Von Klaus Höpcke
04.07.2009

Leser, Lizenzen und alte Leiern

Das doppelte Deutschland (6): Vorbehalte, Akzeptanz und Kooperationen in der Bücherwelt

In diesem Jahr ist der 60. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. ND begleitet das Doppeljubiläum mit einer monatlichen Artikelserie.
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Anlässlich einer Eröffnung der Ausstellung unserer Bücher in Köln kam es am 7. September 1989 zu einer Begegnung Buchschaffender beider Länder mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker in der Villa Hammerschmidt. Es ist nicht nostalgische Verklärung, sondern Feststellung einer Tatsache, wenn ich mich erinnere, wie hoch der Bundespräsident das Schaffen von DDR-Autoren würdigte und wie er die in Verlagswesen und Buchhandel Tätigen ermunterte, ihr Wirken zum besseren Verständniss der Menschen füreinander weiterzuführen.

Im Guten wie im Bösen

Die Palette der in DDR-Verlagen publizierten westdeutschen Literatur enthielt Namen wie Böll und Koeppen, Kaschnitz und Rinser, Lenz und Grass; Max von der Grün, August Kühn und Arno Schmidt; Härtling, Hochhuth, Walser, Hildesheimer; Enzensberger und Rühmkorf, Kipphardt und Kroetz, Valentin und Geißler, Engelmann und Lattmann, Wallraff und Elsner, Delius und Wohmann, Chotjewitz, Jens und Lettau; Degenhardt und Loriot, Kittner und Süverkrüp, Fuchs, Hofmann und Timm. Johnson war vom Aufbau-Verlag nach langer Verzögerung – kritikwürdig wie zuvor die Verzögerung der Herausgabe des Werkes von Günter Grass – endlich angekündigt. In BRD-Verlagen wiederum erschienen Werke der DDR-Literatur. Zusammen mit wissenschaftlichen und Fachbüchern ergab sich eine Ausgewogenheit in der Zahl der Titel, die wir gegenseitig per Lizenz veröffentlichten. Dass dennoch vom Bedarf an westdeutschen Büchern in der DDR ein beträchtlicher Teil unbefriedigt blieb, hatte mit der Disproportion in der Auflagenhöhe zu tun, aber auch mit der Unterschätzung der in westdeutschen wissenschaftlichen Publikationen gewinnbaren Erkenntnisse.

Wie die Behandlung von ostdeutscher Literatur in Westdeutschland oftmals ursächlich mit der jeweils tonangebenden politischen Haltung gegenüber der DDR verknüpft war, konnte man im Guten wie im Bösen während der 70er Jahre beobachten. In Korrespondenz zu den von Willy Brandt in Gang gebrachten Entspannungsbemühungen bemerkten wir in der ersten Hälfte des Jahrzehnts eine Zunahme an Aufgeschlossenheit für spezifisch Sozialistisches. An einzelnen Universitäten konnte man in jener Zeit den akademischen Grad eines Doktors erwerben, wenn man über Eigenheiten und Eigenständigkeit der Literatur forschte, die sich in der DDR herausgebildet hatte. Zum Ende des Jahrzehnts hin, gewissermaßen als Vorboten der Rechtswende, trug man verstärkt wieder die alte Leier vor, derzufolge in der DDR geschriebene Bücher nur eine Art Unterabteilung der von Autoren der BRD bestimmten gesamtdeutschen Literatur seien. Unter dem Einfluss der Teilnahme beider deutscher Staaten an den Konferenzen für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) gehörten später jedoch Kenntnisnahme und Akzeptanz einer selbstständigen DDR-Literatur für seriöse Partner auf der anderen Seite zu den Voraussetzungen gedeihlichen Miteinanders.

