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Von Jana Findeisen 16.07.2009 / Berlin / Brandenburg

Furchtlose Gegenorte

Bethanien zeigt Arbeiten freier Istanbuler Kunstprojekte

In Istanbul ist »Gottesfurcht« schwer umstritten. Die 2007 entstandene Plakatserie des Istanbuler Künstlerkollektivs »Hafriyat«, derzeit in der Ausstellung »Istanbul Off-Spaces« zu sehen, wurde sowohl von islamischer als auch staatlicher Seite zur Provokation erklärt. Noch vor Ausstellungseröffnung warf die türkische Zeitung »Vakit« den Künstlern vor, religiöse Gefühle zu verletzen. Als handfeste Drohungen folgten, wandten sich die Künstler an die Polizei. Die wiederum sah in der Ausstellung die Würde des türkischen Staatsgründers Kemal Atatürk beschädigt. Das Beispiel veranschaulicht, unter welch heiklen Bedingungen türkische Künstler auch heute noch arbeiten.

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»Hafriyat« war eines der ersten unabhängigen Künstlerkollektive in einer Stadt, in der Kunst im öffentlichen Raum lange nicht sichtbar war. »Der öffentliche Raum, und folglich auch das gesamtgesellschaftliche Leben und die Individuen, wird von Repression, Kontrolle und Diskriminierung beherrscht«, stellt die Istanbuler Kulturarbeiterin Deniz Erbas fest. Doch die unabhängige Kunstszene Istanbul emanzipiert sich mehr und mehr. Mittlerweile gibt es zahlreiche »Off-Spaces«, von Künstlergruppen eingerichtet mit dem Ziel, eine Kunst jenseits politischer, religiöser und ökonomischer Zwänge zu ermöglichen. Manche dieser Räume sind physisch, andere virtuell, wieder andere mobil. Sie können sich in gemeinsam angemieteten Läden und Wohnungen, in Blogs im Internet, oder in einem mobilen Gegenstand befinden – so hat das Mesa-Projekt einen Tisch zum Ausstellungsraum umfunktioniert.

Diese neue Istanbuler Kunstszene stellt nun im Haus Bethanien aus und sucht dabei bewusst die Auseinandersetzung mit ihrem Gastgeber: Die Gruppe atilkunst assoziiert die Türme des Bethanien mit Minaretten und verbindet sie durch eine »Mahya«, einen traditionell an Moscheen angebrachten Leuchtschriftzug. Statt eine religiöse Botschaft zu verkünden, fordert die Aufschrift »Komm zur Sache«. Selda Asal, eine der wichtigsten Figuren der Istanbuler Off-Szene, zeigt das kurz vor Ausstellungseröffnung fertiggestellte Video-Projekt »Sei ein Traum«, in dem Neuköllner Schüler über die Diskriminierung von Frauen in der islamischen Kultur rappen. Konsum und Überwachung beleuchtet Burak Arikans Installation »MyPocket«: Ein Computer sagt die Kontobewegungen des Künstlers vorher und visualisiert dessen Konsumverhalten graphisch.

Gemein ist diesen und den anderen ausgestellten Arbeiten aus den Istanbuler »Gegenorten« die starke Politisierung. Sie produzieren, in Deniz Erbas Worten, »weniger kunstimmanente oder ästhetische Ansätze als vielmehr aktionsgerichtete Organisationsformen«. Mehr als auf künstlerischer Ebene beeindrucken die Istanbuler Off-Spaces deshalb als innovative Orte des gesellschaftlichen Diskurses.

»Istanbul Off-Spaces« ist bis 16. August im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien zu sehen.

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