Martin Kaul, dpa
Der Ort wirkt verwegen, die Kulisse hat Eigenart. Abseits von Berlins Mitte, hinter verfallenden Industriebrachen und morbidem Charme, liegt verlassen eine der verborgensten Kulturbaustellen der Hauptstadt: Das frühere DDR- Rundfunkhaus an der Nalepastraße im Stadtteil Oberschöneweide. Einstmals war das der Ort, von dem die überregionalen Radiosender der DDR ins Land funkten, heute ist es ein Treffpunkt für Musiker aus aller Welt.
Weil die Akustik in den Studios des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes legendär ist, nahmen schon Künstler wie Daniel Barenboim, Cecilia Bartoli, Sting, A-ha und Nena dort ihre Platten auf. Junge Künstler und Tonproduzenten entdecken derzeit das Ambiente für sich neu. Das alte Funkhausgelände ist ein Zentrum für Hörspielproduzenten, Klassikpianisten und Nachwuchs-Rock'n'Roller.
Der Weg hierher ist beschwerlich, eine Bushaltestelle fern. Und rund ums Gebäude weht der Wind durch die wild gewachsenen Wiesen an der Spree. Geschichte klingt mit: ein Stück Vergangenheit, ein Stück Vergessenheit und der Ausblick auf eine vielleicht ganz neue Zukunft.
Ingomar Leone, Sänger der Rock-Band Jetset, spielt in einem der Tonstudios seine neue Platte ein: »Die Räume hier haben eine einzigartige Geschichte und das überträgt sich auf die Arbeit«, sagt er. »Für mich zählen die Aufnahmebedingungen hier zu den besten in Europa.« Auch Heike Tauch arbeitet in einem der Studios. Die Hörspielregisseurin mischt eine Geschichte für das Deutschlandradio ab. »Die Studios bieten Raum für einen wunderbaren Klang. Ich kämpfe jedes Mal dafür, hier produzieren zu können«, sagt sie. Auch Künstler aus Australien, Großbritannien, den USA tun das.
Das Geheimnis der Akustik in den Sälen des Gebäudekomplexes ist Produkt einer Ingenieurleistung der 50er Jahre – als Architekt Franz Ehrlich gemeinsam mit dem Rundfunktechniker Gerhard Probst das funktionale Rundfunkgebäude entwarf. Im amerikanischen Sektor war der Radiosender RIAS 1946 auf Sendung gegangen, aus der Nalepastraße wurde ab 1952 Ost-Programm gesendet. Heute schätzen Künstler gerade den konventionellen akustischen Ausbau.
Nach einer skandalbeladenen Nach-Wende-Phase mit undurchsichtigem Geschäftsgebaren übernahm 2006 eine internationale Investorengruppe das Gelände. Neben den kleinen Tonstudios und Proberäumen feiert insbesondere der berühmte Große Sendesaal 1 im Funkhaus eine Renaissance. In dem hölzernen Saal mit 900 Quadratmetern spielten etwa das Filmorchester Babelsberg und die Berliner Philharmoniker. Heute wird er für Tonaufnahmen und Veranstaltungen gemietet. Die Holzdielen sind abgetreten, die Akustik vom Wandel der Zeiten unberührt.
Geht es nach den Plänen der Investoren, soll aus dem Funkhaus Nalepastraße ein international sichtbares Zentrum der Musik- und Medienwirtschaft werden. Zuletzt warb der Besitzer dafür, die Berliner Schauspielhochschule »Ernst Busch« hier anzusiedeln – allerdings erfolglos. Vielen der Musiker, die in der abgelegenen Künstlerschneise aktiv sind, reicht die exklusive Abgelegenheit aber schon jetzt.
»Das Spannende entsteht ja gerade durch die Möglichkeit, hier im Schutz der Abgeschiedenheit professionell arbeiten zu können«, sagt einer von ihnen. Er schlendert durch einen langen, verlassenen Flur, von dessen Wänden gelbe Farbe blättert und trommelt mit seinen Fingern einen Takt auf seine Jeanshose. Sein Rhythmus hallt durch die verblichene Vergangenheit des Raums. Und er klingt auch ein wenig nach Zukunft.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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