Samstagabend in Teheran: Eine junge Frau liegt am Boden, zunächst denkt man noch nicht, dass sie tot ist. Männer beugen sich über sie, plötzlich hat sie Blut im Gesicht. Offensichtlich ist es aus Mund und Nase ausgetreten. Ein Schuss in die Brust, von einem Scharfschützen der Sicherheitskräfte abgegeben, heißt es, doch es könnte auch anders sein. Neda – mal ist sie 19, dann wieder 26 – habe mit ihrem Vater am Straßenrand gestanden und die Proteste beobachtet. Ihr Tod wurde per Handy gefilmt und erreichte die Welt wenig später über YouTube und Twitter.
Sonntag in Los Angeles: Junge Frauen – iranische Amerikanerinnen, erklärt AFP – halten Plakate in die Kamera: »Ich bin Neda«. »Stop Fascism In Iran« – da hofft man, dass nicht jemand auch noch Auschwitz dort verortet, wie es einst bezüglich Kosovo geschah. »Democracy For Iran« – das ist gut. Aber ob Demokratie dort von Südkalifornien aus herstellbar ist?
»Sterbende Neda gibt Aufstand in Iran ein Gesicht«, titelt »Die Welt«. »Neda, die Ikone des Protests«, heißt es bei »Spiegel online«. »Dieses tote Mädchen macht den Mullahs Angst«, ruft »Bild« und zitiert die »New York Times«: »Diese Bilder könnten den Verlauf der Geschichte verändern!«
Bildermacht: Dass man nicht mit letzter Gewissheit verifizieren könne, ob das Video echt oder nachgestellt sei, wird von Journalisten eingeräumt. Der Mann, der den Film ins Internet stellte, gibt sich nicht zu erkennen. Inzwischen soll »BBC Persian« von Nedas Verlobtem ein Interview erhalten haben. Sie sei in aller Stille bestattet worden, nachdem die Behörden ihren Leichnam erst nach hartnäckigen Bitten freigegeben hätten. Das staatliche Fernsehen in Teheran nennt das Video eine Fälschung. Wieso auch nicht, nützt es doch den Gegnern des Regimes.
Bewertung nach Interessenlage.
Zufällig wurde nicht der Tod eines Steine werfenden Mannes, sondern der einer jungen, schönen, unschuldigen Frau in Jeans gefilmt, die, wie es inzwischen heißt, »aus der Mitte der Gesellschaft« kam und islamische Philosophie studierte und die, so zitiert »Stern« eine Freundin, Tage vor ihrem Tod prophetisch geäußert haben soll: »Und wenn sie mir ins Herz schießen, ich werde weiter für mein Land kämpfen.«
Wenn das Video spontan entstand, seine Verarbeitung geschah mit Bedacht. Zu einem guten Zweck immerhin: um die Befürworter »weicherer« Machtformen in Iran zu stärken. Von Demokratie wollen wir nicht gleich reden. Fehlende Demokratie in anderen Ländern wird doch meist erst dann zum Problem, wenn westliche Interessen bedroht sind. Vielleicht im Falle Irans – mit den zweitgrößten Erdölreserven der Welt – sogar der Weltfrieden. Hat Bush nicht dem Land mit Angriff gedroht und noch mehr Drohungen zur Antwort erhalten? Da sollten wir doch erleichtert sein über Konfliktlösungsstrategien intelligenterer Art.
Eine sanfte Revolution in Iran – das wäre doch was! Wäre es eine Revolution? Auch steht es auf der Kippe, ob die Protestbewegung nicht doch niedergeschlagen wird. Zu sozialistischen Zeiten hieß es, man könne Revolutionen nicht exportieren. Dennoch wurde es immer wieder versucht. Mit bürgerlichen Staatskonzepten ist es nicht anders. Ob Wahlfälschung oder nicht, Präsident Ahmadinedschad hat genügend Stimmen erhalten, um als demokratisch gewählt zu gelten. Aber weil er kein Demokrat ist, kann es nicht demokratisch sein. Aus hiesiger Sicht. Und wie sehen es die Leute dort? Wieviel Rückhalt haben die oppositionellen Kräfte wirklich in der Bevölkerung? Ja, sind sie überhaupt das, was wir uns unter ihnen vorstellen? Handelt es sich nicht doch eher um einen Kampf innerhalb iranischer Machteliten, bei dem sich die Gegner des gewählten Präsidenten mehr für sich versprechen, wenn sie das Land, vorsichtig, westlichem Einfluss öffnen? Denkt man. Doch eigentlich sind sie doch alle »aus einem Stall«.
Die USA hätten nicht die Absicht, sich in interne Angelegenheiten Irans einzumischen, bekundete Obama und fügte hinzu: »Das iranische Volk hat ein universelles Recht auf Versammlungs- und Redefreiheit.« Das russische Außenministerium unterstützte in einer ersten Stellungnahme Ahmadinedschad. Die verfassungsmäßige Ordnung müsse unter allen Umständen gewahrt werden. Auch Mossad-Chef Meir Dagan fände, laut »Spiegel«, einen Sieg von Oppositionsführer Mussawi nicht gut. Es sei viel schwieriger, vor dem iranischen Atomprogramm zu warnen, wenn die Welt Mussawi als gemäßigt ansieht. John McCain, unterlegener US-Präsidentschaftskandidat, attackierte Obama. Dessen Position sei angesichts der in Iran verübten Verbrechen viel zu weich.
Und das ist sicher nur ein Teil des Gerangels hinter dem Vorhang. Davor wird das schöne Stück »Volk befreit sich von Diktatur« aufgeführt. Das ist erbaulich – die Vorstellung, wie sich eine mutige Jugend gegen ein feiges Regime erhebt, spiegelt die Sehnsucht nach Aufbruch – und stärkt die Zustimmung zum eigenen Staat. Weniger Leichtgläubigen sei empfohlen, das Wort »Otpor« in eine Internet-Suchmaschine einzugeben. Zu dieser »Revolutions-Agentur«, von der ich durch Daniela Dahns Buch »Wehe dem Sieger!« erfuhr, gibt es sogar einen Wikipedia-Eintrag. Das Muster ist überall ähnlich. Die Phase »Infragestellung eines fairen Wahlverlaufs« und »Friedliche Proteste ab dem Wahlabend« wäre in Iran erreicht. Nun muss es eigentlich zu Neuwahlen kommen. Wenn nicht? Wie bekommt der Zauberlehrling seinen Besen wieder zur Ruhe? Und wenn Meister am Werke sind, werden sie mit den Kräften, die sie riefen, auf Dauer zufrieden sein?
Machtlos sieht unsereins zu, machtlos zum Glück. Aber für dumm möchte man sich doch nicht verkaufen lassen. Ob das Video von Nedas Tod echt war – die Frage ist müßig, wie bei jedem Werk der Kunst. Neda – eine tragische Heldin, im realistischen Sinn ein typischer Charakter. Für alle Unschuldigen kann sie stehen, die unter einer Gewaltherrschaft leiden. Für Märtyrer ist die islamische Öffentlichkeit ja besonders empfänglich. So wie wir uns in westlichen Gesellschaften daran gewöhnt haben, Bilder als Realität zu nehmen und sie gleichzeitig anzuzweifeln. Von dpa wird der Medienwissenschaftler Hans Kleinsteuber zitiert, der das Video für echt hält und ihm gleichzeitig eine »emotionale Kraft wie von einem Hollywoodexperten inszeniert« zuspricht. »Es ist die ideale Ikonisierung des Widerstands in Teheran«.
Im Zürcher »Tagesanzeiger« zieht die Journalistin Michèle Binswanger Parallelen zum Foto von Benno Ohnesorg – bekanntlich wurde er am 2. Juni 1967 bei einer Demonstration gegen den Staatsbesuch der iranischen Königsfamilie in Berlin erschossen –, das zur Ikone der Studentenbewegung wurde. Als Beispiel für die Macht von Symbolen nennt sie auch das Bild des vietnamesischen Mädchens Kim Phuc, das, von Napalm getroffen, nackt und schreiend eine Straße entlangrennt. Diese Aufnahme hat 1972 dazu beigetragen, in den USA einen Meinungsumschwung zum Vietnam-Krieg herbeizuführen.
So gesehen, hüte man sich vor dem voreiligen Urteil, das Neda-Video diene emotionaler Manipulation. Zivilisatorischer Fortschritt lebt maßgeblich von sozialen Gefühlen, die Gewalt und Ungerechtigkeit gegen andere als eigene Verletzung zu erleben. Nur besteht eben immer wieder die Gefahr, dass kühl denkende Leute geschickt auf der Klaviatur solcher Emotionen spielen. Mit der Fülle von Informationen in der Mediengesellschaft wächst der Zweifel, was man denn noch wirklich glauben kann. Was wird da aufgeführt und wem dient es, ist die Frage.
Im Versuch, etwas zu durchschauen und wenigstens im Erkennen nicht hilflos zu sein, bleibt für Iran nur zu hoffen, was der israelische Schriftsteller Amos Oz zum Nahostkonflikt sagte: dass uns ein Shakespearesches Drama erspart bleiben möge, wo die Bühne am Ende mit Leichen übersät ist, weil jeder unbedingt siegen wollte. Lieber ein Szenario à la Tschechow, wo keiner ganz bekam, was er wollte, alle irgendwie traurig sind, aber wenigstens sind sie am Leben geblieben.
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