem ist, dass sie die Frauen in Notlagen offenbar nicht erreichen.

Wieder ein totes Baby in Thüringen: In einer Erfurter Wohnung fand der Ex-Freund einer 37-jährigen Russin am vergangenen Dienstag den kleinen Jungen im Gefrierfach. Die Frau lebte ohne Papiere in Deutschland. Derzeit prüft die Staatsanwaltschaft, ob sie für den Tod des Kindes verantwortlich ist. »Es stellt sich die Frage, ob die Hilfsmaßnahmen Eltern in schwierigen Lebenssituationen wirklich erreichen«, erklärte dazu Margit Jung, stellvertretende Fraktionsvorsitzende und familienpolitische Sprecherin der LINKEN im Thüringer Landtag. Präventive soziale Maßnahmen gingen an Menschen ohne regulären Aufenthalt vorbei. Zum Schutz von Kindern und Frauen in Notlagen befürwortet ihre Fraktion deshalb Hilfen, die auch anonym in Anspruch genommen werden können.

Tatsächlich zeigt der Tod des kleinen Jungen die Schwächen (nicht nur) des Thüringer Hilfsnetzes. Das besteht bislang vor allem aus ca. 40 Beratungsstellen sowie drei Babyklappen in Eisenach, Erfurt und Saalfeld. Zudem können Frauen an fast allen Thüringer Kliniken ihre Kinder entbinden, ohne ihren Namen nennen zu müssen. Woran es mangelt, ist nicht Quantität. Es fehlt die breite Information der Öffentlichkeit über bestehende Hilfsangebote. Und es gibt keinerlei Informationen, die sich explizit an ausländische Schwangere richten. Die meisten wissen nicht, dass Frauen ohne Aufenthaltserlaubnis vom 7. Schwangerschaftsmonat bis zum 6. Monat nach der Geburt nicht abgeschoben werden dürfen.

Vor allem aber geht es darum, neben den bewährten Beratungsstellen niederschwellige Hilfen anzubieten. Schwangere in akuter Not müssen unkompliziert, rund um die Uhr, überall, kostenfrei und anonym Rat und Hilfe erhalten können – auch dann, wenn sie straffällig geworden sind oder sich illegal in Deutschland aufhalten. »Das anonyme Gespräch am Telefon hätte mir vielleicht geholfen. Da hätte ich vielleicht Vertrauen gehabt«, schreibt eine Mutter, die wegen Totschlags im Gefängnis sitzt.

Ein niederschwelliges Angebot könnte ein 24-Stunden-Notruf sein. Im Schutz der Anonymität können betroffene Frauen mit Menschen reden, die einfühlsam und geduldig zuhören, ergebnisoffen beraten und praktische Hilfe geben können. Diesen Notruf gibt es bereits, flächendeckend bekannt ist er allerdings nicht. Unter der bundesweiten Rufnummer 0800/4560789 bietet der Hamburger Verein Sternipark Rat und Beistand für Schwangere und Mütter mit Neugeborenen in Not. Dazu kommt die Möglichkeit der anonymen Geburt, die in Thüringen bisher 13 Frauen genutzt haben, sowie mehrere Babyklappen. Ähnliche Projekte gibt es in Dresden, Halle/S., Karlsruhe und Frankfurt am Main. In Bayern ist DONUM VITAE mit seinem »Mosesprojekt« ein wichtiger Ansprechpartner.

»Mädchen sollten schon im Sexualkundeunterricht lernen, wo sie im Falle einer ungewollten Schwangerschaft oder bei Konflikten mit Freund oder Eltern Hilfe finden«, meint Kerstin, die nach verheimlichter Schwangerschaft im 9. Monat Hilfe bekam und seither darum kämpft, mit ihren Erfahrungen Gehör zu finden. Kerstin wünscht sich die Notrufnummer ganz vorn im Telefonbuch, mehr Informationen in Jugend- und Frauenzeitschriften und überall dort, wo Frauen arbeiten, leben und sich begegnen.


Informationen

Caritas-Projekt »Ausweg«, Erfurt
www.dicverfurt.caritas.de
Notruf: 0800/6 43 17 14

Sternipark Hamburg e. V.
www.sternipark.de
Notruf: 0800/4 56 07 89

DONUM VITAE in Bayern e. V.
www.moses-projekt.de
Notruf: 0800/0 06 67 37

KALEB Dresden
www.babyklappe-dresden.de
Notruf: 01804/23 23 23

Hardtstiftung Karlsruhe
www.hardtstiftung.de
Notruf: 0800/6 27 21 34

Aktion »MOSES« Frankfurt am Main
www.aktionmoses.de
Notruf: 0800 78 00 900

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