Von Hans-Dieter Schütt
04.07.2009

Was ist faul?

Immer wieder. Aber die Wiederholung macht's. Berlins FDP-Spitzenpolitiker Lindner schlägt eine Hartz-IV-Kürzung vor, denn »extrem viele Menschen« in Berlin »haben keine Lust zu arbeiten«. Extrem viele!

Dieser Ton macht Karriere. Vor einiger Zeit mahnte Arbeitgeber-Chef Dieter Hundt die Politik, den »Selbstreinigungskräften« des Marktes nicht »unproduktiv entgegenzuarbeiten«. Den Freien, Fleißigen stellt die politische Psychologie mit einem Oberton, der das Unten verachtet, jene Abhängigen und Untätigen gegenüber. So festigt sich der Eindruck, Letztere seien vorrangig nicht Produkte von Verhältnissen, sondern listige, freche Nutzer ihrer eigenen Unbeholfenheit am Markt. Gegen die Hochkultur der durchtrainierten Egopraktiker steht Faulheit, aber die gefühlte Wahrheit denkt wohl schon: Fäulnis. Also ist Säuberung nötig, und Aufräumen. In Stadtzentren und mit übertriebener Wohlfahrt.

Bezeichnenderweise gibt es gerade jetzt, in Konzeptionen von Fernsehsendern, steigendes Kunden-Interesse an jenen, die arm dran sind an gesellschaftlicher Teilhabe. Lust am Leben dürfen sie also immerhin daraus beziehen, die Erfolgreichen per Bildschirm anstaunen zu dürfen. Hartz IV kürzen? Böse. Selektion hat aber auch ihre gnädigen Seiten.

Da ist also was ganz anderes – faul.

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