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Foto: DHMD
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Michael Hatzius ist Diplom-Puppenspieler.
Ja, das kann man studieren. Ja, man kann von diesem Beruf leben. Nein, Puppenspiel wendet sich nicht nur an Kinder im Vorschulalter.
Es sind immer dieselben Fragen, auf die mein Bruder antworten muss, wenn er von seiner Arbeit spricht. Arbeit und Tritratrallala – das passt in unseren Köpfen nicht zusammen. Erst, wenn Micha von der intensiven künstlerischen Entwicklung seiner Figuren und Stoffe erzählt, wenn er berichtet, an welch renommierten Theaterhäusern er schon auf der Bühne stand, wenn er von Fernsehproduktionen redet und Bilder von seinen Solo-Shows mit ihrem begeisterten Publikum zeigt oder ad hoc einige Kostproben seines Könnens gibt, weicht die Verwunderung meist großem Interesse.
Während des vierjährigen Studiums meines Bruders an der Hochschule für Schaupielkunst »Ernst Busch« Berlin, Sektion Puppenspielkunst, gab es eine Situation, die etwas über die Biegsamkeit des Arbeitsbegriffs erzählen kann: In einem Animations-Seminar hantierte eine Gruppe von Studenten mit diesen kleinen, bunten Palmwedelstäbchen, die man in Eiskugeln oder Kuchenstückchen pieksen kann. Ziel der Übung war es, das tote Material zum Leben zu erwecken. Die Studenten spielten sich in Stimmung, die Schirmchen begannen zu beben, zu schweben, zu kämpfen, zu reden. Arbeit – oder kindischer Quatsch? Irgendwann rammte mein Bruder eines der Stäbchen unter martialischem Gebrüll in den styroporpräparierten Busen seiner Kommilitonin, die daraufhin für ein paar Augenblicke innehielt. Dann fragte sie ihn leise: »Wissen deine Eltern eigentlich, was wir hier machen?«
Unsere Eltern stammen aus einer Zeit, in der es üblich war, dass einer klar strukturierten Ausbildung ein lückenloses Berufsleben folgte, mit Aufstiegsmöglichkeiten, aber ohne nennenswerte Brüche. Erst, als die DDR nicht mehr existierte und die Betriebe, in denen sie gearbeitet hatten, abgewickelt wurden, änderte sich das. Meine Mutter wurde zur Freiberuflerin, mein Vater wechselte, nicht ganz freiwillig, in kurzer Zeit mehrfach den Job. Jetzt sind sie Rentner.
Über klassische Berufsbiografien, wie sie in der DDR (und, mit Einschränkungen, auch im Westen) lange die Regel waren, können große Teile der jüngeren Generation nur noch verklärt lächeln. Heute sind Quereinstiege, Auszeiten, wiederholte Richtungswechsel nichts Außergewöhnliches. Nicht immer erwächst derartige Flexibilität persönlichen Wünschen, oft ist sie Resultat unsteter ökonomischer Bedingungen und wachsender sozialer Verunsicherung. Wäre das Wort nicht längst Hülse, könnte man von einer »Krise« der Arbeit sprechen.
Einige Beispiele aus meinem Bekanntenkreis: Der gelernte Elektriker arbeitet als Kundenberater in einem Technikmarkt. Der Maurer ist seit Jahren arbeitslos, bezieht Hartz IV und wird hin und wieder in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen genötigt. Der Germanist und Psychologe hält sich mit projektbezogener Öffentlichkeitsarbeit klamm über Wasser. Der Politologe castet Statisten für TV-Produktionen, seitdem er nicht mehr Krankenwagen fährt. Der Agrarwissenschaftler wurde gleich nach dem Studium Geschäftsführer eines Landwirtschaftsbetriebs, jetzt arbeitet er als Kreditberater in einer Bank. Allein der Architekt ist Architekt.
