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Von Susann Witt-Stahl 01.08.2009 / Inland

Luxusmodernisierung Kampf angesagt

Anwohner des traditionellen Hafenviertels von Hamburg-St. Pauli wehren sich gegen neoliberale Stadtentwicklung

Die Abkürzung des Namens von dem Wohnungsbauprojekt Bernhard-Nocht-Quartier BNQ regt den Appetit vieler St. Paulianer an: »Barbecue statt BNQ«, fordern Stadtteilinitiativen, Anwohner und ansässige Gastronomen, die sich zu der Interessengemeinschaft NoBNQ! zusammengeschlossen haben. Aber ihre Gelüste sind nicht etwa fleischlicher Natur – statt Bratwürsten und Nackensteaks wollen sie lieber »Investorenträume grillen«.
Schon hundert Prozent Mieterhöhung hinter sich – die
Schon hundert Prozent Mieterhöhung hinter sich – die Kogge auf St. Pauli

Im ehemals ärmsten Stadtteil der Republik droht die Gentrifizierungswelle einen neuen Höhepunkt zu erreichen. Auf St. Pauli steht nicht nur der Baubeginn der »tanzenden« Luxustürme – Kostenpunkt 150 Millionen Euro – auf der Reeperbahn unmittelbar bevor. Nun wurde auch noch bekannt, dass die Investoren Köhler & von Bargen OHG einen Steinwurf von den ehemals besetzten und mehr als ein Jahrzehnt umkämpften Hafenstraßenhäusern entfernt umfangreiche Modernisierungs-, Abriss- und Neubaumaßnahmen planen.

Nach Angaben von NoBNQ! will das Hamburger Unternehmen auf insgesamt 15 Grundstücken und einer Fläche von 7000 Quadratmetern mehr als 80 Luxuswohnungen entstehen lassen. Die betroffenen Mieter, die zum für das erste Quartal 2010 geplanten Baubeginn weichen müssten, sind von dem Investor nicht über sein mindestens 17 Millionen Euro teures Vorhaben informiert worden. Die Anwohner erfuhren erst kürzlich davon, als ihnen das Protokoll einer internen Besprechung von Vertretern der Bezirksversammlung mit Beamten, Architekten und dem Investor zugespielt wurde, die am 5. März stattgefunden hatte. In dem Schriftstück heißt es: »Eine Rückkehr der Bestandsmieter in die sanierten, modernisierten oder neu errichteten Wohnungen kann nur erfolgen, falls diese neue Mietverträge abschließen.«

Auch wenn Köhler & von Bargen versichern, dass alle Mieter bleiben können – für Rechtsanwalt Marc Meyer vom Verein Mieter helfen Mietern gibt es keinen Zweifel: Bei dem BNQ-Projekt handelt es sich nicht um die seit vielen Jahren überfälligen Instandhaltungs-, sondern um Wertverbesserungsmaßnahmen zur Umwandlung von Altbauwohnungen in Renditeobjekte, die reiche Anleger nach St. Pauli locken sollen.

Sollte der Investor seine Pläne durchsetzen, befürchtet die NoBNQ!-Initiative, bedeute das für die rund 35 betroffenen Mietparteien – darunter viele Hartz-IV-Empfänger – horrende Mieterhöhungen und damit faktisch die Vertreibung aus dem Viertel: »Wer wenig Geld hat und seine Wohnung verliert«, so ein Sprecher, »findet auf St. Pauli nichts mehr.« BNQ sei ein »entscheidender Dominostein der Umstrukturierung« am Hafenrand, der schon vor seiner Realisierung negative Wirkung zeitigt: »Wir haben im Zuge einer CO2-Sanierung eine Mieterhöhung von hundert Prozent erhalten«, berichtet Riikka Beust, Mitinhaberin der Hafenbar Kogge.

Viele Kiez-Bewohner kochen vor Wut. »Zuerst hat mir der Staat den Job genommen, und jetzt will er mir auch noch die Wohnung nehmen«, beklagt eine arbeitslose Krankenschwester die neoliberale Politik des schwarz-grünen Senats – der durch den Erlass der Sozialen Erhaltensverordnung dem Investor einen Riegel vorschieben könnte.

In dieser Woche packte NoBNQ! offiziell den Fehdehandschuh aus: »Wir entscheiden, was hier gebaut wird«, sagte eine Sprecherin der Initiative. »Das ist eine Kampfansage.« Kreative Protestaktionen wie eine öffentliche »Bezirksversammlung« mit Konzerten und Ausstellungen sollen unterstreichen, dass die Anwohner Ernst machen.

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