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Von Michael Müller 11.07.2009 / Reise

Auf den Schmied soll man hören!

Kroatiens Binnenland – imposante Fassung für die »Perle der Adria«, die kroatische Küste

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Schmied Filipasic aus Durdevac: Hufeisen und Sprüche

Natürlich ist die kroatische Adria nach wie vor der touristische Renner dieses Balkanlandes. Mit ihrer Küstenlinie von rund 1800 Kilometern, die sich von der Halbinsel Istrien im Norden, nahe Sloweniens, über die Primorje mit Rijeka, Senj bis nach Dalmatien mit Split, Dubrovnik und noch weiter südlich bis an die Grenze Montenegros erstreckt. Mit ihren feinen Stränden, alten Städten und 1250 Inseln – alles zusammen seit 2004 von der kroatischen Regierung gegen so manchen Widerstand von Anrainerstaaten zum nationalen ökologischen Schutzgebiet sowie zur kontrollierten Fischfangzone erklärt. EU wie ADAC sprechen inzwischen vom »saubersten Teil des Mittelmeers«.

Ein Doktor als Bürgermeister h.c.

Dieser natürlichen Anziehungskraft auf Urlauber ist sich selbstredend auch Antun Tucic bewusst. Auch dessen, dass das Kroatienbild deshalb für viele Ausländer nicht nur von der Adria geprägt ist, sondern an ihr endet. »Schade für beide Seiten. Für die Touristen, da sie zwar unser Meer, aber kaum unser Land kennen. Und auch für uns hier im Binnenland, dass wir ihnen touristisch bislang noch nicht so ganz richtig nahe bringen können«, meint Dr. Tucic. Er ist von Beruf Arzt und Bürgermeister h.c. des Dorfes Stara Kapela. Das liegt weitab der Adria am Fuße der Pozeska Gora, in Slawonien, dem nordöstlichen Teil Kroatiens zwischen den Flüssen Drau, Donau, Sava und Ilova.

Stara Kapela ist, wie Tucic es nennt, »ein ethnografisches Öko-Dorf«. Der 53-Jährige ist hier geboren, hat seine Arztpraxis im 40 Kilometer entfernten Slavonski Brod und begann vor fünf Jahren gemeinsam mit einem Heimatfreundeskreis die Verödung des Ortes zu stoppen. »Das musste einfach sein«, sagt er. »Nicht nur, weil meine Familie hierher stammt.« Der Ort sei seit 1275 urkundlich erwähnt, also quasi Geschichtszeugnis jahrhundertelanger ungarischer, osmanischer, habsburgischer Herrschaft sowie schließlich kroatischer nationaler Wiedergeburt. »Gerade jetzt, wo wir erstmals sogar ein eigener Staat sind, durfte das Dorf nun tatsächlich nicht zerfallen.«

Das sah letztlich sogar die zuständige Kreisverwaltung ein. Und so konnten 14 typische kroatische Bauernhäuser und Gehöfte gerettet, restauriert und mit 17 ständigen Bewohnern belebt werden. Die betreiben kleine Hauswirtschaften und ländlichen Tourismus: unten Kühe, oben Zimmer. Rund 80 Betten werden angeboten, wenn gewünscht mit Vollpension, die Schenke hat 120 Plätze. Das Landleben ist bis hin zum Kalkbrandofen auf Holzbasis alltäglich echt. Einige eigentlich saisonale ethnografische Schmäckerchen gibt es je nach Wunsch der Gäste das ganze Jahr über. So lässt sich die Weihe des Mostes zum Wein im Winter ebenso buchen wie das landestypische Maiglöckchen-Mütterchen im Herbst dann mit Astern kommt.

Folklore ähnlicher Art, nur dem Ort gemäß ein bisschen weltgeschichtlicher und viel theatralischer, gibt es ebenso etwas weiter östlich in der Festung von Slavonski Brod (Schwesterstadt vom bosnisch-serbischen Bosanski Brod am anderen Sava-Ufer). Ein etwas sehr operettenhafter Festungskommandant gibt Passierscheine aus, k.u.k-Husaren jagen erst türkische Spione und dann Böller in die Luft. Auf einer kleinen Bühne verzehrt sich eine unglückliche islamische Prinzessin nach einem ebensolchen christlichen Offizier, über dem der Geist des erst regulärmilitärischen, später Partisanen-Oberst Franz Freiherr von der Trenck schwebt. Das alles wird als »living history« angepriesen und begeistert vor allem Kinder.

»Obwohl von den Habsburgern zwischen 1715 und 1780 als Grenzbastion gegen das Osmanische Reich für Jahrhunderte geplant und gebaut, musste sie wegen der dann neuartigen Waffen- und Belagerungstechnik schon Mitte des 19. Jahrhunderts außer Dienst gestellt werden«, erzählt Celsko Firkovas. Er ist gelernter Transportingenieur, Hobbyhistoriker und nicht zuletzt als Freiwilliger im Heimatkrieg, wie der mit Serbien (1991 bis 1995) in Kroatien genannt wird, auch militärisch geschult. Das Fort verfiel zunehmend, die restlichen Gebäude wurden erst lange von der jugoslawischen Volksarmee, später kurzzeitig auch von der kroatischen als Kaserne benutzt.

Ende der 90 Jahre begann die denkmalschützerische Restaurierung. Inzwischen sind nicht nur die hektarweiten, sternförmig fundamentierten Bastionen zu bestaunen, zu deren Bau einst die örtliche kroatische Bauernschaft jahrzehntelang zu Tausenden gepresst worden war. Es gibt auch Cafes, Restaurants, Galerien, ja auch ein altsprachliches Gymnasium. »Obwohl wir ja hier über die Autobahn von Zagreb aus gut zu erreichen sind, könnten wir noch viel mehr ausländische Rundreisetouristen vertragen«, sagt der 43-jährige Firkovas. Nicht zuletzt übrigens wegen der grassierenden Arbeitslosigkeit in den anderen Wirtschaftsbranchen. »Essen ist ein Menschenrecht, kein Privileg!«, mahnt ein Graffito an den Festungsmauern.

Eine Busstunde nördlicher liegt an den Ufern der Drau das Barockstädtchen Osijek, dessen Bastionen ebenfalls zum k.u.k.-Verteidigungssystem gegen die Osmanen gehörten. Auf dem Weg dorthin steht in Dakovo der Hl. Petrus- Dom in den Himmel, der etwa zur gleichen Zeit gebaut worden war. Der für Öffentlichkeitsarbeit zuständige junge Pater Ivan Rajkovic verweist erst auf die wohltuende Wirkung des Katholizismus im Allgemeinen sowie auf die des jetzigen Bischoffs fürs kroatische Nationalbewusstsein im Besonderen. Dann zeigt er aber gleich den üppigen Weinkeller. Zwar waren schon Papst, Könige und laut Gästebuch sogar ein deutscher Militärattaché hier – dennoch wünscht sich Pater Ivan, dass ebenso außerhalb der Dakovaci vezovi, der kirchlich-kommunalen Festwoche, die dieser Tage gerade stattfindet, noch mehr Gläubige und natürlich Touristen kämen.

Auf der Warteliste des Weltkulturerbes

Geiches ersehnt sich Sanja Dzudzuvic, die für das örtliche Tourismusbüro von Osijek arbeitet, immerhin die viertgrößte kroatische Stadt. Auch Osijeks Festung steht auf der kroatischen Bewerberliste als UNESCO-Weltkulturerbe. Doch die Stadt, im Krieg Anfang der 90 Jahre lange eingekesselt und beschossen, leidet nach wie vor unter rapidem Einwohnerschwund. Erst flohen die Serben, dann zogen aus wirtschaftlichen Gründen auch viele Kroaten weg. Inzwischen ist die 100 000er Marke unterschritten. Allerdings sehen zumindest die prächigen Villen, die die Europa-Avenue säumen, zunehmend renoviert und neu bezogen aus. Sanja Dzudzuvic hofft darauf, dass das ein gutes Omen sein wird.

Von Osijek führt eine gut ausgebaute Schnellstraße nordwestwärts. Slawonien geht in die Podravina-Region über und die später in die Medimurje, den nördlichsten Zipfel Kroatiens. Etwa in der Mitte des Wegs liegt das Städtchen Durdevac. Die dortigen alten Festungsanlagen sind mit einer Legende besonderer Art verbunden. Während einer Belagerung durch den gefürchteten Ulama Bey Mitte des 16. Jahrhunderts soll eine weise Alte den verzweifelten Verteidigern der Festung geraten haben, die Osmanen zu bluffen. Man möge ihnen einen lebenden Hahn rüberschießen, um zu demonstrieren, wie gut man noch mit Lebensmitteln versorgt sei. Ulama Bey wäre daraufhin depremiert abgezogen.

Heute soll die Hahnenlegende Auswärtige anziehen. Und sie tut das durchaus, denn die Sache wird – etwa wie Klaus Störtebeker auf Rügen – inzwischen toll inszeniert und vom Kindergesangsfestival Kukuricek sowie einem historischen Markt flankiert. Tausende kommen her, um zu sehen und zu kaufen. Beispielsweise Hufeisen aller Größen vom Schmied Dragan Filipasic.

Einerseits ist der 52-Jährige natürlich zufrieden, dass die Rundreisebusse hier oft halten – »weil bei uns eben was los ist«, wie er sagt. Andererseits seien die vielen kroatischen Burgen, Herrenhäuser und Schlösser leider immer noch eher ein Geheimtipp für ausländische Touristen. Das kroatische Binnenland zu erleben könne aber durchaus auch noch ein weiteres, neues, spannendes Gefühl für die Küste wecken, meint Filipasic. »Auf den Schmied soll man hören, sagt bei uns der Volksmund«, versichert der Meister – und macht sich ans nächste Hufeisen.

  • Kroatische Zentrale für Tourismus, Kaiserstr. 23, 60311 Frankfurt am Main, Tel. (069) 238 535 -0, Fax: -20, www.kroatien.hr
  • Stara Kapela: www.stara-kapela.hr
  • Slavonski Brod: www.tzgsb.hr
  • Dakovo: www.djakovo.hr
  • Osijek: www.tzosijek.hr
  • Durdevac: www.tz-djurdjevac.hr
  • Vom 3.-10.10. findet eine ND-Leserreise nach Kroatien statt. Anmeldungen sind noch möglich.

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