Der Stadtpark von Ho-Chi-Minh-Stadt zieht allabendlich Liebespärchen magisch an. Artig Händchen haltend bevölkern sie nach Einbruch der Dunkelheit, die hier am Saigon-Fluss kurz nach 18 Uhr einsetzt, Promenaden und Bänke. Anders als in unseren Breiten produziert man sich in Vietnam nicht freizügig in der Öffentlichkeit. Den jung Verliebten reicht es schon, für kurze Zeit den meist engen häuslichen Verhältnissen entrinnen zu können.
Ein ganz anderes Bild bieten die weiträumigen Grünanlagen am Tag. Schon am frühen Morgen treffen sich hier Sportbegeisterte zu gymnastischen Übungen. Später kommen dann ganze Schulklassen hinzu. Junge Pioniere mit roten Halstüchern halten Appell ab oder besuchen den ehemaligen Präsidentenpalast, heute Wiedervereinigungspalast, am nördlichen Rand des Parks. Hier stehen auch jene zwei legendären T-54-Panzer, die am 30. April 1975 das zwei Meter hohe Eingangstor niederwalzt haben und dann bis unmittelbar vor den Palast fuhren und damit vor aller Welt den Sieg über die amerikanischen Truppen und deren einheimische Helfershelfer dokumentierten.
Zeugnisse jener historischen Tage, die die Wiedervereinigung Vietnams einleiteten, findet man überall in der Stadt. Bekannte Hotels aus jenen Tagen, wie das »Majestic« am Saigon-Fluss, auf dessen malerischer Dachterrasse es sich damals die Kriegsberichterstatter bei einem kühlen Drink gut gehen ließen, laden heute sorgfältig renoviert zu einem Besuch ein. Dazu gehört auch das berühmte »Rex«, auf dessen Dachterrasse sich einst Geheimdienstler, Journalisten und reiche Saigoner zum Cocktail trafen. Heute ist es ein beliebtes Ziel von Touristen für einen abendlichen Absacker. Im »Continental« schrieb Graham Greene an seinem Roman »Der stille Amerikaner« und setzte dem Haus so ein Denkmal.
An der Nguyen-Hue-Straße im Zentrum des vornehmen Saigon – 80 Prozent der Vietnamesen benutzen nach wie vor den alten Namen – befindet sich in einer kleinen Grünanlage ein sehr sympathisches Denkmal des ehemaligen Präsidenten der Demokratischen Republik Vietnam, Ho Chi Minh. Es zeigt Onkel Ho, wie er in Vietnam respektvoll genannt wird, mit einem Kind auf dem Arm, das er beschützt. Ho Chi Minh ist im einstigen Sündenbabel, wo sich französische Kolonialisten, amerikanische Besatzer und Abenteurer aus aller Welt austobten, überall präsent. In der großen Halle des Hauptpostamtes, einem der schönsten französischen Kolonialbauten in Südostasien, prangt sein Porträt ebenso wie auf vielen Propagandaplakaten, die in der Stadt aufgehängt sind.
Die Acht-Millionen-Stadt, die sich heute kaum von anderen asiatischen Metropolen wie Shanghai oder Singapore unterscheidet, und in der man – sofern man das Geld hat – alles kaufen kann, was das Herz begehrt, bietet sich auch als idealer Ausgangspunkt für Exkursionen an. Eine der Interessantesten führt nach Cu Chi, rund 70 Kilometer nordwestlich von Ho-Chi-Minh-Stadt. Hier kann man noch Überreste jenes gewaltigen Tunnelsystems besichtigen, das die vietnamesischen Freiheitskämpfer zwischen 1948 bis 1968 gegraben haben. Die rund 250 Kilometer langen Gänge und Höhlen, ursprünglich im Kampf gegen die französische Kolonialmacht angelegt, stellten auch für die amerikanischen Invasionstruppen ein fast unüberwindliches Hindernis dar. Sie hatten drei Etagen und führten bis 16 Meter in die Tiefe. 10 000 Menschen fanden gleichzeitig Schutz. Die Tunnel trotzten durch ihre ausgeklügelte Anlage Giftgasattacken ebenso wie dem Einleiten von Wassermassen oder später den Bombardierungen der US-Armee.
Damit Touristen sich die Tunnel ansehen könne, sind einige Abschnitte extra erweitert worden. Denn in die Originaleingänge können sich nur sehr schlanke und sehr mutige Besucher, die auch die Enge und Finsternis unter der Erde nicht fürchten, wagen. Für die US-Bodentruppen hielten die Vietcong eine ganze Serie raffinierter Fallen bereit, die dem Betrachter noch heute Schauer über den Rücken jagen.
Das rund 50 Quadratkilometer große Tunnelgelände war durch Dioxin, Agent Orange und B-52-Bombenangriffen so verwüstet worden, dass erst ab 1987 wieder an eine Besiedlung der Region gedacht werden konnte.
Ganz andere Eindrücke bekommt man im rund 120 Kilometer von Saigon entfernten Mekong-Delta. Dieser Landstrich, wo rund zwölf Millionen Menschen verschiedener asiatischer Nationalitäten leben, ist die Reiskammer des Landes. Das Klima erlaubt bis zu drei Ernten im Jahr, was Vietnam nach Thailand zum zweitgrößten Reisexporteur der Welt werden ließ. 2000 meist künstlich angelegte Kanäle bewässern das fruchtbare Land und verbinden die einzelnen Arme des Mekong. In den Gärten der Reisbauern gedeihen fast alle tropischen Früchte. Das flache Land mit seinem üppigen Grün strahlt Ruhe und Heiterkeit aus.
Zurück in Ho-Chi-Minh-Stadt empfiehlt sich ein Besuch des zentralen Ben-Hanh-Markts, der sich abends in einen Nachtmarkt verwandelt. Hunderte Händler haben ihre Stände aufgebaut, wo man Textilien, Gewürze, Kaffee und Souvenirs aller Art kaufen kann. Mehr als ein Dutzend offene Restaurants bieten traditionelle Gerichte zu unglaublich günstigen Preisen an. Für umgerechnet etwa zwei Euro kann man hier gut speisen.
Vietnam ist überhaupt sehr preisgünstig für Besucher aus dem Euro-Raum, zumindest was einheimische Produkte betrifft. Eine Mitreisende hat sich über Nacht zwei Seidenblusen und eine Leinenhose anfertigen lassen und dafür nicht einmal 60 Euro bezahlt. Für beliebte Souvenirs wie Lotus-Seide, Lotus-Samen gegen Schlaflosigkeit oder Lotus-Tee allerdings muss man schon etwas tiefer in die Tasche greifen. Aber was machen schon ein paar Euro, wenn der Tee langes Leben und Glück verheißt.
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