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20 Jahre nach '89 - 52 Geschichten

»Ich war innerlich zerrissen«

Veronika Fischer über Erfahrungen in der DDR und BRD, über Fremdsein, Heimweh, Rückkehr

»Vroni«, wie die Tischlerstochter aus dem thüringischen Wölfis von Fans liebe- und achtungsvoll genannt wird, begann ihre Karriere mit der Stern-Combo Meißen und mit Panta Rhei und gründete 1974 ihre eigene Band. Mit über 1,5 Millionen verkaufter Platten war sie die erfolgreichste Sängerin in der DDR und erntete international Erfolge. Nach ihrem Weggang in den Westen 1981 haben einige DDR-Zeitungen sie beschimpft, doch sie gab Westmedien nicht die erwarteten Komentare über den anderen deutschen Staat. Unmittelbar nach dem Mauerfall trat sie wieder in der DDR auf und wurde von ihren Fans begrüßt, als wäre sie nie weg gewesen. Im August ist Veronika Fischer wieder live bei der Ostrock-Tour zu erleben. In Teil 28 unserer Serie berichtet Veronika Fischer über ihr Leben dies- und jenseits der Mauer.

ND: Haben Sie die Live-Übertragung von der Trauerfeier für Michael Jackson gesehen?
Veronika Fischer: Nein. Ich hatte zu tun, es aber am Rande verfolgt.

Es gab Gospels und Soul – Musik, die Sie lieben.
Ja sicher, bis heute.

Als Teenager haben Sie Gospels und Spirituals bei Kreis- und Bezirkswettstreiten vorgetragen. Mit ihren Schwestern?
Nein, allein. Mit ihnen sang ich zuvor Volkslieder und trat auch mal bei der Talentshow von Heinz Quermann »Herzklopfen kostenlos« auf. Er fand uns aber nicht gut. Vielleicht hatte er ja recht, vielleicht auch nicht.

Haben Sie Ihr Talent geerbt?
Es wurde in unserer Familie viel gesungen. Meine Mutter liebte Musik. Talent ist sicher genetisch angelegt. Es müssen aber auch physiologisch Voraussetzungen gegeben sein. Und Fleiß gehört dazu.

Schon mit 13 Jahren haben Sie sich an der Musikhochschule in Weimar beworben ...
Zu früh. Ich spielte damals noch nicht Klavier, nur Gitarre. Wenn man Musik studieren will, muss man Klavier spielen können. Das hat man mir dort geraten, und ich habe den Rat beherzigt.

Zwei Jahre später, mit 15, bewarben Sie sich an der Musikhochschule in Dresden.
Weil ich mich mehr für Chanson und Musical interessierte. Und in Dresden gab es damals schon die Unterhaltungsklasse.

Was haben Sie zur Aufnahmeprüfung gesungen?
Irgendein Volkslied, vom Oktoberklub »Sag mir, wo du stehst« und ein selbst komponiertes, schreckliches Lied: »Lass den Kopf nicht hängen«. Überraschenderweise wurde ich angenommen.

Sind Sie ein Wunderkind?
Nein, ich bin kein Wunder. Ich bin ein ganz normaler Mensch. Mit einer vielleicht stärkeren stimmlichen Veranlagung und einem besonderen Gehör. Aber das hat mit Wunder nichts zu tun. Ich bin kein Mozart. Leider.

Wenn Sie die Ausbildung und Förderung von Talenten in beiden Deutschländern vergleichen – wie fällt da Ihr Urteil aus?
In der DDR wurde der Talentförderung große Aufmerksamkeit geschenkt. Natürlich auch aus dem Grund, um an Importen zu sparen. Die Ausbildung war solide, gründlich und ernsthaft. Auch ich musste erst zwei Jahre klassische Ausbildung absolvieren. Ich fand gut, dass es keine Trennung gab. Wir waren alle an einer Schule: Klassiker und Chansonniers. Es konnten sich noch Persönlichkeiten entwickeln. Heute läuft alles über Castingshows. Da bleibt individuelle Einzigartigkeit auf der Strecke.

Sie haben so viele Hits gelandet. Was ist Ihr Geheimnis?
Im richtigen Moment die richtigen Dinge zu tun, den Zeitgeist zu erwischen und die richtigen Partner zu haben. Mich haben kreative Menschen ein Stück Weg begleitet, wie Kurt Demmler und Franz Bartzsch. Und mein Mann hat mich sehr stark unterstützt. Das lässt sich nur schwer planen. Später hatte ich Begleiter wie Andreas Bicking und andere.

Ihr Mann Laszló, ein Ungar ...
... hatte den Mut, mich anzusprechen, so dass wir uns verlieben konnten. Viele Männer haben Angst vor starken Frauen, Bühnenfrauen sowieso. Er war ein Organisationstalent. Das war wichtig zu DDR-Zeiten. Und ist wichtig, wenn man ein eigenes Unternehmen betreibt. Da braucht man Partner, die sich ganz einbringen. Solche gibt es nur wenige, die meisten wollen heute nur das schnelle Geld. In den 70ern war vieles anders, die Medien offener, auch das Fernsehen, das sich heute unserer Musik kaum noch annimmt.

Im Oktober 1980 ging Ihr damaliger Mann mit ihrem Sohn Benjamin in den Westen. Sie folgten ...
Es war so: Unser Komponist Franz Bartzsch kehrte nach einem Konzert im Westen nicht mehr zurück. Da hatte ich natürlich Probleme, meine Musik zu machen. Und ich bekam immer weniger Auftritte. Der Staat hat zwar nicht gesagt, ich stünde auf dem Index. Aber in den Bezirken und Kreisen wussten sie nicht so recht, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollten. Wir wurden allmählich arbeitslos, da mussten wir uns entscheiden. Aber es gab auch andere Gründe. Ich verließ die DDR jedoch mit einem richtigen Visum.

Ihr letztes Konzert in Ostberlin war eigenartig.
Der Staat hat dafür gesorgt, dass niemand klatscht. Im Kino »Kosmos« saßen fast nur mongolische Touristen, die kein Wort verstanden. Und meine Fans standen draußen vor der Tür.

Zu jener Zeit waren schon westdeutsche Produzenten auf Sie aufmerksam geworden. So konnten Sie den Schritt in den anderen deutschen Staat wagen. Doch Publikumserfolge wie in der DDR blieben aus?
Das ist nicht wahr. Und das kann man auch gar nicht vergleichen. Weil die DDR auf sich beschränkt war. Der Westen war die ganze Welt. Da ist die Konkurrenz größer. Außerdem hatten im Musikgeschäft die USA und Großbritannien das Monopol. Die Bundesrepublik war ein Abnahmeland. Die anglo-amerikanisch geführte Musikindustrie wollte in erster Linie eigene Produkte absetzen. Das deutsche Publikum ist ein dankbarer Abnehmer für anglo-amerikanische Musik wie nirgends. Das macht den Markt für nationale Künstler klein, erst recht für »Ost-Künstler«.

Ist das noch heute so?
Das ist nach wie vor so. Wir sind eine Kolonie. Deutsche und vor allem deutsch singende Künstler haben schlechte Karten. Aber ich kann im Moment nicht klagen: Meine neue CD läuft wunderbar.

Sie heißt »Unterwegs zu mir«.
Ja. Ich bin jetzt zum dritten Mal in den Charts. »Sommerbild« ist gerade auf Platz 6 in den Top Ten Deutschrock. Aber ich hatte auch in den 80er Jahren Achtungserfolge, was man in der DDR offenbar nur am Rande wahrnahm. Ich habe über 100 000 CDs verkauft, allein mit »Sehnsucht nach Wärme«. Hätte ich das nicht, hätte ich niemals sechs CDs innerhalb von zehn Jahren machen können.

Sind Sie mehr Ossi als Wessi?
Ich bin weder Ossi noch Wessi. Ich bin ein deutsch-deutsches Kind. Ich bin in Thüringen groß geworden, hatte in der DDR meine Wurzeln und bin natürlich von dieser Jugendzeit stark geprägt worden. Ich singe jetzt fast 40 Jahre und habe ein tolles Publikum dies- und jenseits der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze.

Hatten Sie in den 80ern auch mal Heimweh?
Natürlich überkam es einen, manchmal besonders heftig. Mir fehlten die Menschen, die mir vertraut und lieb waren. Und im Westen war mir vieles fremd. Ich habe mich wie im Exil gefühlt. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte. An manches konnte ich mich nie gewöhnen.

Zum Beispiel?
Mangelnde Aufmerksamkeit füreinander. Und stetige Unruhe. Die Menschen sind immer auf der Jagd nach irgendetwas, was sie für ihr Glück nicht unbedingt brauchen.

Kurz nach dem Mauerfall traten Sie wieder in der DDR auf.
In der Dresdner Semperoper, im November '89. Man hat mich eingeladen und ich habe gern zugesagt. Aber es war etwas merkwürdig. Man wusste nicht, wie sich die Dinge entwickeln. Wir hatten alle ein bisschen Scheu und Angst. Aber ich war glücklich. Bis dahin war ich immer nur ein Teil in einem anderen. Ich war innerlich zerrissen. Nun ist die Seele wieder ausgeglichener. Für mich war der Mauerfall ein sehr glücklicher Moment. In Mauern lebt es sich schlechter. Und die soziale Sicherheit hätte auch die DDR nicht durchgehalten, wer das glaubt, unterliegt einer Illusion.