1981 bis 1988 übernahmen BRD-Verlage insgesamt 1304 Lizenzen von Werken der DDR-Literatur (im Jahresdurchschnitt 163). Das war etwas mehr als die Hälfte aller von der DDR nach auswärts vergebenen Belletristik-Rechte in diesem Zeitraum. Sie verteilten sich auf 120 Autoren. Dazu gehörten: Christa Wolf und Christoph Hein; Anna Seghers und Arnold Zweig, Günter de Bruyn, Franz Fühmann, Hermann Kant, Heiner Müller, Ulrich Plenzdorf, Bertolt Brecht, Willi Bredel, Jurij Brezan, Stefan Heym, Gerhard Holtz-Baumert, Benno Pludra, Brigitte Reimann, Erwin Strittmatter, Maxi Wander, Bruno Apitz, Jurek Becker, Johannes Bobrowski, Volker Braun, Fritz Rudolf Fries, Günter Görlich, Peter Hacks, Werner Heiduczek, Stephan Hermlin, Heinz Knobloch, Helga Königsdorf, Irmtraud Morgner, Erik Neutsch, Joachim Nowotny, Eberhard Panitz, Günther Rücker, Rolf Schneider, Wolfgang Schreyer, Helga Schütz, Max Walter Schulz, Harry Thürk, Alfred Wellm.

Ideales und Reales

In Kooperation zwischen Berliner Aufbau- und Frankfurter Suhrkamp-Verlag kam es zur Großen Gemeinschaftsausgabe der Werke Bertolt Brechts. Neben einem solchen überragenden Ost-West-Editions-Vorhaben, in dem zwei deutsche Bücherwelten gleichsam in eine verschmolzen, gab es jährlich 800 Kooperationsvereinbarungen zwischen Verlegern von hüben und drüben. Nimmt man andere Verbreitungsformen wie Auflagen- und Sortimentsexport hinzu, gelangt man zur Feststellung, dass in der BRD Mitte der 80er wesentlich mehr Werke der ostdeutschen Literatur bekannt waren als früher.

Zwar wäre es falsch, sich über den Umfang der Verbreitung übertriebene Vorstellungen zu machen. In gewisser Weise gilt dieser Vorbehalt bis heute fort. Doch immerhin wurden bewusster als vorher Vorzüge von hier entstandener Literatur wahrgenommen wie die intensivere Beteiligung der Autoren an der Auseinandersetzung mit der Gefahr nuklearer Kriege und mit ökologischen Erfordernissen. Auch fand der zunehmende Anteil von Frauen am Gesamtkunstwerk DDR-Literatur – so Brigitte Reimann, Christa Wolf, Irmtraud Morgner – große Beachtung und Achtung. Argwohn rief es hingegen hervor, als im Gefolge verlegerischer und politischer Zwistigkeiten um Monika Marons »Flugasche« die Veröffentlichung dieses Buches in der DDR seinerzeit unterblieb. Einer der Anlässe oder Gründe, die Erich Loests Entfremdung gegenüber dem Staat härter werden ließen, bestand im unfruchtbaren Hin und Her um die Nachauflage seines Romans »Es geht seinen Gang«: erst Versuch der Unterbindung der Nachauflage, dann deren verzögertes Erscheinen nach Verlagswechsel.

In der Wirkung der Literatur des Landes, auswärts wie zu Hause, hing viel davon ab, wie diese Literatur mit der eigenen Gesellschaft umging: Wie sah sie die Entwicklung während vergangener Jahre und wie das Verhältnis von Idealem und Realem in der Gegenwart des sozialistischen Versuchs? Wer nach Antworten suchte, fand widersprüchliche Auskünfte. Das Werk Volker Brauns bot und bietet ein anschauliches praktisches Beispiel poetischen Eingriffs in gesellschaftliche Veränderungen und des konfliktreichen zähen, sozialistische Überzeugungen nicht aufgebenden, sondern bekräftigenden Ringens, die Texte publik zu machen. Ähnliches war in Franz Fühmanns Bemühen zu spüren, die Wirkung humanistischer Grundsätze im alltäglichen Dasein und in der Weltsicht zu bewahren, auszuweiten und zu vertiefen.

