|
Botschaftsattaché Gong Yun beim Eröffnungszug
Foto: Liu Huaxin
|
Diesmal waren wir hier nicht nur bloß auf einen gemütlichen Latte Macchiato verabredet, im Café »en passant« an Berlins Schönhauser Allee. Das Szenelokal, wo sich sonst in überparteilicher Eintracht, allerdings nach dem Terminkalender fein säuberlich getrennt, alle am Prenzlauer Berg politisch relevanten Gruppen regelmäßig versammeln, ist an diesem Juliwochenende die Arena, in der sich die Besten der Republik Duelle mit Streitwagen und Katapulten, Elefanten, Reitern und Fußsoldaten liefern. Dieses martialische Arsenal gehört nämlich zum Szenario des »Xiangqi«, der original chinesischen Schachvariante, die sich, davon ist jedenfalls die Mehrheit der Gelehrten in Fernost überzeugt, schon vor mehr als zwei Millennien im Reich der Mitte entwickelt hat.
Die Deutsche Meisterschaft 2009 in Asiens Denksport Nr. 1 hat besondere Brisanz, weil sie zugleich über die Qualifikation für die diesjährige WM entscheidet, die vom 28. August bis 3. September in Xintai ausgetragen wird, einer 1,4-Millionen-Einwohner-Stadt in der chinesischen Provinz Shandong. Am Vorabend der Nationenkämpfe wird dort das schwarz-rot-goldene Team gegen eine Auswahl von Peking antreten.
Entsprechend hat es sich in Berlin der Presseattaché der chinesischen Botschaft, Herr Gong Yun, nicht nehmen lassen, persönlich das Café »en passant« aufzusuchen und die Deutsche Xiangqi-Meisterschaft zu eröffnen. Indem der junge Diplomat nämlich den ersten Zug ausführt fürs Spitzenspiel zwischen dem amtierenden Champ Lai Hop Duong, einem gebürtigen Vietnamesen aus Bremen, und der einzigen Frau im Feld, Wu Cai Fang aus Erlangen.
»Gemeinsames Spiel verbindet die Völker«, diktiert Herr Gong Yun den Hauptstadtkorrespondenten von Pekinger Volkszeitung und dem Intellektuellenblatt »Guangming Daily« in die Notizblöcke. Wobei die Vertreter der chinesischen Medien gerade erst verblüfft zur Kenntnis genommen hatten, dass es auch im nördlichen Europa eine höchst aktive Xiangqi-Szene gibt.
Dominiert wird die natürlich von Expatriates aus dem Fernen Osten. Doch immerhin halten auch zwei Langnasen bei der Deutschen Meisterschaft tapfer mit gegen die Konkurrenz, die in den Turniersälen Asiens geschult worden ist. Zwar holt den Meisterpott am Ende einer der Favoriten, der chinesische Student Weng Hanming aus Bernburg. Der 28-Jährige verliert kein Match, lässt allein zwei Unentschieden zu und verweist mit vier Punkten aus fünf Partien den Vorjahressieger Lai Hop Duong auf Rang 2 (3,5 P.). Dennoch kann auch Andreas Klein aus Salzgitter zufrieden sein: Der 44-jährige Webmaster einer der wichtigsten deutschen Xiangqi-Portale hängt am Ende die Chinese-Chess Queen Wu Cai Fang ab (1,5 P.) und schiebt sich auf Platz 4 vor (2,5 p.).
Eine Liga, deren Klasse der ND-Autor (Foto r.) weiterhin aus dem gebührenden Abstand des Fußvolks bestaunen darf. Nachdem die leider nicht zu verleugnende massive Fehleinschätzung, was die eigene Spielstärke betrifft, während der Vorschlussrunde der deutschen Mannschaftsmeisterschaft zu Pfingsten in Hamburg auf Normalmaß zurückgestuft worden ist (ND berichtete), bleibt in Berlin ohnehin nur der Trostlauf im offenen Sommerpokal.
Bei dem lässt es sich zunächst erstaunlich gut an, nach einem turbulenten Auftaktsieg gegen einen Journalistenkollegen, den Sportreporter Joachim Lißner von Deutsche Welle TV. Aber das Schicksal schläft natürlich nicht, und nach der dritten Runde weiß der ND-Autor, dass er wohl besser noch ein wenig üben sollte. Eine Lektion, die ihm Rudi Reinders erteilt, ein 65-jähriger Diplomphysiker und obendrein Verfasser einer Sammlung von selbst komponierten Xiangqi-Problemen. Ein glücklicher Mann – mit Ehefrau Wu Cai Fang bildet er das Traumpaar des deutschen Xiangqi, und ein begnadeter Stratege: Er dominiert das Open und gibt gerade mal einen halben Punkt ab (6,5 aus 7 Partien).
Der ND-Autor indessen muss sich mit 4,5 Zählern bescheiden, das ist eine Performance von 64 Prozent, allerdings reicht das, wer hätte das gedacht, für den vierten Platz. Genug jedenfalls, um das Xiangqi-Fieber nicht abkühlen zu lassen. Zumal auch beim Chinaschach die Hoffnung zuletzt stirbt.
Weitere Infos zum deutschen XiangQi und zur Meisterschaft 2009: www.xiangqi-braunschweig.de
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
Preis: 9,95 €
Preis: 15,90 €
Werbung:
Werbung: