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Von Jan Eik 25.06.2009 / Literatur
Literatur

Es war (fast) alles anders

Horst Schneider und die »Frau vom Checkpoint Charlie«

Dass die hochgespielte TV-Schmonzette um die »Frau vom Checkpoint Charlie« so authentisch nicht war, wie behauptet, hatte man eigentlich annehmen können. Der Dresdner Historiker Prof. Dr. Horst Schneider hat sich dennoch die Mühe gemacht, der Angelegenheit auf den Grund zu gehen. Das Ergebnis überrascht nicht: Es war (fast) alles ganz anders. Der Rezensent hat von jeher für das Ende jeglicher Legenden plädiert und selber etliche Bücher in diesem Sinne verfasst. Er kann auf eigene bittere und lang nachwirkende Erfahrungen mit ausgereisten Kindern zurückblicken und deshalb auch die Empfindungen des im Film ungenannten Vaters Christian Gallus nachfühlen.

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Dessen Schicksal – die beiden Kinder aus der geschiedenen Ehe lebten sechs Jahre bei ihm und nicht in einem Heim, bevor die Mutter ihre Übersiedlung durchsetzte – unter dem Deckmantel einer »dramatisierten« Doku-Soap einfach zu verschweigen, zeugt von einer sehr eigenwilligen Auslegung des Begriffs »Dramatisierung« durch die TV-Produzenten. Dass der, um es positiv auszudrücken, willenstarken Frau Gallus jedes Mittel und jeder rechtslastige Verein genehm waren, um die Töchter wiederzuerlangen, steht auf einem anderen Blatt. Mit ihren Klamauk-Aktionen hat sie ihrem Anliegen eher geschadet, dafür aber die Sympathien der Boulevard-Presse und der ihr nacheifernden Medien gewonnen. Die übersehen nur allzu gern, wie oft Kinder als Faustpfand gegen den unterlegenen Elternteil missbraucht werden.

Leider verzichtet der Autor des Taschenbuchs auf eine chronologische Darstellung der tatsächlichen Vorgänge und setzt zumindest streckenweise die Kenntnis des Films und/oder des ihm zugrunde liegenden Buchs voraus. Dabei wäre eine stärkere Konzentration auf die Fakten (wie im dokumentarischen Anhang) und weniger Polemik wünschenswert gewesen.

Den Fall des hingerichteten Johann Burianek beispielsweise als Muster für die Verbrechen der Hildebrandtschen Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) zu brandmarken, führt in die Irre: Kein einziger der vorgeblichen und teilweise schlecht erfundenen Terrorakte Burianeks wurde je ausgeführt (s. Rudi Beckert: Die erste und die letzte Instanz. Schau- und Geheimprozesse vor derm Obersten Gericht der DDR). Bei solcher Art (alt-)»parteilicher« Argumentation besteht die Gefahr, dass der Autor lediglich Leser erreicht, die ohnehin seiner Meinung sind.

Horst Schneider: Gruselstory Checkpoint Charlie. Verlag Wiljo Heinen. 176 S., brosch., 5 €.

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