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Von Benjamin Jakob 04.06.2009 /

Todesengel

Marcelo Figueras: eine Diktatur im Roman

Marcelo Figueras – geboren 1962 in Buenos Aires – hat mit fast jedem Stoff Erfolg. Vier Romane schrieb er bislang; 2006 erschien ein erstes Werk auf Deutsch: »Kamtschatka«, eine skurrile und dramatische Geschichte über die Zeit der argentinischen Militärherrschaft (1976 bis 1983 – 30 000 Opfer). Die Geschichte einer Familie auf der Flucht, erzählt aus Sicht eines Kindes. (Kamtschatka: Im Buch ist dies eine Region aus einem Strategiespiel – und Chiffre für den unerreichbaren Ort der Rettung.)

In seinem jüngsten Roman testet Figueras die »Kamtschatka«- Konstellation noch einmal: ein Grüppchen Argentinier auf der Flucht vor Häschern in Uniform, ein fragiles Versteck auf dem Land, dazu diese Mischung aus Tragik und bizarrem Humor. Das neue Buch hat obendrein etwas Märchenhaftes und weiten epischen Atem.

Es waren einmal ein Mann, eine Frau, ein Kind. Der Mann ist Teo, ein riesenhafter Kerl aus der Hauptstadt. Tumb und gefährlich wirkt der Koloss, doch das täuscht. Teo ist belesen, sensibel, Fan von Queen, Yes und Jethro Tull, er hat Philosophie studiert, wurde dann aber Sprengmeister. Elefantenhäutig wirkt er, doch er ist ein Mann, »der zu viel Zeit darauf verwendet hatte, sich klein zu machen«.

Anno 1984 (kurz nach dem Ende der Diktatur) geht Teo, Einsamkeit suchend, in die Ödnis Patagoniens. Hier trifft er Patricia, eine Schönheit irischer Abstammung mit einem furchtbaren Geheimnis. Nach Hunderten Seiten erst wird es enthüllt: Ende der Siebziger war die Medizinstudentin Pat als angebliche »Subversive« in die Fänge der Militärs geraten. Ein Offizier sah und begehrte sie, ein sadistischer Folterer mit weichen Zügen, blond, begabt, kultiviert, genannt »der Todesengel«. Er will ein Kind von der hübschen Beutefrau (weil die Gemahlin keins bekommt). Er bettelt, flirtet, bringt Blumen und Poesie, dann kommt er zur Sache, mit Vergewaltigungen, Misshandlungen. Pat wird schwanger. Auf nächtlicher Notfahrt zur Entbindung ins Krankenhaus – spätestens hier beginnt die Mär – kann sie entkommen. Gejagtes Wild ist sie nun, mit Tochter Miranda rastlos unterwegs, in panischer Angst.

Teo, der gute Riese, erkennt in Patricia eine »Dame in Nöten«, und gleich packt ihn »das Fahrende-Ritter-Syndrom«. Rasch sind die verlorenen Seelen ein Paar. Nur: retten, beschützen kann dieser Quijote seine Dulcinea nicht. Jede Nacht schreit sie, nimmt Tabletten, zerkaut ihre Nägel, und schließlich verliert sie den »Kampf gegen die Dämonen«; sie stirbt, geschwächt nach zweifachem Suizidversuch. Und Tochter Miranda? Ist ein Miraculum. Ein altkluges Mädchen, außerdem kann sie weissagen, hexen. Ein engelgleiches Kind vom »Todesengel«.

Marcelo Figueras singt ein hehres Lied »von Leben und Tod«, er wagt den ganz weiten Wurf, doch knapp verfehlt er die Zielmarke. Die Story wirkt eher mager. Der Autor peppt sie auf, mit Lesefrüchten, Gedankenblitzen; er streift Spaniens Segnungen für Lateinamerika (»Kreuz, Kanonen, Krank heiten«) und irische Todesfeen (die Banshees), die Römer in Britannien und Napoleon auf St. Helena.

Es gibt einen allmächtiger Wir-Erzähler, der mit dem Text und mit Lesers Erwartungen spielt (»postmodern« nennt man das wohl). Es gibt ein endlos gefühliges Finale, mit Pats Tod und Happy End für andere. Der Leser wird Wagemut und Schönheit im Text entdecken, aber auch Kitsch und Klischee.

Hinter dem Text steht offenbar eine Mission: Abrechnung mit dem Gewaltregime, eine subjektive Art der »Vergangenheitsbewältigung«. Weil die Politik bei der Aufarbeitung im »Land der Angst« (Figueras) versagte, setzt der Dichter auf Fabelwerk und Zauberei. Weil viele Argentinier die Augen vor dem Gestern verschließen, beschreibt Figueras betont detailreich und medizinisch treffend die Erinnerungslast eines Opfers. Und weil so mancher Zeitzeuge die Täter noch immer in Schutz nimmt, muss Protagonist Teo, der seinerzeit weit abseits stand, sich heute unschuldig schuldig fühlen. Seine Passivität, glaubt er, bedingte Pats Leiden. Ein faszinierender Ansatz, aber: Der Moralist Marcelo Figueras steht dem Erzähler im Wege.

Der Todesengel übrigens hat in Figueras' Roman keinen Namen. In Wirklichkeit hat er einen. Alfredo Astiz. Um 1980 Chef eines Killerkommandos. Er schlich sich bei den Müttern der Plaza de Mayo ein und lieferte manche ans Messer. Astiz, blond und wohlerzogen, der so gern bei Folterungen dabei war. Der seine Karriere nach dem Untergang des Regimes – wie im Buch angedeutet – eine Zeitlang fortsetzen konnte. Jener Astiz, der in einem Interview 1998 klarstellte: »Ich bereue nichts von dem, was wir damals getan haben. Wir befanden uns im Krieg.« Prosa des Grauens – im Originalton wirkt sie allemal stärker als im Roman.

Marcelo Figueras: Das Lied von Leben und Tod. Roman. Aus dem Span. von Sabine Giersberg. Verlag Nagel & Kimche. 527 S., geb., 21,50 €.

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