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Von Jürgen Holz 04.07.2009 / Sport

Vorletzte Chance, auf WM-Zug zu springen

Leichtathletik: Am Wochenende deutschn Meisterschaften im Ulmer Donaustadion

Die deutschen Leichtathleten biegen genau sechs Wochen vor Beginn der Weltmeisterschaften in Berlin sozusagen auf die Zielgerade ein. Denn im schmucken Ulmer Donaustadion geht es an diesem Wochenende bei den deutschen Meisterschaften um 38 Einzel- und vier Staffeltitel und zugleich für einige Athleten noch um die Erfüllung der vom Deutschen Leichtathletik-Verband festgelegten WM-Norm. Da es in einigen Disziplinen sogar mehr als drei Athleten gibt, die die Norm erfüllt haben, wird es in Ulm zu einem harten Gerangel um die Berlin-Tickets kommen.

Höchstens 90 im WM-Team

Eigentlich ist Ulm die letzte Station auf dem Weg nach Berlin, aber der DLV hat noch ein Hintertürchen offen gelassen mit der DLV-Gala am 2. August in Wattenscheid. Dort ist dann wirklich die allerletzte Chance für Nachzügler, um noch auf den schon fahrenden WM-Zug aufzuspringen. Ungeachtet dessen soll am Dienstag die deutsche WM-Mannschaft in Berlin öffentlich präsentiert werden. »Bisher stehen deutlich über 60 Normerfüller auf meinem Zettel«, so DLV-Sportdirektor Jürgen Mallow. »In Ulm werden noch einige dazukommen, aber nicht so viele. 80 bis 90 Starter sind die realistische Obergrenze. 95 Athleten wie bei den WM 1995 in Göteborg werden es wohl nicht.« Mallow sagt aber auch: »Am Ende zählen die Medaillen, nicht ein Rekordaufgebot.«

Es ist sicher gewagt, in den allgemeinen Tenor dieser Tage einzustimmen, der da heißt: Ulm macht die Weltmeister! Aber für den Hochsprung mit der Topfavoritin Ariane Friedrich (Frankfurt) oder den Speerwurf mit der einzigen Olympiamedaillengewinnerin von Peking 2008, der Bronze-Werferin Christina Obergföll (Offenburg), könnte dieser Slogan durchaus zutreffen.

Die 25-jährige Ariane Friedrich, seit dem ISTAF vor drei Wochen in Berlin mit 2,06 m deutsche Rekordhalterin, hat auf den Start bei der zweiten Golden-League-Station gestern Abend in Oslo verzichtet, um heute in Ulm Anlauf zu ihrem vierten Freilufttitel nach 2004, 2007 und 2008 zu nehmen. Auch die 27-jährige Christina Obergföll, mit 68,59 m derzeit Weltbeste in dieser WM-Saison, will ihren Meistertitel verteidigen. Sie muss aber mit der Kampfansage der vor dem Karriereende stehenden Europameisterin Steffi Nerius (Leverkusen) rechnen.

Auch Diskuswurf-Vizeweltmeister Robert Harting (Berlin), mit zweitbester Weite seiner Laufbahn von 68,09 m Dritter der Jahresweltrangliste, will fernab der Diskussion um seinen Trainer Werner Goldmann mit einer Topweite weiteres Selbstvertrauen tanken. Goldmanns Arbeitsgerichtsprozess wegen seiner Entlassung als Bundestrainer ob seiner DDR-Dopingvergangenheit war zuletzt erneut vertagt worden.

Viel Dramatik zu erwarten

In etlichen Disziplinen zeichnet sich viel Dramatik ab. So steht seit Donnerstag fest, dass im Stabhochsprung der 31-jährige Olympiasechste Danny Ecker (Leverkusen) durch den Startverzicht in Ulm wegen muskulärer Probleme im Oberschenkel praktisch seine letzte WM-Chance verspielt hat. Oldtimer Tim Lobinger (München), bislang mit 5,63 m noch ohne WM-Normerfüllung (5,70 m), springt in Ulm um seine letzte WM-Startchance. Steht der 36-jährige – im Freien der erste und einzige deutsche 6-m-Springer (1997) – am Ende mit leeren Händen da?

Und was hat die dreifache Diskuswurf-Weltmeisterin Franka Dietzsch (Neubrandenburg), zwischen 1997 und 2007 zehnmal deutsche Meisterin, noch drauf? Die 41-Jährige, die zuletzt in Schönebeck mit 62,50 m leichten Formanstieg nachwies, erhielt für die WM eine Wildcard vom Weltverband IAAF, aber 62 m liegen klar unter ihrem Anspruchsniveau.

Andere wiederum stehen vor Seriensiegen: Kugelstoßerin Nadine Kleinert (Magdeburg) vor ihrem sechsten und Hammerwurf-Weltmeisterin Betty Heidler (Frankfurt) vor ihrem fünften Titel in Serie.

Einige prominente Athleten fehlen noch völlig im WM-Team. Dazu gehört auch Weitspringer Sebastian Bayer (Bremen), der im März in Turin mit seinem spektakulären 8,71-m-Sprung Hallen-Europameister wurde, aber im Freien nicht über 8,02 m hinaus kam (A-Norm 8,15 m, B-Norm 8,05 m).

Bitteres Karriereende?

Um ihr letztes Karriereziel kämpfen Nils Schumann (Erfurt) neun Jahre nach seinem 800-m-Olympiasieg in Sydney und Dreispringer Charles Friedeck (Leverkunsen) zehn Jahre nach seinem WM-Titelgewinn in Sevilla. Der 31-jährige Schumann (Bestzeit 1:44,16 min von 2002) ist gegenwärtig mit 1:47,47 min als Vierter der DLV-Rangliste ein gutes Stück von der WM-Norm (1:45,40 min) entfernt. Und dem 37-jährigen Friedek fehlen 13 Zentimeter an der einmal zu erfüllenden A-Norm, aber nur noch drei Zentimeter an der B-Norm, die zweimal erreicht werden muss – womit der Fall eintreten könnte, dass Friedek noch eine letzte Chance Anfang August in Wattenscheid bekäme.

Übrigens: In Ulm sollen die Besten näher an die Fans rücken. Deshalb werden erstmals die Sieger mitten zwischen den Zuschauern geehrt. Unmittelbar nach der Zeremonie auf den Zuschauerrängen in der Startkurve haben die Fans dann die Gelegenheit, sich ihre Autogrammwünsche zu erfüllen. Womöglich von künftigen WM-Medaillengewinnern?

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