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Von Anselmus Schreck 09.07.2009 / Berlin / Brandenburg
Brandenburg

Ein Schweinestall als Festspielhaus

»Dorf macht Oper« ist jeden Sommer im Prignitz-Dorf Klein Leppin angesagt

Geht es jetzt los?
Geht es jetzt los?

Der Zug hat Verspätung. Seit sechs Stunden steckt Monostatos am Berliner Hauptbahnhof fest. »In dieser Zeit kommt man bis Amerika, nicht aber nach Klein Leppin«, ruft Christina Tast, nachdem sie am Telefon gerade erfahren hat, dass ein »Personenschaden« der Grund für die Verspätung sei. Wahrscheinlich hat sich mal wieder einer vor den Zug geworfen. Das kommt häufiger vor in der strukturschwachen Prignitz.

Auf den meisten Karten ist Klein Leppin gar nicht verzeichnet. Die Mehrzahl der Häuser wurde in den 1950er Jahren für Neubauern gebaut. Wie ausgestorben wirkt die Dorfstraße in der Mittagshitze. Es riecht nach Heu. Irgendwo kräht immerhin ein Hahn. Vor 15 Jahren zog Christina Tast mit Mann Steffen her. Sie ist Innenarchitektin, er Musiker im Rundfunksymphonieorchester Berlin. »Wir wollten aus der Stadt raus und haben gezielt gesucht.« Das Dorf hat den Eheleuten gleich gefallen. In einem alten Schafstall fanden sie ihr Zuhause.

In dem Schafstall hat mit ein paar Hof-Konzerten für Nachbarn alles begonnen. Mit der Zeit wurden die Konzerte größer, 2003 der Verein »Festland« gegründet. »Wir wollen neue Orte erobern, mit neuen Ideen«, sagt Tast. »Dorf macht Oper«, heißt es deswegen jetzt jeden Sommer. Ein ehemaliger Schweinestall ist das Festspielhaus und soll Zentrum des Dorfes werden. So wie es früher die Kirche einmal war, die es in Klein Leppin aber nie gegeben hat. Ob im gegründeten Opernchor, oder hinter der Kaffeetheke. Das halbe Dorf macht mit. Jeder tut, was er kann. Die Oper, bei der alle Künste vereint sind, bietet ideale Voraussetzungen. Die Innenarchitektin hilft beim Bühnenbild, ihr Mann leitet den Chor. Nur Orchester und Solisten kommen aus Berlin. Wenn sie kommen, und nicht wie Monostatos aus Mozarts Zauberflöte am Hauptbahnhof hängen bleiben.

Den »Freischütz« (2005) haben sie aufgeführt, »Romeo und Julia« (2006) und den »Sommernachtstraum« (2007 und 2008). Im vergangenen Jahr kamen 600 Besucher. Dieses Jahr inszeniert Regisseurin Mira Ebert, die sonst in großen Häusern wie Hamburg oder Stuttgart engagiert ist, die »Zauberflöte«.

Aus Platzmangel findet die Aufführung erstmals nicht im Schweinestall statt, für dessen Sanierung übrigens noch Förderer gesucht werden. Nachdem die Besucher von Hörstationen empfangen worden sind, die Dorfkinder in Workshops erarbeitet haben, wandeln sie während der Aufführung vom Festspielhaus auf die Festwiese. Einen Stuhl muss jeder selbst mitbringen. Seit Wochen laufen die Proben. Jetzt geht es in die heiße Phase. Morgen gibt es eine öffentliche Generalprobe, am Sonnabend die Aufführung.

Die Stille der Dorfstraße weicht am Ortsrand fröhlichem Tumult. Klavierakkorde tönen durch die Luft, hin und wieder der Fetzen einer Arie. Hinter der baufälligen Mühle, da wo es rechts zum Feriendorf mit seinen Bungalows aus Holzpappe geht, öffnet sich zwischen Erlen und Robinien eine Lichtung. Lindenduft liegt in der Luft. Menschen tummeln sich um zwei Bühnen. Kinder huschen durch einen roten Vorhang. Ein Chor sitzt im Kreis. Unter einem Sonnensegel steht ein Klavier.

Etwas abseits stützt sich Gerhard Lenz auf einen Rechen. Der 69-Jährige lebt seit 1986 in Klein Leppin. Eigentlich ist er Rentner und muss nichts mehr tun, wie er sagt. In der LPG »Vereinte Kraft« habe er gearbeitet. 184 Angestellte gab es mal. Jetzt sind es nur noch elf. »Verwaltung mitgezählt«, brummt Lenz, der einer von denen war, die nach der Wende gehen mussten. Beim Opernprojekt ist er neu dabei. »Ich wohne hier, hab’ ich gedacht, also schau ich mal vorbei.« Das Heu auf der Wiese hat er zusammengeharkt. »Früher fanden hier Dorffeste mit Blasmusik, Tanz und Modenschau statt.« Nach 1989 war auch damit Schluss. Das mit der Oper findet Lenz gut. Es passiert hier ja sonst nichts. »Wir sind nur noch alte Leute. Die Jungen ziehen weg«, sagt der gelernte Rinderzüchter. Gerade mal 83 Einwohner gebe es noch. Christina Tast interveniert: »Mittlerweile nur noch 70.«

Mittlerweile ist Sarastro aus Berlin eingetroffen. Weil der Zug nicht kam, nahm er das Auto. »Ja, eine tolle Sache ist das«, findet Sarastro alias Rüdiger Schreiber, der eigentlich im Chor der Deutschen Oper singt. »Hier habe ich mal die Chance, mich in einer großen Rolle auszuprobieren. Das reizt mich. Auch, wenn es kein Geld gibt.« Schauspieler Vivian Lüdorf stimmt ein: »Klar, wenn Hollywood gerade angerufen hätte, hätte ich absagen müssen. Aber so ließ es sich machen. Und ich mach es gern.«

Viel unmittelbarer sei die Arbeit mit den Menschen im Dorf, erzählt Steffen Tast, der den Taktstock kurz mal aus der Hand gelegt hat, um eine Tasse Kaffee zu trinken. »Alle sind mit Feuereifer dabei. Wenn ich nach der Arbeit mit meinem Orchester von Berlin hier mit der Bahn rausfahre und abends mit dem Chor probe, ist das richtig erfrischend.« Übrigens: Ist Monostatos schon eingetroffen?

»Die Zauberflöte«, Klein Leppin, Sa. 17 Uhr, Karten-Tel.: (03 87 87) 707 44

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