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Von Jana Findeisen 08.08.2009 / Berlin / Brandenburg
Serie: Integration

Girl Power und Respekt gegen die leidigen Vorurteile

Dritter Teil der Integrationsserie: »Cultures of Berlin« aktiviert junge Potenziale an Marzahner und Neuköllner Schulen

Das Thema Integration ist in aller Munde. Doch wie sieht erfolgreiche Integrationspolitik tatsächlich im Kleinen aus? Dieser Frage geht das ND seit dem 25. Juli immer sonnabends an dieser Stelle nach, indem es insgesamt vier sogenannte Tandemprojekte vorstellt, die der rot-rote Senat im Rahmen seines Aktionsprogramms zur Integration fördert. Heute im dritten Teil der Serie ist es das Projekt »cultures of berlin«, das die Vereine Cultures interactive, Vision sowie 44kingz & queenz durchführen.
Enrico und Oliver im Fotostudio
Enrico und Oliver im Fotostudio

Jetzt steht Peter nur noch auf seinen Händen und hebt die Beine seitlich in die Luft – »Ein Babyfreeze – da kann man schon mal klatschen«, lobt Workshop-Leiter Mickey, der gerade dreizehn Jugendliche in der Turnhalle der Neuköllner Walter-Gropius-Schule in die Kunst des Breakdance einführt. Auch Celina, eines der vier Mädchen im Kurs, kann die komplizierte Position schon und führt sie stolz kichernd vor.

Die Neuntklässler haben sichtlich Spaß am Workshop, den sie sich aus einer Reihe von Veranstaltungen aussuchen konnten. Enrico, Oliver, Tabea und Juljia haben sich dagegen für den Fotografie-Kurs entschieden und knipsen sich gegenseitig in einem zum Fotostudio umfunktionierten Klassenraum. Ein paar Räume weiter produziert eine Gruppe Schüler gerade unter fachkundiger Anleitung professionelle Musikstücke am Computer, und auf der Wiese vor der Schule wird eine weiße Pappwand mit Graffiti besprüht.

Die Workshops sind Teil des vom Senat geförderten Projekts »cultures of berlin«, das in diesem Jahr in verschiedenen Neuköllner und Marzahner Schulen stattfindet. Organisiert und konzipiert hat das Projekt der Verein zur interkulturellen Bildung und Gewaltprävention Cultures Interactive e.V.. Er bringt benachteiligte Jugendliche dort hin, wo man sie eigentlich schon vermutet: zur Jugendkultur. Die Schüler werden in Subkulturen wie Breakdance, Graffiti und Street Art, Girl Power, Emo oder Rap, aber auch Medientechniken wie elektronische Musikproduktion oder Fotografie eingeführt und bekommen die Möglichkeit, sie selbst auszuprobieren. Überraschenderweise kennen viele der Schüler diese Ausdrucksformen nur aus dem Fernsehen, wie Anna Groß weiß: »Nur weil Jugendliche in urbanen Zusammenhängen wohnen, heißt das nicht, dass sie die urbane Kultur auch für sich erobert haben«, stellt die Kulturwissenschaftlerin, Skateboarderin und Projektkoordinatorin von Cultures Interactive fest.

Der Verein möchte die Jugendlichen mit diesem »jugendkulturellen Ansatz« nicht nur zum Selbermachen, sondern vor allem auch zu einer Auseinandersetzung mit Themen wie Gleichberechtigung und Gewaltfreiheit animieren. Dabei sollen Stereotype bewusst angegangen und durchbrochen werden, was sich schon in der Auswahl der Teamer spiegelt. So gibt Rapperin und Fritz-Radiomoderatorin Pyranja einen Radioworkshop, Anna Groß selbst unterrichtet Skateboarding. Dass auch Frauen so beeindrucken können, sei für die Jungen oft ein Aha-Effekt, für die Mädchen böten sich neue Rollenmodelle, erklärt Anna Groß. Um Themen wie Sexismus, Homophobie und Rechtsextremismus geht es auch, wenn vor den aktiven Trainings in Geschichte und Hintergrund der Jugendkulturen eingeführt wird.

Dass gerade Marzahn als der am stärksten mit dem Stereotyp Ausländerfeindlichkeit assoziierte Bezirk und Neukölln mit seinem hohen Anteil an Migrantenfamilien am Projekt teilnehmen, ist kein Zufall. Schüler dieser beiden so unterschiedlichen sozial schwachen Bezirke treten in »cultures of berlin« in einen Austausch, besuchen sich und führen gemeinsame Projekte durch. So sollen Perspektivwechsel möglich, Vorurteile entkräftet sowie Netzwerke geschaffen werden, die noch lange nach Projektende halten, hoffen die Organisatoren. Um diesen langfristigen Effekt zu erreichen, bildet Cultures Interactive Multiplikatoren vor Ort aus, die das Gelernte mit den Jugendlichen weiterführen können, behält mit den Schülern Kontakt und vermittelt ihnen Möglichkeiten, die neu entdeckte Kreativität weiter zu nutzen.

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