Ich habe mich als Zeitungsverkäufer, Lagerarbeiter, Küchenhilfe, Handlanger eines Zimmermanns, als Messebauer, Paketsortierer, Barkeeper und Programmgestalter in einem Kulturhaus verdingt, bevor ich Journalist »wurde«. Mein Bruder hingegen, der Puppenspieler, hat sein Geld nie mit etwas anderem verdient. Micha wusste schon als Kind, dass sein Arbeitsplatz die Bühne werden sollte. Sein kompromissloses Hinarbeiten auf dieses Ziel, und dessen Erreichen, sind eine Ausnahme. Insofern verkörpert gerade er, der Künstler, dessen leidenschaftliche, verspielte und versponnene Tätigkeit von manchem nur schwerlich als Arbeit akzeptiert wird, einen »klassischen« Wert anerkannter Berufsbiografien, der heute zu verschwinden droht: Kontinuität. Unsere Eltern sind stolz auf Micha.
Dass im Zeitalter der Technisierung aller Lebensbereiche nicht nur der Bedarf an bezahlter, sondern auch jener an unbezahlter Arbeit signifikant zurückgeht, dokumentieren teils multimedial aufgearbeitete Statistiken, die sich in der Sonderausstellung »Arbeit. Sinn und Sorge« des Dresdner Hygiene-Museums wie ein Band durch alle fünf Räume der Schau ziehen. Ein Bereich allerdings weist deutlich ansteigendes Arbeitspotenzial auf: die »Freizeitindustrie«, zu der wohl auch die Kulturwirtschaft und mit ihr das Puppentheater zählen.
Schon in diesem nur scheinbar paradoxen Phänomen manifestiert sich eine der verwirrenden Problemlagen, denen sich die Ausstellung zuwendet: Weil menschliche Arbeit dank der Maschinisierung immer weniger notwendig wird, wächst das Maß an Freizeit. Diese Zeit aber will gefüllt werden, was wiederum neue oder neu bewertete, jedenfalls andersartige Arbeitsfelder auftut als die gewohnten. Verhängnisvoll wird diese Konstellation erst dann, wenn die wachsende Freizeit nicht als Gewinn, sondern als Desaster aufgefasst werden muss, weil Arbeitslosigkeit in unserer Welt allzu oft in Mittellosigkeit mündet. Wer viel Zeit hat, aber wenig Geld, wird von den Angeboten der »Freizeitindustrie« kaum profitieren können.
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Frau Konjunktur beim Doktor: »Wie geht's uns denn heute?« »Schlecht.« »Wie ist es mit der Nachfrage?« »Geht zurück.« »Haben Sie mal die Preise gemessen?« »Ja, sind erhöht.« »Oh. Na, dann schwingen Sie mal ab, ich werf mal einen Blick drüber ...«
Foto: DHMD
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Die Dresdner Ausstellung, Teil des Programms »Arbeit in Zukunft« der Kulturstiftung des Bundes und großzügig gefördert von der Bundesagentur für Arbeit, nähert sich den gewaltigen Umbrüchen der Arbeitswelt »unter Bedingungen von Globalisierung, internationaler Finanzkrise und den drohenden Folgen des Klimawandels« aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Im ersten Raum fragt sie nach der Unterscheidung von Arbeit und Freizeit – wie bewerten wir Hausarbeit, Familienarbeit, Beziehungsarbeit, Traumarbeit, wenn nicht monetär? Der zweite Raum macht den zentralen Zweck der Arbeit in kapitalistischen Gesellschaften im Verdienen von Geld und der Mehrung des Wohlstands aus. Im dritten Raum wird die individuelle Haltung zur Arbeit als Folge kindlicher Erfahrungen und Bildungsmöglichkeiten untersucht. Der vierte Raum öffnet sich der Bedeutung der Arbeit jenseits von Macht, Geld und Anerkennung. Im letzten Raum schließlich werden Optionen für die Arbeit in der Zukunft aufgezeichnet und der Schluss gezogen, dass nicht ein für allemal feststehe, was Arbeit ist.
Als ich für diesen Zeitungsbericht nach Dresden fuhr, ahnte ich nicht, dass ich im Hygiene-Museum »Produkten« meines Bruders begegnen würde. In der Ausstellung, die in enger Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Künstlern konzipiert wurde, wimmelt es von Monitoren, riesigen, großen, kleinen, winzigen. Auf mehreren davon sind aus Materialresten gestaltete Puppen in Aktion zu sehen. In kurzen, komischen Szenen erspielen sie sich ihre Auffassung von ökonomischen Begriffen wie Konjunktur, Preis oder Mehrwert. Im letzten Raum der Ausstellung sprechen sie aus der Zukunft zu den Besuchern. Sie loben arbeits- und gesellschaftspolitische Errungenschaften des Jahres 2030 (Verzehnfachung der sozialen Gehälter, globalökologisches Geld, Maximallohn, totale Flexibilisierung etc.) – oder verfluchen sie.
