Von Gerhard Zwerenz
04.07.2009
Gastkolumne

Merkels Medaillen

Der 1925 geborene Schriftsteller desertierte im August 1944 von
Der 1925 geborene Schriftsteller desertierte im August 1944 von der Wehrmacht.

Vor jedem Krieg muss die Ordensvergabe gesetzlich neu geregelt werden. Das zählt zum strategischen Fortschritt der Kultur. Die Eisernen Kreuze verbürgten Kontinuität vom Eisernen Kanzler Bismarck, der 1871 Frankreich besiegte, über Kaiser Wilhelm, der von 1914 bis 1918 tapfer aus der hohlen Hand Eiserne Kreuze an willige Schlachtopfer verteilte, bis zum bitteren Ende von 1945, als der deutsche Führer dem letzten HJ-Helden lobend in die Wange kniff.

Danach begann die furchtbare ordenslose Zeit. Keine neuen Tapferkeits-Ehrenzeichen. Wer eines aus seinem alten Sortiment tragen wollte, musste zur Feile greifen. Dem Ex-Major Erich Mende baumelte sein Ritterkreuz ohne Hakenkreuz unterm Adamsapfel. Auch die Bundesluftwaffe durfte sich mit Kreuzen schmücken, ohne Haken, ganz wie im glorreichen ersten Weltkrieg, der auch schon verloren ging, das walte Versailles.

Das Kreuz ist offizielles Hoheitszeichen der Bundeswehr, die neugeregelte Ordensfrage aber stieß jetzt auf Definitions-Schwierigkeiten bei Volk und Führungselite. Unklar war: Ist der Krieg in Afghanistan einer oder keiner? Sind Tote Gefallene oder Verkehrsopfer? Alte Kameraden samt Bundeswehr-Reservistenverband votierten vaterländisch fürs traditionelle EK, das es im zweiten Weltkrieg über zwei Millionen mal für die ewige Tapferkeit gab.

So originalgetreu wollte man’s nicht. Also schuf man phantasiebeschwingt ein »Ehrenkreuz für Tapferkeit«, das für »gefährliche Einsätze« verliehen wird. Das trifft auf unsere Bundeswehr-Mädels und -Jungs in Afghanistan zu, wo schon viele Eindringlinge aus dem Land getrieben wurden. Zuletzt die Sowjetunion, die auf Beihilfe der DDR-NVA verzichtete, während die USA ihre Bundeswehr-Kameraden nicht entbehren möchten. Weshalb unsere Ordensindustrie viel zu tun haben wird.

Am 6. Juli soll, wie »Bild« berichtet, Bundeskanzlerin Merkel die ersten Tapferkeitsmedaillen an vier Soldaten verleihen, die sich im Oktober '08 nach einem »Selbstmord-Anschlag bei Kundus … um ihre Kameraden gekümmert hatten. Bei dem Attentat waren zwei deutsche Soldaten gefallen und fünf afghanische Kinder getötet worden.« Da können wir natürlich nicht ruhmlos und feige abziehen wie 1988 die sowjetische Armee, diese weicheiernden Bolschewiken.

In der Truppe gibt’s geteilte Ansichten. Luftwaffenpiloten, die gegen Jugoslawien dabei waren, wollten schon damals öffentlich geehrt werden, wie die »Süddeutsche Zeitung« berichtete. Ein Oberstleutnant a. D. klärte im Juli 2006 in der FAZ kategorisch die Lage: »Zum Wesen und Selbstverständnis des Soldaten gehört der Krieg und damit der Kampf.« Und: »Denn der Soldat ist sui generis kein bewaffneter Sozialarbeiter.« Da wissen wir doch, woran wir sind, egal, was diverse Kriegsminister beschönigen. Oder Kanzlerin Merkel, die ja nur Soldaten auszeichnet, »die sich um ihre Kameraden gekümmert hatten« – Sozialarbeiter also.

Unter uns Weltkriegs-Landsern hieß es damals: Kameraden gibt’s nicht mehr, der letzte starb in Stalingrad. Heute führt Nietzsches Satz von der ewigen Wiederkehr des Gleichen zur Freiheitsverteidigung an den Hindukusch, wie Kaiser Wilhelm seine Hunnen im Jahr 1900 gegen den Boxeraufstand nach China befahl. Einigkeit und Recht und Freiheit sind uns immer ein paar schöne Tapferkeitsmedaillen wert.

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