Plakat von Joseph W. Huber aus dem Jahr 1988
Foto: Akademie der Künste
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PROLOG. Als Volker Brauns so vieles in Frage stellende Stück »Die Übergangsgesellschaft« schließlich doch auf die Bretter des Maxim-Gorki-Theaters kam und der Intendant, das ZK-Mitglied Albert Hetterle, eine der Hauptrollen eines Scheiternden spielte, da waren wir bis ins Innerste berührt. Und kamen selbst aus dem Infragestellen und Antwortsuchen nicht mehr heraus. So vieles war in Bewegung in einem Land des verordneten Stillstands. Unmöglich, alle zu kennen, die noch radikalere Konsequenzen zogen als wir selbst. Wer bis zur totalen Verweigerung ging, stand erst außerhalb, und über Nacht mittendrin. Im Zentrum einer wachsenden Gegenmacht. Wann war diese Nacht?, frage ich mich immer wieder.
ENTREE. Diese Ausstellung versucht, eine Antwort zu geben. Nicht zufällig hat sie den Titel des Volker-Braun-Stückes adaptiert. Dokumentarfilmer Thomas Heise und Kunsthistoriker Matthias Flügge, selbst einst Teil der Szene, präsentieren detailgetreu »Porträts und Szenen 1980 – 1990«. Als Entree drei Grafiker mit Plakaten und Postkarten: Lutz Dammbeck und Manfred Butzmann mit provozierenden Denkanstößen in Plakatform, inzwischen geradezu klassisch und viel publiziert. Dazwischen ein langer Tisch mit der Überraschung: Der stille Freund von uns Karikaturisten durch die Wendejahre: Joseph W. Huber mit seinen »Denk-Zetteln & SCHILDERungen«. Ein privater leiser satirischer Aufschrei in eine feindliche Welt, die Joseph 2002 voll Frust, aber ohne Zorn freiwillig wieder verließ.
HAUPTSTÜCK. Im Hauptteil in drei Sälen etwa zwanzig Fotografen/innen mit je einer beachtlichen Suite von Schwarz-Weiß-Arbeiten. Die Autoren lebten und arbeiteten in der DDR, heißt es. Präziser sollte man sagen: Sie versuchten hier, alternativ zu leben, und begannen in diesem Sinn zu arbeiten. Eine junge, sehr spröde Intellektualität wuchs da eruptiv aus verkrusteten Strukturen. Und schuf schöpfend aus durchweg tiefmenschlicher Erlebniswelt eine prägnante eigenständige Form, die Geschichte machte. Alltagsleben und Alltagstod.
Große Würfe wie Matthias Leupolds »Im Kino« neben kleinen Details wie Christiane Eislers Punkern. Der stillstehende Lebensatem bei Kurt Buchwald oder Erasmus Schröter. Frank Gaudlitz leuchtet Frauengesichter letzter werktätiger Art aus. Alles in allem ein Höhepunkt der Fotogeschichte des Schwarz-Weiß-Porträts. Erbarmungslos hart und dennoch unendlich zartsinnig einfühlsam.
DETAILS. Manches bleibt im Dunkeln, obgleich atemberaubend authentisch, wie Karin Wieckhorsts »Fotoprotokoll Klaus Hähner-Springmühl Karl-Marx-Stadt 87«. Das meiste jedoch erhellt hautnah Physis und Psyche von Personen. Den Schriftsteller Bernd Wagner abbildend persifliert Helga Paris polizeiliche Gesichtserfassung. Ulrich Wüst hat eine große Wand von oben bis unten bestückt. Junge Köpfe. Im besten Sinn: Köpfe. Die Namen sind nicht genannt. Ich erkenne aber Bekannte. Flügge, Kil, Kuttner, Templin, Xago. Dieser kluge skeptische Blick. Alle frontal. In Front zweifellos nicht zum Betrachter. Wogegen? Erstmalig kommt mir der Gedanke von der Statik dieses speziellen Widerständigen. Das Abweisen von etwas. Wofür? Wohingegen ich den fragenden Blick entdecke, erkenne ich Verwandtes.
NEBENASPEKTE. Ich drehe mich um, und erblicke die ungleich artifizieller komponierten (dunkel auf weißer Fläche) Köpfe des Thomas Florschuetz. Erschrecke. Ganz oben Sascha Anderson, unten Christoph Tannert. Kontraste. Daneben Michael Diller. Aufgenommen kurz vor seinem Tod 1986. Dieser exzellente Radierer aus der Berliner Grafikszene. Erinnerbar widerborstige Strichlagen quer durch dissidentische Sujets. Warum muss das Alternative eigentlich immer fotografiert gewesen sein? Nie gezeichnet? Wer entdeckt endlich die formal und thematisch grandios unangepasst gezeichneten Blätter der 80er DDR-Jahre wieder? Die Akademie sollte es tun, wenn die Nationalgalerie sich weiter in Ignoranz übt.
AUSBLICK. Abgerundet wird die Schau mit Filmischem, dessen Authentizität merkwürdig hinter der statischen Eindringlichkeit der Fotos zurücksteht. Diese sind eben mental und monumental festgefügte Zeugnisse von etwas damals Gegenwärtigem. Heute so vergangen, wie nur Vergangenheit sein kann. Gut für die Geschichtsbücher. In der nun etablierten, so nicht erwarteten überwältigend bunten Traumwelt der Gegenwart haben nur ganz wenige der damals noch so Jungen (Fotografen und Fotografierten) einen geachteten Platz gefunden. Eine bittere Wahrheit, die zu erkennen jedem Betrachter selbst überlassen bleibt.
Übergangsgesellschaft. Porträts und Szenen 1980 bis 1990. Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Berlin-Mitte. Bis 11.10., Di-So 11-20 Uhr
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