ND-Autor René Gralla beim Turnier.
Foto: B.-J. Fischer
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In der Bundesliga auflaufen quasi aus dem Stand? Und obendrein um ein Ticket zur WM kämpfen? – Welcher Freizeitkicker, Mensch-ärgere-Dich-nicht-Zocker oder Computerfreak träumt nicht davon? Ausgerechnet eines der anspruchsvollsten Spiele, die schlaue Köpfe jemals ausgetüftelt haben, bietet dieser Tage in Deutschland tatsächlich eine derart unglaubliche Chance. Es geht um das »Chinaschach«, »Xiangqi«, wie es dort heißt und das zwischen Peking und Saigon so populär ist, dass es quer durch alle Bevölkerungsschichten hundertmillionenfach Begeisterung auslöst. In den Parks, zu Hause und bei vielen Turnieren.
In Deutschland ist der Fankreis noch überschaubar; der hiesige Xiangqi Bund (DXB) zählt knapp hundert Aktive plus ein paar Dutzend Schläfer. Aber das Spiel gilt längst als trefflicher Geheimtipp. Zu den vier Bundesligawochenenden, die der DXB pro Saison organisiert, kann sich jeder Regelkundige anmelden – und dabei im Idealfall gleichzeitig Qualifikationspunkte für die deutsche Meisterschaft sammeln. Bei dieser, am 11./12. Juli in Berlin, wird obendrein entscheidet, wer für die Nationalauswahl nominiert wird, die Ende August zur Weltmeisterschaft nach Xintai in China fliegt.
Demnächst über den roten Teppich wandelnd in Fernost? Eine Perspektive, die auch mich als Autor in Sachen Spiele und Denksport nicht ruhen lässt. Deshalb habe ich fleißig die Lehrbücher eines gewissen Professors David H. Li studiert, der mir via Vorwort verspricht, ich müsse bloß brav seinen Anweisungen folgen, dann könnte ich Wettkampfreife auf internationaler Ebene erlangen. Na denn! Entsprechend frohgemut finde ich mich also mit knapp zwanzig weiteren Kandidaten zu Pfingsten im Hamburger Yu Yuan-Teehaus ein, zur Vorschlussrunde der Xiangqi-Bundesliga.
Das Ambiente beflügelt die Fantasie, die Anlage ist dem berühmten Pavillon in Shanghais Yu-Garten nachempfunden. Generalkonsul Ma Jinsheng führt den symbolischen ersten Zug aus – vor den Mikrofonen und Kameras chinesischer Reporter, und sogar das NDR-Fernsehen dreht mit.
Mein zuvor gedämpfter Optimismus weicht leichtem Größenwahn – bis exakt zum neunten Schlagwechsel in der ersten Partie. Angeblich soll ich im Xiangqi die Sache ja praktisch angehen, wie ein Hobbystratege am Sandkasten (predigt jedenfalls Professor Li). Schließlich kann der Spieler sogar Kanonen einsetzen, das weckt das Kind im Manne, und folglich müsse der Möchtegerngeneral bloß noch überlegen, ob er die Geschütze, vielleicht gestützt vom Elefantenkorps, am Flussufer postiert oder mutig vor dem feindlichen Palast in Stellung bringt. Praktischerweise flankiert von Kampfwagen und Reiterei.
Leider aber ist wohl doch noch etwas Rechenarbeit vonnöten. Das demonstriert mir jetzt Jörn Tessen, seines Zeichens Vizepräsident des DXB. Der 35-jährige Rechtsanwalt aus Berlin postiert nach wenigen Minuten eine Kavallerieeinheit direkt vor meiner Nase, und egal wie ich mich winde, ich verliere wichtiges Material und gebe nach lächerlichen 25 Zügen auf. In ähnlichem Stil vergeige ich auch andere Matches. Hätte mir das Los nicht auch noch zwei etwas zu stürmische Nachwuchstalente als Gegner beschert, wäre ich wohl unter meinem Minimalziel von 50 Prozent der erreichbaren Punkte geblieben.
Sei's drum: neues Spiel, neues Glück. Am 13. und 14. Juni wartet bereits die vierte und letzte Bundesligarunde in Braunschweig. Und außerdem gibt es ja auch noch die Deutschen Pokalrunde ...
Weitere Infos zur 3. Xiangqi-Bundesligarunde (13./14.6) in Braunschweig und zur Deutschen Meisterschaft (11./12.7.) in Berlin: www.chinaschach.de
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