Bei der Lösung solcher Probleme der Kritikfähigkeit unserer Literatur spielten eine besondere und bedeutende Rolle Romane und publizistische Äußerungen Stefan Heyms. Das Besondere bestand bekanntlich darin, dass er, dessen Werke über Jahre von DDR-Verlagen in mehr als anderthalb Millionen Exemplaren herausgebracht worden waren, später einige seiner historischen Romane mit aktuellem Bezug und Bücher mit unmittelbarem Gegenwartsstoff entweder zunächst nicht oder bis zuletzt nicht in der DDR veröffentlichen konnte. Das gehört zu den trüben und betrüblichen Seiten der auch von mir zumindest mit zu verantwortenden Literaturpolitik jener Zeit. Es stimmt zwar, dass wir Mitte der 70er Jahre dann doch den »König David Bericht«, den Lassalle-Roman »Uncertain Friend« und »Die Schmähschrift« in DDR-Verlagen ediert haben. Und es stimmt auch, dass sich Kulturminister Jochen Hoffmann und sein für Literatur zuständiger Stellvertreter einig waren: Stück um Stück, Buch um Buch erscheint in der DDR auch das von Heyms Gesamtwerk, was noch fehlte. Aber, Ironie und Tragik: »Fünf Tage im Juni«, »Schwarzenberg« und »Collin« kamen hier so ziemlich synchron heraus mit dem Ende des Staates, zu dessen Gesundung sie früher bei größerer Verbreitung durch ihre Kritik hätten beitragen können. Dass Werner Bräunig in seiner Arbeit am »Rummelplatz« behindert und Wolfgang Hilbigs harte Prosa über harten Arbeiteralltag in der DDR nicht verlegt wurde, zeugte von einer Beschränktheit, die unsere Gesellschaft geistig ärmer machte.

Es kam bei der Aufnahme von Werken aus der DDR in Westdeutschland auch zu Missverständnissen. So, wenn einige Kritiker die gewollt naive Sicht in Strittmatters Romanen nicht erkannten (oder nicht zu erkennen vorgaben?) und dem Autor »intellektuelle Dürftigkeit« nachzusagen versuchten. Oder, wenn in Stellungnahmen zu Hermann Kants Erzählungen angemerkt wurde, die von ihm aufgegriffenen Konflikte seien »eine Nummer zu klein«. Wo sich doch in diesen Geschichten – um es mit den Worten des französischen Germanisten Paul Laveau zu sagen – »Kleines und Großes deckt, wie geringe Vorfälle auf grundsätzlichere Probleme schließen lassen«!

Das Kleine und das Große

In schroffem Gegensatz zu den hier skizzierten Autoren- und Verlegerleistungen, Buchhändlererfahrungen und Empfehlungen eines Bundespräsidenten stand, was die fälschlich als »Treuhand« bezeichnete Fremdhandanstalt im DDR-Buchwesen angerichtet hat, als der Beitritt der DDR zur BRD vollstreckt war. Christoph Links berichtet darüber in seinem Buch »Das Schicksal der DDR-Verlage«. Was das Schicksal der aus unseren Buchhandlungen und Bibliotheken nach 1989 entfernten, zum Teil auf Müllhalden »entsorgten« DDR-Ausgaben von Werken der Franzosen Aragon und Gides, der Nordamerikaner Faulkner, Steinbeck und Updike, des Kirgisen Aitmatow, der Russen Gorki, Granin und Trifonow, der Deutschen Apitz, Hacks, Neutsch, Seghers, Schreyer und Wellm sowie hunderter weiterer Autoren aus In- und Ausland angeht, so kann darüber der Pfarrer Martin Weskott von der niedersächsischen Sankt-Johannes-Gemeinde von Katlenburg die zuverlässigste Auskunft geben. Er hat eine Aktion für die Rettung so von Vernichtung bedrohter Bücher in Gang gebracht und sich damit den Namen »Bücherpfarrer« verdient.

»Bücherminister« Klaus Höpcke, Jg. 1933, war Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre Mitglied des Redaktionskollegiums des ND, 1973 bis 1989 stellvertretender Minister für Kultur in der DDR und in den 90er Jahren PDS-Lantagsabgeordneter in Thüringen.

Lesen Sie in vier Wochen: Deutsche Sportwelten (Klaus Huhn)

Bereits erschienen: Keine Stunde Null (Norbert Podewin), gesellschaftspolitische Ziele (Günter Benser), die Wirtschaftssysteme (Jörg Roesler), die Verfassungen (Erich Buchholz) und deutsche Filmwelten (Günter Agde).

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