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Dieter B. Herrmann 07.08.2009 / Bildung

Bildungspolitischer Glückstreffer

Seit 50 Jahren gibt es das Schulfach Astronomie, aber nur für einen Teil der deutschen Schüler

Über zu viel naturwissenschaftliche Bildung an deutschen Schulen hat sich in jüngerer Zeit niemand beklagt. Ein Schulfach Astronomie könnte helfen, die naturwissenschaftliche Bildung insgesamt zu verbessern.
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Eine Besonderheit im deutschen Schulsystem hatte die DDR im Jahre 1959 etabliert: Astronomie als curriculares Schulfach für alle Schüler. Gewiss, es wurde seinerzeit eingeführt im Sog der politisch-ideologisch wirkungsvollen Erstleistungen der Sowjetunion auf dem Gebiet der Raumfahrt. Die US-amerikanische Tour de Force zum Mond (Apollo 1969-1972) war die unmittelbare und durchaus höchst respektable Antwort der anderen Supermacht zur Überwindung ihres Traumas. Damals reagierte man übrigens auch in der (alten) Bundesrepublik schulpolitisch. In einer Rahmenvereinbarung zur Reform der Oberstufe wurde Astronomie 1972 als frei wählbares Fach in den Klassenstufen 12 und 13 des Gymnasiums eingeführt, wovon insbesondere Bayern und Baden Württemberg auf hohem Niveau Gebrauch machten.

Mit Brachialgewalt durchgesetzte Abschaffung

Doch unabhängig von diesen Hintergründen erwies sich die Astronomie an den Schulen bald als ein bildungspolitischer Glückstreffer. Gerade deswegen hatten ja hervorragende Vertreter der bürgerlichen Pädagogik wie Adolph von Diesterweg und andere bereits im 19. Jahrhundert die Astronomie als ein leitmotivisches Schulfach gefordert, das es im Mittelalter an den Stadt- und Ratsschulen längst schon einmal gegeben hatte. Die Forderung nach dem Fach blieb stets lebendig, bedurfte aber offenbar erst einer besonderen weltpolitischen Situation und eines ideologisch geprägten Impulses, um endlich umgesetzt zu werden. Während jedoch Ideologie nur Interpretation ist, wohnen dem Fach ganz andere Potenzen inne. Heutzutage, wo es in den Schulen nicht nur um Wissensvermittlung, sondern vor allem um Kompetenzerwerb, fächerübergreifendes Lernen und das Verstehen von Zusammenhängen geht, erweist sich die Astronomie als ein kaum zu übertreffendes Hilfsmittel bei der Umsetzung dieses Anspruchs. In der As- tronomie fließen heute zahlreiche Wissenschaften zu einer unauflöslichen Einheit zusammen, von Physik, Chemie, Biologie, den Technikwissenschaften, von Informatik und Mathematik bis zu Philosophie, Religion und den Künsten. Diese Zusammenhänge werden aber nur deutlich, wenn sie in einem zusammenhängenden Curriculum und von besonders dafür ausgebildetem Personal vermittelt werden.

Zudem ist die Astronomie nach wie vor jene Wissenschaft, die zur Ausformung eines zeitgemäßen Weltbildes den nachhaltigsten Beitrag liefert. Gerade auch die Vermittlung dieser Kompetenz wird von Fachorganen der Bildungswissenschaftler und Pädagogen immer wieder gefordert. Mit Blick auf die heutige junge Generation muss noch ein weiterer wichtiger Aspekt betont werden: Astronomie vermag die Schüler tatsächlich für Naturwissenschaften zu begeistern. Ihr hoher Anteil an spekulativen Theorien, der sich geradezu metaphorisch in solchen Begriffen wie »Urknall», »Schwarzes Loch« oder »Antimaterie« ausdrückt, kommt der Neigung vieler junger Menschen entgegen, sich »spannenden« Science-Fiction-Themen zu widmen. Als sich die Sächsische Landesregierung im Jahre 2002 entschloss, das obligatorische Schulfach Astronomie nach 43 Jahren abzuschaffen, waren unter den 30 000 schriftlichen Protesten wohl gerade deshalb auch zahlreiche Briefe von Schülern und Eltern!

Die mit Brachialgewalt durchgesetzte Abschaffung des Schulfaches Astronomie in Sachsen, vom Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck als »Unfall auf der Spielwiese der Kulturhoheit« bezeichnet, löste zahlreiche Initiativen zur Einführung von Astronomie für alle Schüler in Deutschland aus. In einem »Professorenbrief«, den insgesamt 117 weltweit anerkannte Wissenschaftler, darunter Akademiepräsidenten und Direktoren von Max-Planck-Instituten unterzeichneten (die meisten von ihnen aus den Altbundesländern, der Schweiz und Österreich), wurde die allgemeine Einführung des Faches gefordert. Desgleichen engagierten sich die Initiativgruppen »ProAstro« in Thüringen und Brandenburg dafür. In Hessen gründete sich 2008 eine »Deutsche Gesellschaft für Schulastronomie«.

Gegenwärtig besteht folgende Situation: in den Bundesländern Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt ist Astronomie (seit 50 Jahren) ein obligatorisches Schulfach. In Sachsen wurde ein Teil des Inhalts des früheren Curriculums in das Fach Physik verlagert. Soweit die entsprechenden Lehrer nicht zusätzlich für Astronomie ausgebildet wurden, klagen sie allerdings selbst über mangelnde Qualifikation für die Übernahme diese Lehrinhalte. In Brandenburg wird As-tronomie neuerdings wieder als Wahlfach angeboten. Die Entscheidung obliegt den jeweiligen Schulleitern nach Gutsherrenart, die dabei außerdem berücksichtigen müssen, ob ihnen entsprechend qualifizierte Lehrkräfte zur Verfügung stehen. Deren Zahl verringert sich aber infolge fehlender Nachausbildung ständig. An den Schulen in Bayern und Baden-Württemberg besteht ein freiwilliges Angebot. Die Lehrer werden über Institute für Lehrerfort- und Weiterbildung qualifiziert.

Astronomie nicht für alle Schüler

Uneinheitlich wie die Situation an den Schulen selbst sind auch die Meinungen der mit Astronomie in Deutschland Befassten. Über »Mehr Astronomie in die Schulen!« besteht Einhelligkeit. Aber nicht über das »Wie«. Während die einen konsequent das eigenständige Schulfach fordern, begnügen sich die »Astronomische Gesellschaft« und der »Rat Deutscher Sternwarten« mit der Forderung, mehr astronomische Inhalte in das Fach Physik zu integrieren. Die Europäische Südsternwarte (ESO) und die Europäische Raumfahrtagentur (ESA) mit ihren Education Departments setzen zur Motivation ihres dringend benötigten Nachwuchses auf die Herausgabe von Lehrer- und Schülermaterialien und Wettbewerbe. Volkssternwarten, Vereine und Amateurastronomen engagieren sich auf ihre Weise.

Indessen können sich die Politiker zurücklehnen. Es geschieht ja eine Menge, was sie nicht entscheiden, steuern und bezahlen müssen.

Der Autor ist Präsident der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin und war von 1976 bis 2004 Direktor der Archenhold-Sternwarte und von 1987 bis 2004 Gründungsdirektor des Zeiss-Großplanetariums Berlin.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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