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Von Bernard Schmid, Paris 18.07.2009 / Ausland
»Bossnapping« und angedrohte Werkssprengungen: Proteste in Frankreich radikalisieren sich

Manager im Dschungelcamp

Frankreichs Lohnabhängige wehren sich – und nicht über Stellvertreter am grünen Tisch

Während in Deutschland der Arbeitskampf als »letztes Mittel« nach gescheiterten Gesprächen der Tarifpartner gilt, wird er in Frankreich genutzt, um zunächst einmal eine gewisse Chancengleichheit herzustellen.
Gasflaschen auf dem Dach: 30 000 Euro Abfindung fordern die Besc
Gasflaschen auf dem Dach: 30 000 Euro Abfindung fordern die Beschäftigten in Châtellerault.

Anderswo bezahlen Fach- und Führungskräfte viel Geld, um Survivalkurse im Dschungel zu absolvieren und ihre Überlebensreflexe zu trainieren. In Frankreich bekommen sie das hingegen manchmal völlig umsonst. Glaubt man jedenfalls der »Financial Times« vom 21. Mai 2009, so kommt die sich in jüngerer Zeit ausbreitende Mode des »Bossnapping« – der vorübergehenden Festsetzung von Managern oder Direktoren in ihren Büros durch wütende Lohnabhängige – einer Überlebensprüfung gleich. Die Zeitung gab Tipps für Führungskräfte, die spannungsreichen Treffen mit wütenden Arbeitskräften entgegen sehen.

Ein Dutzend Vorfälle von »Bossnapping« hat in den letzten Monaten in Frankreich stattgefunden. In der Regeln konnten dadurch höhere Abfindungszahlungen bei geplanten Entlassungen herausgeholt werden. Seltener ist dagegen, dass ein Standort als solcher gerettet werden wurde, aber mitunter konnte dennoch eine »Abwicklung« erheblich verzögert werden.

Ein neu-altes Phänomen, das im Laufe dieser Woche wieder auftauchte, ist die Drohung mit explosiven Konsequenzen, die durch Lohnabhängige für den Fall formuliert wird, dass sie – ohne oder mit nur minimalen Abfindungszahlungen – gekündigt werden. Bei Nortel, einem Hersteller von Elektronikkomponenten in Châteaufort bei Versailles, hatten die Beschäftigten Anfang dieser Woche gedroht, Gasflaschen zur Explosion zu bringen. Am Mittwoch ordnete ein Handelsgericht daraufhin an, die geplante Schließung des Werks auszusetzen: Bis zum 20. August, wenn alle Angebote von Aufkäufern gesichtet sind, dürfen keine Kündigungen ausgesprochen werden. Die Beschäftigten zogen ihre Drohung daraufhin zurück. Ähnlich positiv war der Ausgang eines mit vergleichbaren Mitteln geführten Konflikts beim Nutzfahrzeughersteller JLG in Tonneins bei Toulouse: Am Freitag früh versprach die Direktion den 53 von Entlassung bedrohten Lohnabhängigen Abfindungszahlung in Höhe von 30 000 Euro, die sie gefordert hatten. Die Gasflaschen – die Polizei hielt sie freilich ohnehin für leer – kamen nicht zum Einsatz. Ob Bluff oder nicht, die Verhandlung hatte funktioniert.

Noch nichts erreicht haben hingegen 366 Beschäftigte beim Automobilzulieferer New Fabris in Châtellerault in der Region von Limoges. Anfang der Woche hatten sie als erste damit gedroht, ihr Werk zur Explosion zu bringen. Am Donnerstag begab sich eine Delegation von 150 Beschäftigten zum Hauptsitz des langjährigen Auftraggebers Renault in Boulogne-Billancourt bei Paris. Sie fordern von ihm Abfindungszahlungen für jeden Entlassenen in Höhe von 15 000 Euro (und dieselbe Summe von Peugeot). Jahrelang habe der Konzern auf das Subunternehmen zurückgegriffen, um im eigenen Haus Kosten zu sparen, er sei daher für ihr Schicksal mit verantwortlich. Renault lehnt die Forderung jedoch rundheraus ab. Der Firma ist nun ein Ultimatum bis zum Ende Juli gesetzt. Am Donnerstag erklärten Beschäftigte ihre Absicht, »erst einmal eine oder zwei Maschinen in Brand zu setzen«.

In Deutschland ist solcherlei Militanz und Eigeninitiative der Beschäftigten eher ungewohnt. Hier überwiegen Methoden der Stellvertreterpolitik durch Gewerkschaften und Betriebsräte, die am runden Tisch mal mehr und mal weniger Ergebnisse erzielen. In Frankreich lautet die Regel, dass ein Arbeitskampf – im wahrsten Sinne des Wortes – durchgeführt wird und auch notwendig ist, um überhaupt das Kräfteverhältnis herzustellen, das es den Beschäftigtenorganisationen erlauben soll, am Verhandlungstisch halbwegs substanzielle Zugeständnisse herauszuholen.

Die Unterschiede bleiben freilich nicht dabei stehen, da diese unterschiedliche »Streikkultur« auch andere wesentliche Unterschiede automatisch impliziert. Insbesondere die Tatsache, dass die französischen Gewerkschaftsapparate zumindest über lange Phasen hinweg real gar nicht »Herren der Lage« sind, sondern die Beschäftigten an der Basis in hohem Maße selbst die Initiative besitzen.

Diese Unterschiede resultieren in erster Linie aus unterschiedlichen historischen Erfahrungen. Nicht nur, dass Frankreich ein Land ist, dessen soziale Strukturen früh durch eine bürgerliche Revolution geprägt wurden und Deutschland erst 1918 durch die damaligen Ereignisse aufgerüttelt wurde. Die Gewerkschaftsbewegung in Frankreich hat sich zudem immer als »Gegenmacht« verstanden. Und sie war schon im frühen 20. Jahrhundert wesentlich weniger – über die damalige Sozialdemokratie – an die bürgerliche Staatsmacht (und die Perspektive der Teilhabe an ihr) gebunden als im deutschen Falle. Einer der Gründe dafür war seinerzeit allerdings auch die zeitweise Schwäche der als Partei organisierten Sozialdemokratie infolge des schweren Niederlage des Frühsozialismus nach der Zerschlagung der Commune de Paris (1871). Später kam hinzu, dass die französische Arbeiterbewegung über Jahrzehnte hinweg (partei)kommunistisch dominiert war, die deutsche hingegen – jedenfalls in der Bundesrepublik – sozialdemokratisch.

In den letzten Jahren wandelten sich die Dinge: Die Mehrheitsfraktion der politischen Rechten erachtet es heute als notwendig, die CGT als stärkste Gewerkschaft einzubinden. Der »kommunistische Einfluss« auf die CGT, jedenfalls in der alten Form, gehört der Vergangenheit an. Und betriebliche Entscheidungen, so denkt heute ein beträchtlicher Teil der bürgerlichen Rechten, benötigen eine bessere Legitimationsbasis durch verstärkte Einbeziehung von Gewerkschaften oder Beschäftigtenvertreter. Ein Gesetz vom August 2008 regelt die »représentativité« (Tariffähigkeit, Verhandlungsbefugnis) der Gewerkschaften völlig neu. Und zwar zugunsten der beiden großen Dachverbände CGT (postkommunistisch) und CFDT (sozialdemokratisch bis sozialliberal). Mehrere kleinere, eher »gelbe« Gewerkschaften, die man bis dahin mehr oder weniger künstlich als »Vertragspartner« der Unternehmen am Leben hielt, werden perspektivisch »geopfert«.

Eine Konsequenz daraus jedoch ist, dass die beiden großen Gewerkschaftsverbände derzeit auf nationaler Ebene – wo ihre Einflusszonen zu ihren Gunsten neu abgesteckt werden – weitgehend stillhalten. Trotz Wirtschaftskrise verzichteten sie in den vergangenen Monaten praktisch darauf, eine reale soziale Opposition zu bilden und zu mobilisieren, ein echtes Kräfteverhältnis herzustellen. Auch dies trägt dazu bei, dass sich lokale Konflikte dort beträchtlich radikalisieren, wo die abhängig Beschäftigten »mit dem Rücken zur Wand« stehen.


Chronik - Spektakuläre Aktionsformen

Juli 2000: 153 Mitarbeiter der in Konkurs gegangenen Textilfabrik Cellatex in den Ardennen, die Kunstseide produziert hatte, drohen damit, 56 000 Liter Schwefelsäure, die auf dem Gelände ihrer Fabrik lagern, in die Maas zu kippen. Daraufhin erhalten sie eine Abfindung in Höhe von je 80 000 Francs (12 200 Euro) zugesprochen. Ferner wird ihnen ein Umschulungsprogramm von 12 Monaten Dauer mit Lohnfortzahlung in Höhe von 80 Prozent garantiert.

Ende Juli 2000 drohen die Beschäftigten der Brauerei Adelshoff im Straßburger Vorort Schiltigheim damit, die Gasbehälter auf dem Firmengelände explodieren zu lassen. Die Arbeiter des Stahlwerks Forgeval in Valenciennes (Nordostfrankreich) wollen die Hochöfen ihres Betriebs in die Luft jagen. In beiden Fällen können Sozialpläne und Abfindungen ausgehandelt werden.

Ebenfalls Ende Juli drohen die 236 Arbeiterinnen des Automobil-Zulieferers Bertrand Faure in Nogent-sur-Seine (südöstlich von Paris) damit, sämtliche Maschinen in Brand zu stecken oder mit Hilfe von Gasflaschen in die Luft zu sprengen, falls die Schließungspläne des Hauptaktionärs Peugeot umgesetzt würden. Auch hier können Abfindungszahlungen ausgehandelt werden.

12./13. März 2009: Über Nacht wird der Generaldirektor von Sony-France, Serge Foucher, in seinem Büro eingesperrt. Gegenstand des Protests ist die Schließung eines Werks in Pontox-sur-l'Ardour in Südwestfrankreich. Die Forderung nach höheren Abfindungszahlungen wird erfüllt.

31. März und 1. April 2009: In der Nähe von Grenoble werden vier französische Führungskräfte des Baumaschinenherstellers Caterpillar von Lohnabhängigen festgehalten. Ursprünglich wollte der US-Konzern an den ostfranzösischen Standorten Grenoble und Echirolles 733 von gut 2 000 Beschäftigten entlassen. Ihre Zahl wird auf 620 reduziert.

20. April 2009: Nachdem ein Gericht die Entlassungspläne des deutschen Reifenherstellers Continental an seinem französischen Standort Clairoix genehmigt hat, machen dessen Beschäftigte die Unterpräfektur – eine zentralstaatliche Behörde – in Compiègne zu Kleinholz. Sieben Arbeiter müssen sich seit Freitag wegen Sachbeschädigung vor Gericht verantworten.

20./21. April 2009: Beim Automobilzulieferer Molex in Villemur (Südwestfrankreich) werden eine Managerin und ein Direktor für 26 Stunden durch die Lohnabhängigen festgehalten. Erstmals endet die »Bossnapping«-Aktion jedoch ohne greifbares Ergebnis: Die französische Staatsmacht und die Justiz hatten massiv mit Strafverfolgung und hohen Haftstrafen gedroht. Unterdessen ist die gerichtliche Ermittlung über die eigenen Praktiken der Firma nicht zu Ende: Bezüglich der schon seit 2004 geplanten Entlassungen hatte die Firma ihren Betriebsrat systematisch umgangen. (bs)

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