Mein Bruder hat diese Figuren und ihre Szenen gemeinsam mit seinen Kolleginnen Julia Giesbert und Ivana Sajevic gebaut und gespielt. Aus einem Schaumstoffkolben entstand Dietmar Helm.
Herr Helm, 42, Thüringer und Freund des Bobsports, arbeitet als kaufmännischer Angestellter im Vertrieb einer Firma für Gartenbaugeräte. Herr Helm kennt das Leben, die Winkel seines kleinen Mundes sind tief nach unten gezogen, Herr Helm weiß bescheid. »Um es mal klar und deutlich zu sagen«, sagt er, »und ich bin ein Mann klarer Worte« und – ohne Wenn und Aber – »Arbeit ist des Lebens Sinn«. Dietmar Helm lebt in einer Zukunft, in der das bedingungslose Grundeinkommen ebenso eingeführt ist wie eine obere Einkommensgrenze. Beides beurteilt er kritisch. Das Bürgergeld führe zu Schmarotzertum und Gleichmacherei, es entwerte die Arbeit. Und das Maximaleinkommen verhindere eine angemessene Entlohnung wirklicher Leistungsträger, zum Beispiel im Bobsport.
Herr Helm und die anderen Zukunftsgestalten, darunter die in der Altenpflege eingesetzte Maschine Sascha CL 4210 (eine ausgestopfte Damenstrumpfhose mit wirren Augen und Hängebrüsten), der Musical-Produzent Kasimir Caroll (ein schmieriger rosa Kater) und der nuschelnde Kiffer Thomas Lindemann (ein Reptil in der Rapperkluft urbaner Problembezirke) kommentieren die fiktive Umsetzung von Denkansätzen, die in unserer Gegenwart lediglich als Theorien existieren. In der Gesamtschau erkennt der Ausstellungsbesucher, dass es in jedem Szenario Gewinner und Verlierer gibt.
Ausgewogenheit ist ein Charakteristikum dieser außergewöhnlichen Ausstellung, die nicht mit herkömmlichen Exponaten arbeitet, sondern Zahlen neben subjektive Erfahrungen stellt und statt zu belehren Denkanstöße gibt. Den Beurteilungen einer möglichen Zukunft durch die Puppen gehen individuelle Einschätzungen der tatsächlichen Gegenwart voraus. Hundert Menschen – Manager, Künstler, Schüler, Pädagogen, Gastronomen, Arbeiter, Angestellte, Soldaten etc. – wurden über ihre Arbeitserfahrungen, ihren Arbeitsalltag, ihre Arbeitszufriedenheit, über Freizeitgestaltung, Lebensansprüche und Aktivitätsmotive befragt. Ihre subjektiven Statements sind den Objektivität verheißenden Statistiken beigestellt. In der Kombination spiegelt sich weit mehr Wirklichkeit als in nackten Daten.
So verschieden die Sorgen sind, die die Menschen mit ihrer Arbeit haben – der eine arbeitet zu viel, der andere verdient zu wenig, ein dritter bangt um seinen Job – so einig sind sie sich darin, dass Arbeit, welcher Art auch immer, sinnstiftend für das menschliche Leben ist. Sie verschafft Anerkennung, Gemeinsinn, Perspektive.
Das »Ende der Arbeit« steht wohl nicht bevor. Jedenfalls nicht, wenn wir bereit sind, unseren Arbeitsbegriff zu verändern und Bedingungen zu schaffen, die den Wert einer Arbeit nicht allein an seinem ökonomischen Nutzen bemisst.
Arbeit. Sinn und Sorge. Bis zum 11. April 2010, Deutsches Hygiene-Museum Dresden, Lingner-platz 1, Di-So 10-18 Uhr
Begleitbuch ersch. im diaphanes Verlag, 422 S., brosch., 20 Euro.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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