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Außen Glas, innen schlechte Arbeitsbedingungen
Foto: A. Engelman
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Thüringen-Park Erfurt, Mittwoch gegen 15 Uhr. Vom Hupkonzert des ver.di-Autokorsos ist drin wenig zu hören. In dem Konsumtempel im Norden der Thüringer Landeshauptstadt werben 50 Fachgeschäfte um Kunden. Eilig hasten Besucher vorbei, wollen schnell ihre Einkäufe erledigen. Vom Tag der Solidarität im Einzel- und Großhandel bekommen sie nur wenig mit.
Mit ihrem Aktionstag will die Gewerkschaft ver.di Druck auf die laufenden Tarifverhandlungen im Einzel- und Großhandel ausüben. Für den Einzelhandel könnte am Donnerstag ein Durchbruch erzielt worden sein. In Nordrhein-Westfalen einigten sich die Tarifpartner auf einen Abschluss, der Vorbild für die anderen Bezirke sein könnte. Zwei Prozent mehr erhalten die Beschäftigten zum September dieses Jahres, am 1. September 2010 folgt eine weitere Anhebung um 1,5 Prozent. Zudem ist eine Einmalzahlung von 150 Euro vorgesehen. Die Gewerkschaft hatte 6,5 Prozent gefordert, mindestens aber 135 Euro mehr.
»Ich feiere das Ergebnis nicht, fürchte aber, im Osten wird uns ein noch schlechteres Angebot gemacht«, sagt Undine Zachlot vom ver.di-Landesverband Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, wo in den vergangenen Wochen Warnstreiks und Kundenaktionen liefen.
So legten am Freitag und Samstag der vergangenen Woche 200 Ikea-Mitarbeiter in Erfurt und Dresden ihre Arbeit nieder, auch in Kaufland-Märkten in Ilmenau und Gera sowie bei Kaufmarkt und Marktkauf in Gera wurde gestreikt. Gestern morgen traten 82 Mitarbeiter des Metro-Marktes in Leipzig für fünf Stunden in einen Warnstreik.
Gewerkschaftsangaben zufolge verdienen fast ein Drittel der Mitarbeiter im Einzelhandel weniger als 7,50 Euro die Stunde, zwölf Prozent sogar weniger als fünf Euro. Vollzeitstellen werden abgebaut, die Zahl der Billigkräfte, die maximal 400 Euro im Monat verdienen, liege inzwischen bei 900 000, so ver.di.
Umso größer sind bei vielen Beschäftigten die Angst und die Bereitschaft, Zugeständnisse zu machen. Lohnverzicht bringe keine Arbeitsplätze, warnen Gewerkschafter oft vergeblich. Zachlot führt Karstadt als Beispiel an. In den letzten Jahren hätten die Karstadt-Kollegen in drei Sanierungstarifverträgen auf Lohn verzichtet und 300 Millionen Euro eingespart – vergeblich. Am 9. Juni meldete der Konzern bekanntlich Insolvenz an.
Verantwortlich für die Pleite seien nicht die Arbeitnehmer, sondern Missmanagement in den Chefetagen. Um die Gewinne zu maximieren, wird vor allem bei den Personalkosten gespart. Dabei versuchen die Unternehmer zunehmend, die Arbeitnehmer in Beschäftigungsgesellschaften oder Zeitarbeitsfirmen »auszugliedern«.
Unternehmenseigene Arbeitnehmerüberlassungsgesellschaften gibt es bereits bei der REWE-Group, die unter anderem die Supermarktkette REWE betreibt, und bei der Metro-Group. »Die Krise ist für die Unternehmer ein willkommenes Geschenk«, sagt Birgit Remmert, Betriebsrätin bei der Metro Cash und Carry (MCC) Erfurt. Ein Vorwand, um Druck auf die Mitarbeiter auszuüben und an der Personalschraube zu drehen. Ihr Kollege Rolf-Jürgen Bethmann berichtet von den Sparplänen der Großhandelsgruppe. So soll am Standort Erfurt die Verkaufsfläche um die Hälfte reduziert werden, MCC wolle sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren und das Sortiment erheblich runterfahren. Runterfahren will man auch die Anzahl der Mitarbeiter – von 208 auf 141 Vollzeit-Kräfte. Widerstand gebe es kaum, berichtet Birgit Remmert: »Alle haben Angst.«
Angst haben auch die Kollegen in den Lebensmittelmärkten Real Erfurt und Kaufland Mühlhausen. Seit einem Wechsel in der Real-Geschäftsleitung vor einem Jahr hagelt es Abmahnungen und Schikanen. »Die wollen die Leute loswerden und schüren den Stunk untereinander«, glaubt Andrea Carl, Betriebsrätin bei Real, das zur Metro-Group gehört. »Um dann die Stammbelegschaft mehr und mehr gegen Leiharbeiter auszutauschen«, vermutet Kaufland-Betriebsrätin Elke Vogten.
Am Umsatz kann es jedenfalls nicht liegen. Den konnte die Metro-Group 2008 von 64 000 auf 68 000 Euro steigern. 33 000 Euro betrug dabei der Anteil der 20 MCC-Filialen, die zehn Real-SB-Warenhäuser steuerten 12 000 Euro bei. Zur Metro-Group gehören zudem die Elektro-Fachmärkte Media-Markt und Saturn sowie Galeria Kaufhof.
Wie die Tarifverträge für die 256 000 Einzelhandels-Beschäftigten in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt aussehen, wird sich in der kommenden Woche zeigen. Am 17. Juni findet in Leipzig die nächste Verhandlungsrunde statt. Die Gewerkschaft plant für diesen Tag weitere Aktionen.
Im sächsischen Großhandel ist schon für den heutigen Freitag die nächste Verhandlungsrunde, ebenfalls in Leipzig, angesetzt. Für die 25 000 dort Beschäftigten fordert ver.di Lohn- und Gehaltssteigerungen von 150 Euro monatlich, Lehrlinge sollen 50 Euro mehr erhalten. Die Arbeitgeber bieten bislang eine Einmalzahlung sowie eine einprozentige Lohnsteigerung ab April 2010.
Ob der Pilotabschluss im Einzelhandel auch Auswirkungen auf die heutige Lohnrunde haben wird, ist laut ver.di noch unklar.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
Keine Verbesserungen in Sicht Kolumbianische Gewerkschaften lehnen Freihandelsabkommen mit USA ab
Pizzabänder standen still Warnstreiks in Mecklenburg-Vorpommern
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