|
Mord, ehe die Sonne aufgeht ...
Foto: Michel
|
Ein Foto von 1945, aufgenommen in Buenos Aires, zeigt den Dichter in sprechender Pose. Kurz hat er sich weggedreht von der Schreibmaschine, bitte nur für diesen Schnappschuss, denn er muss weiter auf seiner Reise.
Juan Carlos Onetti trägt die klobige Brille, er raucht; die Augen sind hinter Rauch und Brille kaum zu erkennen, ja, der Mann schaut eher nach innen. Noch ist Santa María, seine fiktive Stadt am Strom, nicht erschaffen, doch er sieht sie schon, sieht sie klarer als dieses schäbige Zimmer in einer anderen Stadt. Genug jetzt; er muss wieder eintauchen in den Text, in die andere Existenz und jenen anderen Raum.
Juan Carlos Onetti, geboren am 1. Juli 1909 als Sohn eines Zollbeamten: Lebte lange in Montevideo und Buenos Aires, war Journalist bei Reuters, Bibliothekar, auch Portier, Kellner, Verkäufer. Viermal verheiratet, zuletzt mit der Geigerin Dolly Muhr. Wurde 1974, während der Diktatur in Uruguay, drei Monate eingesperrt. Verließ darauf sein Land, um nie mehr zurückzukehren.
»Literatur sollte niemals politischen Zielen ›verpflichtet‹ sein«, dekretierte der Erzähler 1975. »Sie sollte einfach gute Literatur sein. Dass es mir nicht gefällt, dass es Armut gibt, ist eine andere Frage.« Onetti, ein Unpolitischer?
Zum hundertsten Geburtstag publiziert der Suhrkamp-Verlag jetzt ein Frühwerk, das noch nie auf deutsch vorlag, ein dezidiert politisches Buch. »Für diese Nacht«, entstanden 1942 in Buenos Aires, war Onettis dritter Roman. Ort der Handlung ist eine Stadt im Bürgerkrieg, die Hauptfigur ein müder Klassenkämpfer. Ossorio heißt er, ein Mann auf der Flucht. Die Feinde haben die Stadt eingeschlossen, schon dringen sie in den Ort. Im Hafen unten liegt ein Schiff, das Ossorio fortbringen könnte, doch man lässt ihn nicht an Bord. Ein Albtraum ist seine letzte Nacht, eine Nacht der Gewalt und Verzweiflung. »Auf jeden Fall würde man ihn, ehe die Sonne aufging, umbringen ...«
Der Roman spielt vermutlich am Río de la Plata, doch der Stoff stammt aus dem Spanischen Bürgerkrieg. 1939 wurden die letzten Einheiten der Republik von Francos Truppen in Valencia eingeschlossen. Panik Ein Schiff sollte die linken Kämpfer retten, nur Kommunisten durften an Bord. Onetti hatte durch Augenzeugen vom Geschehen gehört.
Die gegnerischen Lager und die Dogmen der Protagonisten tragen im Buch kein Etikett. Aus diesem Grund lässt sich der Text auf zwei Arten lesen. Zum einen als Anspielung auf den Faschismus (es gibt eine »Bewegung«, ein Parteihaus, Sirenengeheul und Totschläger in langen dunklen Mänteln), zum anderen als Hommage an die Krimis eines Raymond Chandler, die der Uruguayer so schätzte.
Ossorio zeigt eine Mischung aus Phil Marlowes sentimentaler Schnodderigkeit und Onettis Melancholie. Eine Bar im Buch heißt »First and Last«, der Held berührt dort erst ein »Bündel Scheine« in der Tasche, dann die Pistole unter der Achsel, er schiebt sich träge den Hut in den Nacken und denkt: »Verrecken, gut und schön, aber ich hätte es gerne nicht jetzt und nicht hier.«
Onetti, Autor von elf Romanen und knapp fünfzig Erzählungen, war ein Pionier der literarischen Moderne. Erst rund zehn Jahre nach der Erschaffung von Santa María meldeten sich die heute berühmten Autoren des »Booms«; Onetti hat sie beeinflusst, geprägt, verunsichert: Fuentes, Cortázar und García Márquez, sie alle priesen den Sprachmagier vom Silberstrom. Für Augusto Roa Bastos war er der »schlechthin klassische Schriftsteller« des Subkontinents.
Der Peruaner Mario Vargas Llosa ist diesem Herrn Onetti zum ersten Mal an einem Junitag des Jahres 1966 begegnet, auf einem PEN-Kongress in New York. Hochfahrend hatte er sich den Uruguayer vorgestellt, doch er erlebte ihn nur schüchtern, in sich gekehrt. »Unter seiner Barschheit verbarg sich ein höchst verletzlicher Mensch.« Vargas Llosa schätzte den Kollegen schon damals als den »eigentlichen Meister«; jetzt hat er ihm einen großen Essay gewidmet.
Die letzten neunzehn Jahre seines Lebens verbrachte der Cervantes-Preisträger von 1980 in Madrid. Auf späten Aufnahmen sieht man ihn im Bett, rauchend, trinkend, lesend. Am 31. Mai 1994, einen Tag nach seinem Tod, druckte El País zwei weitere Bilder des Künstlers – ein Foto auf der Titelseite und eine Metapher, an die wir gern glauben wollen: »Onetti geht zurück nach Santa María.«
Juan Carlos Onetti: Für diese Nacht. Roman. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. 230 S., geb., 22,80 €.
Mario Vargas Llosa: Die Welt des Juan Carlos Onetti. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. 223 S., geb., 24,80 €.
Beide Bücher erschienen im Suhrkamp-Verlag.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
Berlin befindet sich im Wandel. Die damit einhergehenden Veränderungen sehen die einen als unvermeidliche und positive Stadtentwicklung. Andere verstehen diesen Prozess als Bedrohung. Investoren, die vom Berliner Charme profitieren möchten, werten ganze Viertel auf: Die Mieten steigen, Clubs werden rausgeklagt und am Ende steht eine ausgetauschte Mieterschaft.
Preis: 60,00 €
Preis: 7,95 €
Werbung:
Werbung: