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Der Ahne

»Birdwatchers – Das Land der roten Menschen« von Marco Bechi / Interview mit Regisseur Marco Bechi

Marco Bechi, geboren 1955 in Santiago de Chile, Sohn einer Chilenin und eines Italieners, aufgewachsen in Buenos Aires. Geriet als linker Aktivist unter Videlas Diktatur in Haft und in ein Folterlager. Lebt seit Anfang der 1980er Jahre in Mailand. Fotograf, Videokünstler. Zusammenarbeit mit Amnesty International. Eine der biografisch geprägten Arbeiten, in denen es um Diktatur- und Foltererfahrungen geht: der Spielfilm »Junta« (1999), ein Klassiker des politischen Kinos. Das Drama »Birdwatcher« spielt im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul. Die Guarani-Kaiowa-Indianer sind Laiendarsteller. 2008 bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig konkurrierte der Film über die Entwürdigung der Ureinwohner und den Versuch einer Revolution um den Goldenen Löwen.

ND: Ihr Film erzählt vom Widerstand der Ureinwohner gegen die weißen Besitzer des Landes, aber auch gegen deren Lebensweise. Was hat Sie zu diesen Menschen und ihrer Kultur geführt?
Bechi: Für uns alle in Südamerika ist das Schicksal der indigenen Völker ungeheuer wichtig. In der Schule haben wir alle etwas von Mayas, Inkas und Azteken gehört, aber niemand sprach darüber, dass sie Opfer eines der größten Völkermorde in der Geschichte der Menschheit wurden. Vor allem für viele junge Südamerikaner ist das eine offene Frage. Mich interessierte, was aus den Überlebenden dieses Mordens wurde, aus den übrig gebliebenen Indios. In meinen letzten beiden Filmen habe ich von verschwundenen Opfern der Diktaturen erzählt, jetzt wollte ich von Überlebenden berichten.

Sie wenden sich dabei einem bestimmten Stamm zu, dessen konkrete Lebensumstände in Brasilien und tiefe Verzweiflung jedem Zuschauer verständlich werden.
Ich erzähle von den Guarani, einem sehr großen Volk, insgesamt umfasst es in mehreren lateinamerikanischen Staaten etwa 200 000 Menschen. Allein in Brasilien leben etwa 46 000 von ihnen. Der frühere Dschungel dort wurde inzwischen gerodet. Zuerst wurden Kühe gehalten, dann Gen-Soja angebaut und heute vor allem Zuckerrohr für Bio-Diesel. Mich hat sehr beeindruckt, dass dieses kämpferische Volk wieder zu den gerodeten Gebieten zurückgekehrt ist, obwohl in diesen zerstörten Lebensräumen gar nichts mehr zu finden ist. Etwas in ihrer Kultur und ihrem Glauben muss sie dennoch sehr mit diesem Land verbinden.

So basiert die Geschichte ihres Films also auf Tatsachen. Auch der junge Held will zurück in die Heimat seiner Vorväter und wird dabei von mythischen Visionen heimgesucht. Sind es diese spirituellen Erfahrungen, die ihn und die Seinen antreiben?
Ich kann es nur vermuten. Ich habe gesehen, wie sehr sie an ihrem Boden hängen, die Versuche zu Umsiedlungen gingen immer schief. Ihre Schamanen, ihre Anführer haben sie stets an die Verwurzelung im Heimatboden erinnert. Mein Held Osvaldo hat die Ahnen und die Visionen in sich, ist aber auch eine gespaltene Person. Als angehender Schamane hält er sich nicht streng an die Regeln. Er stellt den Mädchen nach und nimmt die Traditionen nicht ganz ernst.

Abrísio da Silva Pedro spielt diesen Osvaldo, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Auch die anderen Ureinwohner agieren mit großer Intensität. Wie haben Sie mit diesen überzeugenden Laien gearbeitet?
Diese Besetzung war eine Grundbedingung für mich. Es gibt hervorragende Filme, die im Dschungel spielen, wie Werner Herzogs »Aguirre, der Zorn Gottes« und »Fitzcarraldo« oder »The New World« von Terrence Malick. Darin sind die Helden Weiße und die Indios agieren im Hintergrund. Ich wollte es genau umgekehrt machen. Dazu musste ich meinen wunderbaren Darstellern erst einmal erklären, was Kino eigentlich ist. Wir haben mit ganz allgemeinen Einführungen begonnen wie bei Schauspielschülern, haben uns Filme angesehen wie »Die Vögel« von Hitchcock, aber ohne Ton, um zu zeigen, wie stark ein Bild wirken kann, völlig unabhängig von Dialogen.

Sie idealisieren diese Menschen nicht. Sie zeigen, wie sehr die Umstände sie erniedrigt haben – mit Folgen wie Drogen, Alkoholismus, Prostitution, Selbstmorden. Wie gingen die Betroffenen damit um, so ehrlich und schonungslos gezeigt zu werden?
Wir haben ihnen den Film in einem kleinen Ort gezeigt, in einem dieser typischen Kinos in einem Einkaufszentrum. Eingeladen waren 300 Leute, die Schauspieler mit ihren Familien. Sie haben sich wunderbar amüsiert. Sie lachten, weil sie die Leute auf der Leinwand kannten. Viele Vorgänge, die wir heikel im Film fanden, nehmen sie sehr leicht, weil sie wissen, dass sie nun einmal der Realität entsprechen.

Interview: Knut Elstermann

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