Sie kannten den Westen, wussten, was mit der Vereinigung auf die DDR-Bürger zukam. Ahnten Sie, dass der Euphorie große Enttäuschung folgen würde?
Ja, es war eine große Naivität unter den Menschen im Osten. Verständlich. Sie durften nicht in den Westen reisen, konnten nicht mit eigenen Augen sehen, eigenem Verstand vergleichen und werten. Sie haben den Westen glorifiziert. Es erging ihnen wie dem Kind, das das Feuer nicht kennt und sich erst einmal die Finger verbrennt. Der Westen tickt anders. Kapitalismus ist die Diktatur des Geldes. Damit konnten die Ostdeutschen zunächst nicht umgehen. Die DDR war für viele eine heile Welt, für viele aber auch nicht.

In einigen Ihrer Songs haben Sie dies angeklagt, politisch pointiert.
Ich habe mich nie als politische Anklägerin gefühlt.

Im »Blues von der letzten Gelegenheit« sangen Sie: »... soll er fliegen weit in die Welt, dass kein Ring ihn drückt oder hält.«
Ein Symbol für das Verlangen nach Freiheit, das sich nicht unterdrücken lässt. Nicht im Alltag und natürlich auch von keinem System. Der Song musste in der DDR politisch interpretiert werden.

Und in »Kinder des Sonntags« heißt es: »Ei wie artig, ei wie fad, Vater Mutters Puppenstaat.« Können Sie verstehen, wenn Ostdeutsche sich den »Puppenstaat« manchmal fast zurückwünschen?
Das ist die Sehnsucht nach der heilen Welt, die es aber nicht gibt. Nirgendwo. Sie ist stets nur vorgegaukelt. Auch in der volkstümlichen Musik und in Hansi-Hinterseer-Filmen. Ich habe nicht den Anspruch, mit meinen Songs die Welt zu verändern. Für mich ist die Erkundung wichtig: Wo bin ich, wer bin ich. Das wissen meine Texter und gehen darauf ein. Menschlichkeit, Humanität sollen meine Songs vermitteln.

Wenn Sie einer Weltregierung vorstünden, was würden Sie als Erstes verändern?
Ich möchte keiner Weltregierung vorstehen. Aber ich würde mir ein grundsätzlich anderes Bewusstsein der Menschen von sich selbst und ihrer Umwelt, zu allem Leben auf Erden wünschen. Ich wünschte mir, die Menschen könnten ihren Egoismus ablegen, ihre Herzen öffnen. Ich bin nicht der Ansicht, dass Menschen regiert werden müssen. Sie müssen nur zu einem anderen Miteinander finden. Wenn ihnen das gelingt, braucht es keinen, der sagt, was zu tun ist.

Im Realsozialismus hat man versucht, den neuen Menschen zu kreieren. Es ist nicht geglückt.
Weil man es mit Druck versucht hat. Das kann nie gelingen. Man kann nichts erzwingen, Menschen müssen alles freiwillig tun und selbst erfahren. Das sehen wir an unseren Kindern, sie wollen ihre Fehler erst mal selbst machen, da kann man viel erzählen. Ich glaube, dass der Mensch zur Erkenntnis fähig ist, sich zum Guten verändern kann. Aber das werde ich nicht mehr erleben.

So pessimistisch?
Realistisch. Ist es in der langen Menschheitsgeschichte bis heute nicht gelungen, Kriege für immer abzuschaffen und den ewigen Frieden zu stiften, so wird dies sich wohl zu meiner Zeit nicht ändern. Obwohl Optimistin, bin ich skeptisch, dass die Schaffung einer menschlichen Gesellschaft in naher Zukunft glückt. Vielleicht irgendwann mal.

Was kommt nach »Unterwegs zu mir«? Ist Neues in Arbeit?
Ich habe vor ein paar Tagen erfahren, dass meine Plattenfirma mit mir weitermachen möchte. Ich bin wieder in der Spur, habe auch schon wunderschöne Texte bekommen. Ich bin happy. Wir hoffen, die neue CD im nächsten Frühling auf den Markt zu bringen.

Verraten Sie uns etwas mehr?
Nur so viel: »Mirabellenzeit« ist zauberhaft.

Interview: Karlen Vesper

Die ND-Serie »20 Jahre nach '89« erscheint jeweils zu Wochenbeginn.

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