»Hannibal – Wolokolamsker Chaussee« bedient sich bei Grabbe, Brecht und Müller.
Foto: Thomas Aurin
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Auf der Diagonalen im Freistundenhof der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel stehen sich Weltreiche gegenüber. Mächtig gefügt aus Holz, spitzen sich beide pyramidenförmig zu, münden in Plateaus. Golden glänzt die Heimstatt der in weiße Toga gehüllten Römer, schlichte schwarze Uniform mit Käppi tragen die Karthager auf dem grau getürmten Berg gegenüber. Zwischen ihnen liegt die Arena, der ewige Richtplatz politischer Rivalen. Doch ehe sich die Lager aufspalten, ziehen sie als vielfüßige Kampfmaschine ins Feld. Rote Armee sind sie da, im Widerstand gegen die faschistischen Aggressoren. So lässt Peter Atanassow beginnen, was sein freies Theaterprojekt aufBruch mit fast 30 Gefangenen der JVA Tegel einstudiert hat.
»Hannibal – Wolokolamsker Chaussee« verknüpft Historie auf ungewöhnliche Weise, bedient sich dabei einer literarischen Gemengelage aus Grabbe, Brecht, Heiner Müller. Beleuchten Grabbes Tragödie von 1835 und Brechts Fragment von 1922 das Schicksal jenes genialischen ewigen Soldaten aus Karthago, der unter gewaltigen Anstrengungen das verhasste Rom erreicht und doch nicht schleift, so verhandelt Müllers Drama »Wolokolamsker Chausee« ab 1984 in fünf Teilen, wie revolutionäre Energie versickert – bis hin zum Gleichnis auf DDR-Verhältnisse.
Streit zersplittert die Marschformation, der ein schwacher Kommandant falsche Befehle erteilte und der ihr Sanitätszug abhanden kam. Ein Schuldiger muss her wie im vorchristlichen Rom, das sich in drei Kriegen des Ansturms der provozierten Handelsmacht Karthago zu erwehren hat – und da schlägt die Geschichte um. Senator Cato hält die berühmte Hetzrede, Diktator Fabius zögert, scheinheilig singen alle den Bach-Choral »O Haupt voll Blut und Wunden«. Auf der Gegenseite schwört Hannibal sein Heer aus Bithyniern, Galliern, Puniern ein. Die totale Mobilmachung droht dem überalterten Rom; seinem Ruf »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« setzen die Karthager die verwaschene Losung »Freiheit gegen Willkür« entgegen. Viel Wortwitz webt Atanassow seiner Spielfassung ein, die durch die Jahrhunderte eilt, oft Brecht und auch die »Ilias« zitiert.
Dann treffen sie aufeinander. Roms Senatoren drehen ihre Kreuze zu Speeren um, werden von Karthago niedergerungen. Da bläst Hannibal zur Umkehr, rollt auf Gleisen das gigantische Militärgefährt aus eigener Kraft zurück. Hannibal geht, Rom wird alle besiegen, triumphiert der Priester. Doch da stehen sich schon zwei neue Armeen gegenüber: Rom wird Nazideutschland, Karthago die Sowjetunion, wieder Herren gegen Plebejer. Ein russischer Soldat wird zur Stärkung der Moral hingerichtet, aus dem Nazi-Pulk tritt ein Junge, den sein fanatischer DDR-Ziehvater nach Bautzen brachte. Meine Maske ist dein Gesicht, orakelt der Junge, rät, alle Spuren zu verwischen. Vergessen, skandiert der Chor.
Viele chorische Passagen in Brecht-Manier enthält eine anregend anspruchsvolle Inszenierung, die ihre Spannung aus einer enorm intensiven Spielermannschaft zieht. In 90 pausenfreien Minuten formt sie ein Ensemble und bietet den ausschließlich männlichen Darstellern spürbar Raum, eigene Lebenserfahrung zu gestalten. Alpay Ayvaz Paco als flammender, dann nachdenklicher, immer sensibler Hannibal dominiert einen Abend, der sich im September vorm Deutsch-Russischen Museum in Karlshorst fortsetzt.
17., 19., 24., 26.6., 1., 3.7., 18 Uhr, JVA Tegel, Tel.: 24 06 57 77, www.gefaengnistheater.de
Preis: 14,94 €
Preis: 9,95 €
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