Zivi mit Pistole, Polizeisprecher mit Knie
Foto: ND/Wolfgang Frotscher
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Sonnabendmorgen auf dem Weg zum Flughafen Tempelhof: Im Autoradio vermeldet die Nachrichtensprecherin, dass die Polizei mit einem Großaufgebot die vom linksalternativen Bündnis »Squat Tempelhof« (Deutsch: Tempelhof besetzen) geplante Besetzung des Flughafens verhindern wolle. Im Anschluss zitiert sie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die fordert, auf Gewalt gegen friedliche Demonstranten zu verzichten – allerdings spricht Merkel hier von den Protesten in Iran. Was als Forderung ans Ausland Recht ist, scheint im eigenen Staat noch lange nicht billig, wenn es um die Verteidigung eines acht Kilometer langen Zauns und der dahinter liegenden Freifläche geht, mit deren Besetzung eine schnelle Öffnung des Geländes für die Bevölkerung erreicht werden soll.
Bereits um 10 Uhr ist das gesamte Flughafenareal von Polizeieinheiten abgesichert, die sich vor und hinter dem Zaun in regelmäßigem Abstand postiert haben. Insgesamt 1500 Polizisten aus fünf Bundesländern samt schwerem Gerät sind im Einsatz. Rund um den Flughafen patrouillieren Streifen, über dem Gelände kreist ein Hubschrauber. Die ersten vermeintlichen linken Aktivisten, die eintreffen, werden kontrolliert.
Unterwegs sind auch Figen Izgin, Direktkandidatin der Linkspartei für den Bundestag, und Andreas Schlüter, Mitglied im Bezirksvorstand der LINKEN Tempelhof-Schöneberg. Sie verteilen Flugblätter an die noch wenigen Passanten. »Wir sind gegen gewaltsame Aktionen«, erklärt Schlüter, »aber wir machen uns stark gegen die Zerstückelung des Flughafengeländes.« Es müsse dafür gesorgt werden, dass die Bevölkerung sich das Gelände erschließen kann, so Schlüter. »Auch seitens meiner Partei muss da etwas geschehen.«
Gegen Mittag wird es langsam voller rund um das ehemalige Flugfeld, in der Lichtenrader Straße am südlichen Ende des Areals beginnt ein Familien-Straßenfest: Kindermalen, Hüpfburg und Info-Stände. Oliver vom Bündnis »Mieten Stopp« hofft auf einen Startschuss für eine Bewegung gegen Stadtumstrukturierung und eine Stärkung des Bewusstseins dafür, dass man etwas dagegen tun kann, wenn genug Druck aufgebaut wird. Druck machen wollen Tausende. Am frühen Nachmittag schlendern oder fahren mit dem Fahrrad immer mehr Menschen am Zaun entlang, am Platz der Luftbrücke sammeln sich Demonstranten zu einer Kundgebung. Auch die ersten Sirenen sind zu hören und plötzlich fährt ein Polizeibus vorbei. Darin mehrere Aktivisten der Rebels Clown Army, die den wartenden Demonstranten zuwinken und an den Scheiben kleben – 26 Clowns hatte die Polizei festgenommen, weil sie am Zaun gerüttelt hatten. Zu diesem Zeitpunkt scheint das Startsignal zur Besetzung gefallen zu sein, die Situation wird von nun an völlig unübersichtlich.
Auf dem Columbiadamm werden Leute, die am Zaun wackeln, von Polizisten mit Pfefferspray bedroht. Zwei Wasserwerfer, ein Räumfahrzeug und Mannschaftswagen der Polizei fahren die Straße entlang. Dann erfolgt hier der erste Versuch, den Zaun zu beseitigen. Eine Gruppe linksradikaler Autonomer beginnt die Straße zu blockieren und versucht mit Seil und Enterhaken den Zaun umzureißen. Polizeitrupps sind nach wenigen Augenblicken zur Stelle und gehen gegen die Autonomen vor, es kommt zu Steinwürfen und Festnahmen, Greiftrupps der Polizei stürmen immer wieder durch die Menge der Demonstranten.
Unterdessen hat sich der Columbiadamm in eine Fußgängerzone verwandelt: Menschen tanzen auf der Straße, stehen vor dem Zaun, eine Sambagruppe und Soundsysteme sorgen für Musik. Die Stimmung bleibt trotzdem angespannt.
Wie prekär die Situation ist, zeigt insbesondere die Festnahme eines mutmaßlichen Aktivisten durch einen Zivilpolizisten am Zaun: Der Beamte sah sich anschließend offenbar durch eine 20-köpfige Gruppe bedroht und zog deshalb eine Schusswaffe. Dies sei nur zur Eigensicherung geschehen, betonte gestern ein Polizeisprecher auf ND-Nachfrage. An der Festnahme war auch der Leiter der Polizeipressestelle Thomas Goldack beteiligt. Auch in anderen Bereichen sind an diesem Tag immer wieder brutale Festnahmen und der Einsatz von Pfefferspray zu beobachten.
»Wir wissen von zehn Personen, die bei der Festnahme mit Knüppeln verletzt wurden«, berichtet Beate Beckmann vom Ermittlungsausschuss (EA), der Gefangene juristisch betreut, dem ND. Insgesamt habe der EA rund 150 Festnahmen verzeichnet, von denen alle bis auf eine Person gestern wieder freigelassen worden waren – unter ihnen auch die 26 Clowns. Nach Angaben der Polizei gab es dagegen nur 102 Festnahmen. Genauso widersprüchlich sind die Zahlen über die Teilnehmer: 2000 sagt die Polizei, von 6000 oder mehr spricht »Squat Tempelhof«.
»Uns ist es gelungen, das Thema Tempelhof politisch ins öffentliche Interesse zu rücken«, freut sich Thomas Neurer von dem linken Bündnis. Die Kehrseite der Medaille sei jedoch, dass die Besetzung nicht gelungen ist. Schockiert ist man bei »Squat Tempelhof«, dass ein Beamter seine Waffe zog. Auch das »unverhältnismäßige, brutale Vorgehen« der Polizei gegen friedliche Demonstranten sei inakzeptabel gewesen, so Neurer. Ähnlich kritisierten Politiker der LINKEN und der Grünen den Polizeieinsatz. »Die Polizei ließ jede Deeskalationsstrategie vermissen«, moniert Evrim Baba (LINKE). Benedikt Lux (Grüne) sieht die Polizei derzeit auch unter einem besonderen Druck stehen: Dabei wäre es doch kein Problem gewesen, »das Flugfeld zu öffnen und lediglich die technischen Anlagen zu schützen«.
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